Die HBO-Serie „Vinyl“, masterminded unter anderem von Martin Scorsese und Mick Jagger, widmet sich ausführlich der Goldenen Rock-Ära der siebziger Jahre.
Die schlechte Nachricht zuerst: Der US-amerikanische Kabel-Gigant HBO hat sich entschlossen, definitiv keine zweite Staffel von Vinyl in Auftrag zu geben. Wenn man die kolportierten Kosten von rund 100 Millionen Dollar und den Nutzen (nur knapp 800.000 Menschen sahen in den USA den von Meister Scorsese himself verantworteten, fast zweistündigen Pilotfilm, der allein 30 Millionen verschlungen haben soll) gegenüberstellt, ist das wohl das, was man eine „vernünftige Entscheidung“ nennt. Ob es filmhistorisch die richtige ist, sei einmal dahingestellt. So viel hochkarätiges talent wird man kaum noch einmal vor und hinter die Kamera bekommen, allen voran die beiden 73-jährigen Herren Martin Scorsese und Mick Jagger, die, wie man hört, schon vor 20 Jahren den Plan ausgeheckt hatten, nichts weniger als den ultimativen Rock’n’Roll-Film herzustellen. Daraus wurde seinerzeit nichts. Angesichts des schier nicht abreißen wollenden Serienbooms schien nun die Zeit dafür reif. Und mit dem 56-jährigen New Yorker Terence Winter, Autor von 25 Sopranos-Episoden, Mastermind hinter der Serie Boardwalk Empire und Drehbuchautor von Wolf of Wall Street, schien der geeignete Mann gefunden, um den zunächst zehn veranschlagten Episoden Leben einzuhauchen.
Vinyl beginnt eines Abends im New York des Jahres 1973, als Richie Finestra (Bobby Cannavale) vollkommen zugedröhnt in seinem Auto sitzt und feststellt, dass sein Leben und seine Karriere in einer veritablen Sackgasse gelandet sind. Dem Boss des ehemals erfolgreichen Plattenlabels American Century Records sitzt die Konkurrenz im Nacken. Seine Acts sind mehrheitlich nicht mehr ganz taufrisch, und die Superstars, etwa Led Zeppelin, unterschreiben anderswo. Seine Versuche, Superstars wie Alice Cooper von anderen Firmen abzuwerben, scheitern ziemlich kläglich. Notgedrungen haben sich Richie und seine Partner darauf verständigt, die Firma an die deutsche PolyGram („fucking Nazis“) zu verkaufen, und auch Richies Beziehungen zu seiner Frau, dem aus dem Andy-Warhol-Umfeld stammenden Model Devon (Olivia Wilde), zu seinen Geschäftspartnern und zur Musikbranche insgesamt, zu seinen Freunden und Kollegen in der Firma und, ja, auch die zur Realität, sind massiv im Ungleichgewicht.
Dazu kommen – trotz gegenteiliger Beteuerungen – eine handfeste Drogensucht und sein aufbrausendes, von jeglicher Diplomatie freies Temperament: Kein Zweifel, Richie Finestra hat ein Problem. Doch siehe: An jenem schicksalhaften Abend in seinem Auto sieht er junge Leute zu einem Konzert im Mercer Arts Center strömen, und er folgt ihnen. Es spielen, wie sich herausstellt, die grandiosen Glam-Rocker New York Dolls – und Richie hat eine Erleuchtung, verstärkt und begünstigt durch die Tatsache, dass der Konzertsaal in Trümmer fällt. (Kleine Anmerkung: Das reale Mercer Arts Center stürzte am 3. August 1973 ein, allerdings um 17 Uhr, nicht während eines Konzerts.) Richie überlebt wie durch ein Wunder und sieht das dramatische Ereignis als Zeichen: Er darf seinen Traum nicht aufgeben, er muss weiterkämpfen, er muss seine Firma behalten und sie neu beleben – und natürlich muss er seine Ehe retten. Genau von diesen zahlreichen Aufgaben handeln die anderen neun Episoden. Doch da gibt es noch einen winzigen Haken: Ein enorm wichtiger Radiosender bzw. dessen Chef „Buck“ Rogers weigert sich, American Centurys Künstler zu spielen …
Was mag nun die HBO-Bosse bewogen haben, den teuren Spaß zu stoppen? Ohne Zweifel findet, wer das Negative an der Serie suchen will, genug „Futter“: Die Entwicklung der Figuren und des Plots droht immer wieder unter den reichhaltigen Äußerlichkeiten (Production Design, Kostüme, „Look and Feel“ der siebziger Jahre) zum Erliegen zu kommen. Möglicherweise bedingt durch unterschiedliche Drehbuchautoren und Regisseure, ergeben sich vor allem in der zweiten Hälfte der epischen Erzählung Wiederholungen (zum Beispiel Richies oftmalige Wutausbrüche im Büro) und Redundanzen, die der Sache nicht unbedingt dienlich sind.
Gleichzeitig ist es natürlich die meisterhaft – irgendwo muss das viele Geld ja hingeflossen sein – rekonstruierte Welt der Goldenen, wenn auch zu Ende gehenden Rock-Ära (Disco, Punk und Rap dräuen am Horizont), die Vinyl erst sein Leben einhaucht. Für Rock-Interessierte, die wohl wichtigste Zielgruppe, ist es ein Spaß, nicht nur die en masse gedroppten Namen und die real nachempfundenen Künstler (von Robert Plant über Elvis Presley und Lou Reed bis hin zu Andy Warhol – grandios besetzt übrigens mit Hedwig and the Angry Inch-Regisseur John Cameron Mitchell) zu verfolgen, sondern auch die fiktiven. Wie so viele andere filmische Unterfangen, die sich, durchaus auch mit kritischen Absichten, mit Rockmusik beschäftigt haben – man denke etwa an Cameron Crowes Almost Famous, Paul Schraders Light of Day oder – eine Etage tiefer – an Floria Sigismondis The Runaways, erliegt auch dieses durchaus lustvoll der eigenen Faszination an all den Klischees (oder ewigen Wahrheiten, wer weiß das schon so genau) von Sex & Drugs & Rock’n’Roll. So määndert Vinyl nicht ziellos, aber doch eher ohne Eile seinem wohl in Erwartung der zweiten Season konzipierten, recht offenen Ende entgegen, an dem wir, ehrlich gesagt, nicht viel schlauer sind als zu Beginn.
Es wird wohl so sein, dass im überhitzten Serienhype-Milliardengeschäft kein Platz ist für solch breit ausgewalzte Pastichen. Man kann richtig vor sich sehen, wie die HBO-Verantwortlichen Epsiode für Episode nervöser mit den Finger trommelten – nach dem Motto „Wann passiert denn nun endlich etwas?“ Wenn dem so war, dann haben sie, kein Zweifel, das Konzept nicht gründlich gelesen oder es schlicht nicht verstanden. Vinyl lebt(e) eben nicht von einer atemlos-sensationellen Handlung, die von Höhepunkt zu Höhepunkt strebt, sondern von seiner intimen Kenntnis des Rock’n’Roll-Zirkus, vom geballten Wahnsinn seiner Protagonistinnen und Protagonisten und von den zahllosen prächtigen Vignetten und Details. Allein die Angehörigen der Warhol-Clique, komplett mit skandinavischer „Ingrid“ und deutschem „Ernst“, sind eine Kostbarkeit für sich. Oder der protzige schwarze Macho-Soul-Star „Hannibal“ (Daniel J. Watts). Oder die aufstrebende Band Nasty Bits, in der sich eine rotzige Punk-Attitüde ankündigt und in der Richie, zunächst skeptisch, schließlich die Zukunft von American Century verkörpert sieht. Schauspielerisch angeführt werden die Nasty Bits von James Jagger, seines Vaters Sohn, der hier auffälliges Talent beweist und gutes Aussehen sowieso mitbringt.
Bleibt als Fazit die Erkenntnis, dass man gerne mehr von Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg des Richie Finestra gesehen hätte, mehr von Bobby Canavale, der sich buchstäblich verbeißt in seine äußerst umfangreiche Rolle, mehr auch von Olivia Wilde als wirklich „coole“ Frau, die mit dem ganzen Sex & Drugs & Rock’N’Roll-Macho-Bullshit nichts mehr zu tun haben will, mehr von den fein ausdifferenzierten Figuren im American-Century-Büro – und natürlich mehr von der großartigen Musik, die die zehn Episoden mehr als nur untermalt. Wer weiß – vielleicht setzt sich ja in einigen Jahren die Erkenntnis durch, dass Vinyl dringend ein Sequel braucht.
