Filmfestival

Phönix aus der Asche

| Marietta Steinhart |
Das Tribeca Festival fand diesmal von 9. bis 20. Juni statt. Eröffnet wurde in diesem Jahr mit In The Heights. Das fröhliche Broadway-Musical über das Verwirklichen der eigenen Träume in den Straßen von New York war ein deutliches Zeichen für die Neu-Belebung nach dem bizarren Pandemie-Funk.

Das Tribeca Festival (das „Film“ im Titel wurde gestrichen) wurde im Mai 2002 von Robert De Niro, Produzentin Jane Rosenthal und dem Immobilieninvestor Craig Hatkoff als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September gegründet. Es wurde als der Phönix betrachtet, der aus der Asche der Stadt wieder auferstanden war. Die Idee war, Filme zu benutzen, um eine trauernde Stadt zusammenzubringen und die Wirtschaft anzukurbeln. Nelson Mandela schaute vorbei und versicherte den New Yorkern, dass Film die Macht habe, trauernde Herzen zu heilen. Nachdem die Corona-Pandemie das Leben der Menschen in New York erneut ziemlich verwüstet hat, sehen wir also jetzt den mythischen Vogel, wie er sich ein zweites Mal aus der Asche neu erhebt.

Tribeca war das erste große nordamerikanische Filmfestival nach Covid, das Veranstaltungen live anbot. Wo es ging, wurden Leinwände aufgebaut und die Sitzplätze erweitert, um mehr Publikum zu ermöglichen. Ein guter Teil der Filme, die wegen des abgesagten Festivals im vergangenen Jahr nicht gezeigt werden konnten, feierte seine Premiere in diesem Jahr. Es gab 56 Weltpremieren aus 23 Ländern.

Unter der Regie von Jon M. Chu (Crazy Rich Asians) folgt In the Heights einer Gruppe von Träumern im titelgebenden Washington Heights, einem weitgehend lateinamerikanischen Viertel am nördlichen Zipfel von Manhattan. Seine Adaption von Lin-Manuel Mirandas Bühnenmusical aus dem Jahr 2005 ist ein betörendes Spektakel, ein Ort voller Klänge und Farben, die alle aufeinanderprallen und sich in so etwas wie einer berauschenden Explosion der Lebensfreude vermischen, inklusive einem Wasserballett, das man so seit Million Dollar Mermaid (1952) nicht gesehen hat. Der Film fühlt sich ungefähr so lebendig an wie die allererste Szene in La La Land (2016) – aber das 143 Minuten lang.

Ein anderer, der seinem Traum gefolgt ist, ist der in Kärnten geborene Wolfgang Puck. Eine neue Doku, die seinen Namen trägt, Wolfgang (ab 25. Juni auf Disney+), widmet sich seiner schwierigen Kindheit in Sankt Veit an der Glan und folgt ihm bis zu den Filmgöttern in Hollywood. Es gibt mehr als nur einen Hauch von Disney-gerechtem Believe-in-yourself-Optimismus und viele Aufnahmen von Wiener Schnitzel, Räucherlachspizza und mit Schokolade verzierten Oscars. Der freundliche Puck, immer braun gebrannt und bereit für ein Close-Up, hat eine unglaublich beeindruckende Karriere hingelegt, nicht selten auf Kosten seiner Privatsphäre, und auch das zeigt dieser Dokumentarfilm von David Gelb.

Die interessantere Dokumentation, die sich auch um einen Koch dreht, ist Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain. Regisseur Morgan Neville, bekannt für 20 Feet from Stardom (2013), zeigt die öffentliche Persönlichkeit des tragisch verstorbenen Bourdain und kreuzt sie mit privaten Szenen aus Heimvideos. Er enthüllt einen Menschen, der fast durch einen Zufall berühmt wurde und dann für den Rest seines Lebens eine angespannte Liebesbeziehung mit dem Rampenlicht pflegte.

Das noch relativ junge Tribeca unterscheidet sich von Toronto, Telluride und Sundance darin, dass seine Filme normalerweise kein Futter für die großen Preisverleihungen sind, sodass man unkonventionelle neue Stimmen erleben kann, aber auch viele Prominente. Und es war erfrischend, Promis auf der Bühne zu sehen, anstatt in ihren millionenschweren Häusern auf Zoom. Wes Anderson etwa erschien mit dem Ensemble von The Royal Tenenbaums, der auch sein 20-Jahre-Jubiläum feierte.

Die Filme selbst waren anständig, ein paar sehr erwähnenswert. Pan Nalin hat seine persönliche Geschichte mit der Cinema-Paradiso-Prämisse eines Jungen namens Samay (Bhavin Rabari) verbunden, der die Liebe zum Film entdeckt. The Last Film Show ist ein optisch zutiefst ideenreicher Film und spätestens, wenn Samay dabei zusehen muss, wie Zelluloidfilme eingeschmolzen und als bunte Armbänder wiedergeboren werden, kommen jedem Cinephilen die Tränen.

Während es schön ist, Träume zu haben, und diese auch zu pflegen, kann man daran auch zerbrechen. Das passiert in dem Spielfilmdebüt The Novice von Regisseurin Lauren Hadaway, die in diesem Jahr den Jury-Preis für den besten amerikanischen Spielfilm, für die beste Schauspielerin (Isabelle Fuhrmann) und die beste Kamera (Todd Martin) gewonnen hat. Das Drama, fast schon ein Horrorfilm, führt uns in die Welt einer queeren Studentin, die sich dem Ruderteam anschließt, um einen Platz im College-Team zu ergattern und sich dabei fast selbst zerstört. Isabelle Fuhrman, die am besten als das gruselige, kleine Mädchen aus The Orphan (2009) bekannt ist, gibt eine starke Performance, es fällt schwer, den Blick von ihr abzuwenden.

Wie Menschen bereitwillig die Opfer für den „chinesischen Traum“ tragen, das zeigt brillant der zum besten Dokumentarfilm gekürte Ascension der chinesisch-amerikanischen Filmemacherin Jessica Kingdon. Im Kern geht es um die Erforschung der Menschlichkeit und Würde des Arbeiters, auch wenn das System, in dem er existiert, ihn dazu zwingt, entwürdigende Umstände zu ertragen, die manchmal an absurd und gruselig grenzen. Eine Person baut Plastikflaschen zusammen, eine andere bepudert die Intimzonen einer Sexpuppe, und eine andere Person nimmt an einem Seminar teil, um das richtige Lächeln zu lernen. Sie alle wollen ein kleines Stück vom chinesischen Wirtschaftswunder.

Weiters zu sehen: ein zu vernachlässigendes neues Drama über Ted Bundy mit Elijah Wood (No Man of God), eine Doku über den amerikanischen Komponisten Leonard Bernstein (Bernstein’s Wall) und Steven Soderberghs Neo-Noir-Thriller No Sudden Move (der dieser Autorin leider verwehrt wurde).

Erwähnenswert ist auch, dass das Festival zum ersten Mal Videospiele als offizielle Auswahl neben Film und Fernsehen anerkannte. Luis Antonios Twelve Minutes, ein „interaktiver Thriller“, hebt Elemente beider Welten hervor. Ein Mann (James McAvoy) kommt nach Hause, um mit seiner Frau (Daisy Ridley) einen romantischen Abend zu verbringen, nur um kurz darauf von einem Fremden (Willem Dafoe) grausam angegriffen zu werden. Als der Mann das Bewusstsein wiedererlangt, erkennt er, dass er zwölf Minuten in der Vergangenheit ist. Der Spieler oder die Spielerin wiederholt dasselbe Szenario immer wieder und nimmt jedes Mal neue Details auf, bis das Rätsel gelöst und die Zeitschleife unterbrochen ist.

Das Tribeca Festival endete mit der Weltpremiere von Dave Chappelles Untitled: Dave Chappelle Documentary (unter der Regie von Julia Reichert und Steven Bognar) in der erstmals wieder offenen Radio City Music Hall. Mit einer 100-prozentigen Auslastung und tanzenden, geimpften Zuschauern.

tribecafilm.com