Plötzlich Gigolo / Fading Gigolo

Filmkritik

Plötzlich Gigolo / Fading Gigolo

| Walter Gasperi |
John Turturro wandelt in seiner New-York-Komödie auf den Spuren seines Vorbildes Woody Allen.

Es beginnt in quadratischem Format mit unscharfen Homevideo-Aufnahmen eines Blocks in Brooklyn und aus dem Off kündigt eine Stimme die Schließung des vom Großvater geerbten Buchladens an. Mit dem Sprung in den Laden wechselt der Film zu Breitwand und als Sprecher entpuppt sich der von Woody Allen gespielte Murray Schwartz. Dieser ist nun zwar arbeitslos, findet aber in der Vermittlung seines Freundes Fioravante (John Turturro) als professionellen Liebhaber an eine Hautärztin (Sharon Stone) und weitere Damen rasch ein neues und sehr lukratives Geschäftsfeld. Denn als Agent – treffender wäre wohl die Bezeichnung Zuhälter – mit dem klingenden Künstlernamen Dan Bongo will er nicht nur bei Fioravantes Honoraren, sondern auch beim Trinkgeld mitnaschen.

Während Allen gewohnt extrovertiert agiert, spielt Turturro den Gigolo wunderbar zurückhaltend als unsicheren und einsamen Mann. Doch als dieser Florist sich in seinem neuen Job um die Witwe (Vanessa Paradis) eines Rabbis kümmern muss, erwachen in ihm langsam verschüttete Gefühle, während die verhärmte Frau, die als orthodoxe Jüdin zunächst jeden körperlichen Kontakt ablehnt, durch seine Massagen aufblüht und zunehmend gelöster agiert. Leichthändig, aber nicht leichtfertig erzählt Turturro nicht nur von Einsamkeit und Sehnsüchten, die tief in den Menschen schlummern, sondern bietet nebenbei auch einen – freilich komödiantisch verzerrten – Einblick in die orthodoxe jüdische Gemeinde, deren strenge und ein befreites Leben verhindernde Regeln in Frage gestellt werden. An spritzigen One-linern fehlt es ebenso wenig wie an Allens Standardthemen Tod, Krankheit und Judentum. Lustvoll spielt der notorische Stadtneurotiker seinen Part, aber Turturro benutzt ihn in erster Linie als witzigen Sidekick, während das Hauptinteresse der Wandlung der Titelfigur – und der Witwe – gilt, die leise und einfühlsam geschildert wird. Liebesglück mag sich hier zwar nicht einstellen, traurig endet Fading Gigolo dennoch nicht, sondern offen mit dem Beginn einer möglichen neuen Geschichte.

Auch optisch und akustisch hat Turturro den passenden Ton für diese Geschichte gefunden: Herbstlich gefärbtes Laub bei einem Spaziergang durch den Central Park und die Dominanz von Braun- und Gelbtönen evozieren eine warme Atmosphäre. Dazu kommt sanfter Jazz, der nicht nur Melancholie verbreitet, sondern auch viel beiträgt zum runden und sympathischen Gesamteindruck dieser Komödie, der zwar auf den Spuren Woody Allens wandelt, aber doch eine ganz eigene Note findet.