Als TV-Produzentin Mary Mapes zeigt Cate Blanchett in „Truth“, was passiert, wenn die Leute, die Nachrichten machen, selbst zu Schlagzeilen werden. Ein Gespräch über Medien, Macht und ein Leben aus dem Gleichgewicht.
Cate Blanchett hat ein Händchen für Frauen, die in Ungnade fallen. Ob auf der Bühne in Stücken wie „Electra“, „Hedda Gabler“ und „A Streetcar Names Desire“, oder in hochgelobten Filmen wie Elizabeth, Blue Jasmine und Veronica Guerin, ihre Figuren haben es stets in sich und meistens mehrere Probleme zugleich. Nach ihrer Glanzleistung in Todd Haynes‘ lesbischem Liebesdrama Carol nimmt sich die 1969 in Melbourne geborene Australierin nun in James Vanderbilts Regiedebüt Truth der TV-Produzentin Mary Mapes an, die wegen ihrer Reportage über Präsident George W. Bush und seine Akte aus der Zeit bei der Texas Air National Guard im September 2004 gemeinsam mit ihrem engen Freund und Kollegen, der Nachrichten-Ikone Dan Rather, ins Kreuzfeuer geriet und daraufhin von ihrem langjährigen Arbeitgeber CBS entlassen wurde. Ein Jahr später veröffentlichte Mapes ihr Buch „Truth and Duty: The Press, the President and the Privilege of Power“, auf dem Vanderbilts Film lose basiert. Kurz darauf wurde Rather als Moderator der CBS Evening News nach 44-jähriger Tätigkeit entlassen. Der kritische Bericht über die Zeit des damaligen Präsidenten bei der Nationalgarde, der damals als Teil der wöchentlichen Reportagereihe 60 Minutes ausgestrahlt wurde, basierte auf fragwürdigen Informanten und Dokumente, die unter dem Verdacht der Fälschung stehen – bewiesen ist allerdings bis heute weder das eine noch das andere.
Mrs. Blanchett, denken Sie, dass Sie als Australierin einen gewissen Abstand zu der Geschichte haben, die in Truth erzählt wird?
Der Film behandelt ein ganz bestimmtes Kapitel US-amerikanischer Mediengeschichte, das stimmt schon. Aber ich denke, dass in dem Ganzen auch ein sehr universeller Kern steckt. Ich bin mit 60 Minutes aufgewachsen, in Australien, das heißt, ich weiß ziemlich genau, worum es geht. Aber man muss die Sendung oder die Einzelheiten nicht kennen, um zu verstehen, dass hier die Karriere einer Frau aus den Angeln gehoben wird, weil sie etwas sagt, das kontrovers ist und vielleicht eine unangenehme Wahrheit ans Licht bringt. Und das faszinierende an dem Film ist, dass er zeigt, wie schnell die eigentliche Geschichte, um die es in der Reportage ging, in dem ganzen Trubel in Schall und Rauch unterging. Denn es ist schon interessant, dass ich selbst mich zwar noch sehr genau an die Swift-Boat-Affäre um John Kerry erinnern kann und wie darüber berichtet wurde, obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht in Amerika gelebt habe. Aber was die Zweifel an Bushs Vietnam-Ersatzdienst in der US-Nationalgarde angeht beziehungsweise die Tatsache, dass er über einen langen Zeitraum unentschuldigt gefehlt haben soll, das war mir nicht mehr so präsent. Die Frage ist also, wer kontrolliert die Information? Wer macht Stories wie diese unsichtbar?
Halten Sie es für möglich, dass der Film eine Art Ripple-Effekt auf den aktuellen Wahlkampf haben kann?
So wie es in All the President’s Men nicht um Nixon ging, geht es auch in Truth nicht um George W. Bush oder die Republikaner. Wobei es, nebenbei bemerkt, schon famos ist, dass Robert Redford in beiden Filmen mitspielt. Aber ich denke, es geht vielmehr um die ungesunde Verschmelzung eines kommerziellen Amerika, seiner Medien und seiner Politiker. Und der Film wirft eine Reihe äußert interessanter Fragen auf, nicht nur für die amerikanische Bevölkerung, sondern für die westliche Welt und ihre Medien im Allgemeinen. Fragen, die man im Hinterkopf haben sollte, wenn man zur Wahlurne geht. Denn was weiß man denn schon, von den Debatten, die bisher stattgefunden haben. Das Rennen hat begonnen, aber dahinter steckt sehr wenig Inhalt. Es geht in erster Linie um Persönlichkeiten und Hauruck-Umfragen. Und das ist in Australien nicht anders. Man hat das Gefühl, dass die Medien den Wahlkampf bestimmen, vielmehr als die Ideen und Visionen, die dahinter stehen.
Hat die Arbeit an dem Film Ihre persönliche Sichtweise auf den Journalismus verändert?
Na ja, ich habe ja schon aufgrund meiner Arbeit mehr mit Journalisten zu tun, als mir eigentlich lieb ist. Aber natürlich konsumiere ich Nachrichten und Informationen. Es interessiert mich, was in der Welt passiert. Nur gibt es heutzutage immer weniger investigativen Journalismus im Fernsehen. Im Film macht Jamie [James Vanderbilt] einen wichtigen Punkt als Dan Rather sagt, dass Nachrichten Geld machen. Ich denke, das ist ein recht unanfechtbares Argument. Und für uns wird es immer schwerer, Meinungen von eigentlichen Fakten zu unterscheiden. Man muss schon sehr gewissenhaft damit umgehen, was einem heutzutage an Informationen geboten wird. Allein in der Hinsicht fand ich die Geschichte, die im Film erzählt wird, sehr aufschlussreich. Was mich dabei weniger überrascht hat, war die relative Nähe zwischen Politikern und unseren Medienorganen.
Können Sie sich noch an Ihr erstes Treffen mit Mary Mapes erinnern?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich bei dem Film nicht um ein Biopic über Mary Mapes oder Dan Rather handelt. Aber ja, ich erinnere mich gut. Der Film kam sehr schnell aus den Startlöchern, während ich gerade in New York am Theater spielte. Daraufhin fragte ich Jamie, ob er nicht eine Möglichkeit sieht, dass ich mich mit Mary treffen könnte, solange ich noch in der Stadt bin, und sie war sofort da. Sie kam zu einer Vorstellung und das muss schon sehr komisch für sie gewesen sein, mich in „The Maids“ auf der Bühne zu sehen und dann zu denken, die Frau soll mich spielen? Aber wir haben uns danach zusammengesetzt und ich wollte zunächst einmal einfach ein Gefühl dafür bekommen, wie sie im Nachhinein mit einem gewissen Abstand zu der Geschichte steht. Wie tief die Wunde ist, sozusagen – und sie ist tief! Ich denke, sie ist bis heute nicht ganz verheilt, nicht für Mary, nicht für Dan und auch nicht für CBS. Wir haben uns dann noch ein, zwei Mal getroffen und später viel über Skype miteinander kommuniziert, als ich wieder in Australien war.
Der Film basiert lose auf Marys Buch „Truth and Duty“.
Ja, aber es ist natürlich immer etwas anderes, wenn die Person, die man spielt, noch voll im Leben steht. Und in gewisser Hinsicht ist der Film auch eine Möglichkeit, die Berichterstattung über die Geschehnisse auszubalancieren, denn weder Mary noch Dan konnten damals öffentlich in der Presse oder den Medien darüber sprechen, dafür hatte CBS mit Hilfe von rechtlichen Restriktionen gesorgt. Das heißt, alle anderen konnte sich eine Meinung darüber bilden, was da passiert war, nur die direkt Beteiligten durften nicht reden. Und ich denke, dass hat Mary sehr gut getan, dass sie jetzt endlich die Gelegenheit hatte, ihre Sicht auf die Ereignisse mit der Welt zu teilen. Nicht unbedingt, um Sachen richtigzustellen, sondern einfach um alles rauszulassen.
Hat das einen besonderen Druck auf Sie gelegt, die Sache richtig zu machen, um Mary nicht doppelt zu enttäuschen?
Ich glaube, es ist ein anderer Druck im Spiel, wenn man eine Person wie Dan Rather verkörpert, den die Leute aus dem Fernsehen kennen. Seine Stimme, seine Gesten, die Art, wie er die Dinge präsentiert hat und wofür er eingestanden ist, das alles ist vielen Amerikanern noch sehr gut in Erinnerung. Und ich denke, Bob macht sich das auf großartige Weise zu Nutzen, ohne Dan Rather zu imitieren. So ähnlich habe ich das auch mit Mary versucht, aber natürlich stand sie immer hinter der Kamera. Als ich zugesagt hatte, die Rolle zu spielen, habe ich im Internet nach Archivmaterial gesucht, aber es gibt tatsächlich nur sehr wenige Interviews mit ihr, die meisten davon in eher obskuren Outlets, aufgenommen nachdem sie von CBS suspendiert worden war, weshalb sie darin ungemein verschlossen und defensiv rüberkommt. Ich fand das mitunter sehr schwierig, diese Mary mit der Mary in Verbindung zu bringen, die ich in New York getroffen hatte, die so lebhaft, aufgeschlossen und witzig war, und so gnadenlos intelligent. Aber diese beiden Extreme dienten mir quasi als Navigationshilfen bei den Dreharbeiten.
Hat Mary Ihnen gegenüber erwähnt, was Sie insgeheim am meisten verletzt hat? Dass CBS ihr das Vertrauen entzog, sobald die ersten Zweifel an der Echtheit der Dokumente aufkamen. Oder eher, dass ihre enge Beziehung zu Dan Rather unter der ganzen Sache gelitten hat?
Mary und Dan verbindet eine lange Freundschaft, die auf Loyalität und gegenseitigem Respekt basiert. Außerdem verbindet sie der tiefe Glauben daran, dass Journalismus wichtige Fragen stellen muss, dass es eine öffentliche Aufgabe ist. Auch Mary hat viele Jahre für CBS gearbeitet und sie fühlte sich verbunden mit 60 Minutes und der Art von investigativer Recherche, die die Sendung einst zum Vorzeigemodell in den amerikanischen Medien machte. Immerhin hatte sie kurz zuvor den Skandal von Abu Ghraib aufgedeckt. Aber sie hat immer zu Dan aufgeschaut und tut es heute noch. Das heißt, sie hat sich schrecklich schuldig gefühlt für seinen Untergang, und ich weiß nicht, ob sie diese Schuldgefühle jemals völlig überwinden kann.
Sehen Sie in Mary Mapes Parallelen zu Veronica Guerin, in der Art und Weise, wie sie beide nach der Wahrheit gesucht haben – komme, was wolle?
Interessante Frage. Ich glaube Veronica und Mary verbindet eine tiefe Abneigung gegenüber Heuchelei und Schikane jeder Art. Dagegen anzukämpfen haben sie, jede auf ihre Weise, versucht. Allerdings war Veronica Guerin eher ein einsamer Wolf, während Mary immer mit anderen zusammengearbeitet hat.
Neben Ihrer Theaterarbeit sind Sie in den letzten Jahren immer öfter im Kino zu sehen. Wie schaffen Sie es, für sich persönlich zwischen Bühne und Filmset einen gesunden Mittelweg zu finden?
Als Schauspieler gerät man immer etwas aus dem Gleichgewicht, das ist Teil des Berufs. Wenn alles geordnet und nach Plan läuft, leidet die Kreativität. Aber ich denke, ich hatte einfach großes Glück. Ich hatte nie besondere Ambitionen in der Filmindustrie zu arbeiten. Das Theater war mir genug. Aber als ich schließlich die Möglichkeit dazu bekam, in einen Film mitzuspielen, das war schon auch toll. Seitdem habe ich es irgendwie geschafft, zwischen beiden Medien hin und her zu wechseln, und ich genieße das sehr. Ich habe in den letzten acht Jahren hauptsächlich am Theater gespielt, aber meine gelegentlichen Ausflüge in die Filmwelt haben mir nicht weniger Spaß gemacht. Darüber hinaus habe ich am Theater ja nicht nur gespielt, sondern auch produziert. Und es ist großartig, dass unsere Produktionsfirma Dirty Films nicht nur an Truth beteiligt war, sondern auch an Carol. Beide Filme liegen mir wirklich sehr am Herzen. Und es geht, wie gesagt, nicht darum, immer unbedingt vor der Kamera zu stehen. Es geht darum, Teil des Gesprächs zu sein.
Eine Ihrer beeindruckendsten Theaterrollen war Ibsens Hedda Gabler, auch eine Art Skandalfigur. Was reizt Sie an solchen Charakteren?
Ich habe lange versucht, mich von Rollen wie dieser fern zu halten. Das gleiche gilt für Blanche in „A Streetcar Named Desire“, die ich ebenfalls gespielt habe. Dass ich mich letztlich doch dazu überwunden habe, die Rollen anzunehmen, lag vor allem an den Regisseuren und ihren Ideen für die Stücke, ihren Visionen. Mein Mann hat eine großartige Adaption von „Hedda Gabler“ inszeniert, die den Sinn für Skandal, der darin steckt, in den Vordergrund stellt. Denn heutzutage ist es doch so, dass ein Skandal die eigene Karriere eher vorantreiben kann, als sie zu zerstören. In diesem Zusammenhang fand ich es faszinierend, mich mit der Hedda eingeschriebene Angst vor dem Skandal auseinanderzusetzen, dieser fatalen Angst, dass ihr innerstes Ich an die Öffentlichkeit gerät.
Wie schaffen Sie es eigentlich, Ihr Privatleben stets von den Medien fernzuhalten? Vielen Ihrer Hollywood-Kollegen gelingt das weniger gut.
Ich spreche einfach wenig über mein Privatleben. Ich mache meine Arbeit und damit hat es sich. Ich veröffentliche keine Urlaubsfotos von der Familie. Ich bin weder auf Facebook, noch auf Twitter, und ich habe auch kein Instagram-Profil. Aber ich habe vier Kinder, ich leite eine Theaterkompanie, und ich bin sehr froh, dass ich eine Arbeit habe, die spannend ist und mich immer wieder aufs Neue fasziniert. Das war’s, alles andere sind Luxusprobleme.
Dan Rather sagt im Film, seine Motivation als Journalist zu arbeiten, war immer eins: Neugier. Würden Sie Ähnliches auch über die Schauspielerei sagen?
Ja, als ich den Satz im Drehbuch las, musste ich schmunzeln. Vor allem auch, weil es so gut auf Robert Redford zutrifft. Ich hatte ihm noch gar nicht richtig „Hallo“ gesagt, da hatte er mir schon hundert Fragen gestellt, über Australien, über mich, die Maskenbildnerin, den Requisiten-Mann vom Set. Er ist die Neugier in Person! Das hält ihn beschäftigt und es ist ein Grund dafür, warum man ihm auf der Leinwand auch weiterhin so unheimlich gerne zuschaut, bei allem, was er tut.
