Filmkritik

Possessor

| Jakob Dibold |
Stylische Horror-Spannung aus dem Hause Cronenberg

Dass ein beruflicher Alltag, der nicht nur das Ermorden verschiedenster Personen, sondern auch unangenehme Gehirnbohrungen mit sich bringt, an die Substanz geht, ist wenig verwunderlich. So findet sich die Hitwoman Tasya (Andrea Riseborough) in beständig verschlechtertem Zustand, nachdem sie als perfekte Mord-Tarnung in die Körper anderer schlüpft, deren sie sich nach erfülltem Auftrag per Quasi-Suizid entledigt. Zwar folgt die Rückkehr ihres Selbst in ihre eigene körperliche Hülle immer einem genauen Protokoll, doch kommen bei ihrer Vorgesetzten Girder (Jennifer Jason Leigh) Zweifel auf, ob Tasya für weitere Einsätze psychisch stabil genug ist. Auch die immer noch vorhandene Bindung Tasyas zu ihrer Familie entspricht nicht der Chefin Geschmack.

Beinahe klar, dass beim nächsten Job etwas schiefgehen muss: Tasya soll den Körper von Colin Tate (Christopher Abbott) übernehmen, um einen mächtigen Geschäftsmann und dessen Tochter – die gleichzeitig Colins Arbeitgeber beziehungsweise Liebespartnerin sind – auszulöschen. Das Bewusstsein dieses jungen Mannes erweist sich als äußerst widerstandsfähig und die Dinge drohen, außer Kontrolle zu geraten.

Das liest sich weitaus alberner, als es ist. Das Motiv des feindlichen Bewusstseins im eigenen Körper wird, wenn auch nicht mit gänzlich neuem Spin, so doch gekonnt in Szene gesetzt. Vergleiche mit berühmten Eltern sind ja allzu oft unumgänglich, hier besonders: Während die Konflikt-Ekstasen der konkurrierenden „Selves“ in Expressivität von Farbe und Klang sogar eher an dessen Vornamensvetter Lynch erinnern, fällt der Body-Horror-Apfel nicht weit vom Stamm von Brandons Vater David. Possessor ist aber nicht uneigenständig. Einerseits erweitert er die audiovisuelle Bandbreite solcher Vorgänger kraft eines perfekt ausgeleuchten, reduzierten Sci-Fi-Chics, in dem niemand mehr Zigaretten raucht, aber alle „vapen“, ebenso steckt im Kern der Geschichte – mehr noch als die zweifellos vorhandene Lust an Splatter und Psychotrip – eine verschrobene, in ihrer Düsterheit aber aufgehende Vision einer Gesellschaft der Entmenschlichung. Nicht unterschätzt werden darf hier neben der Leistungen von Riseborough und Abbott einmal mehr die Großartigkeit Jennifer Jason Leighs, die ihre Figur der kaltblütigen Drahtzieherin zwischen knallharter Businesslady und pragmatischer Beamtin schillern lässt.

Die ein oder andere Buch-Lücke tut dem Film als Kino-Erlebnis keinen groben Abbruch, einzig der Weg heraus aus der vertrackten dramaturgischen Zuspitzung ist wirklich eher wenig elegant durch einen heftigen Blut-Erguss nach dem anderen gepflastert.