Ulrike Ottinger hat den ältesten Vergnügungspark der Welt porträtiert – und damit vor allem erwachsenen Kindern ein wunderbares Geschenk gemacht.
Wer den Wiener Wurstelprater zum ersten Mal als Kind betreten hat, kann sich glücklich schätzen. Denn niemals wieder wird man die farbige, glitzernde und da und dort immer auch schon etwas verschossen wirkende Fantasiewelt der Mutter aller Rummelplätze für so grandios erachten wie im Alter zwischen acht und zehn. Doch seit kurzem haben auch erwachsene Praterneulinge eine Chance auf das große Staunen: mit Ulrike Ottingers neuem Dokumentarfilm Prater. Es gelingt ihr darin, das Faszinosum dieses traditionsreichsten Vergnügungsparks der Welt in filmische Sensationen umzumünzen.
Das beginnt mit der Kamera, deren Fahrten ganz physisch von Bewegungen und Rhythmus der Pratermaschinen bestimmt sind. Ob Achterbahn, Tagada oder Ejection Seat – Ulrike Ottingers Objektiv ergibt sich dem Geschwindigkeitsrausch, balanciert zu Discomusik und erblickt den wohligen Schauer im Auge des Vergnügungssüchtigen. Bilder und Sounds formieren sich zu dichten Collagen aus Realität und Fantasie, Gegenwart und Geschichte, Illusion und Fiktion. Mit archivarischem Filmmaterial, Fotos und Texten – u.a. von Erich Kästner und Josef von Sternberg – wird die glorreiche Zeit des alten Praters, der von SS-Einheiten 1945 niedergebrannt wurde, parallel zur Gegenwart montiert. Zum heutigen Kasperltheater zeigt Ottinger kolorierte Fotos der Zeit um 1900: Pausbäckige Kinder mit Strohhüten alternieren mit Gleichaltrigen im T-Shirt. Eine indische Touristenfamilie posiert im Heute in historischen Kostümen für ein Nostalgiefoto, dazu ertönt die Ansage für eine der atemberaubenden technischen Sensationen des 21. Jahrhunderts. Eine Männergruppe in Lederhosen erfüllt sich ihren Traum vom Spaß – und wird abgelöst von einem Foto von Mitgliedern des afrikanischen Dorfes, das 1896 die Sensation des Praters war. Ulrike Ottingers ethnologischer Blick bringt die Bilder zum Sprechen, lockt aus ihnen aber nur nebenbei auch einige der weniger amüsanten Seiten der Spaßgeschichte heraus. Die Filmemacherin hätte vieles durchaus offensiver in kritischen Augenschein nehmen und vielleicht auch mit der Melancholie, die der Lunapark mit dem Zirkus gemeinsam hat, das Spaßhafte konterkarieren können. Was den Qualitäten des Films keinen Abbruch tut, denn Ottinger träufelt uns die eigenwillige Talmipracht dieser urwienerischen Institution derart verführerisch ins Auge, dass man sich den Wurstelprater wohl nie mehr ganz ohne das süße Gift dieser trefflichen Hommage vorstellen mögen wird.
