Es war eines der begehrtesten Tickets in Cannes: Die Weltpremiere von George Millers „Furiosa: A Mad Max Saga“.
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Obwohl die aufgeladene Glitzer-und-Glamour-Energie bei einer Weltpremiere im vollbesetzten Kino Lumiere sicherlich zu dem Erlebnis beitrug, ist Furiosa: A Mad Max Saga durchaus ein gelungener Film. Das ist schon mal viel wert, denn immerhin hatte George Miller mit dem Vorgänger Mad Max: Fury Road einen Film geschaffen, der sowohl hell als auch düster, zugleich elegant und chaotisch, reduziert und monumental war – kurz: eine Cirque-du-Soleil-Show, geschmiedet aus Feuer und Chrom.
Die Formel konnte jedoch nur einmal funktionieren, und Furiosa versucht klugerweise nicht, sie nachzuahmen oder gar zu wiederholen. Anstatt die Action zu verdoppeln, um die Magie neu zu erschaffen, dreht das Prequel die Lautstärkeregler wieder etwas herunter. Zwar versucht der Film zu zeigen, wie Furiosa zu Furiosa wurde, aber er soll auch das Mad-Max-Universum erläutern. Anstelle einer komprimierten Action-Erzählung steht ein fünf Kapitel umfassendes Epos, das mehrere Jahrzehnte umfasst. Das Ergebnis fühlt sich an wie eine Verbindung aus der kinetischen Energie von Fury Road, der Genreeigenartigkeit der Mad-Max-Fortsetzungen der 1980er Jahre und der überschwänglichen Mythenbildung von Three Thousand Years of Longing, Millers letztem Werk über eine einsame Frau, die einen Dschinn entdeckt, der ihr drei Wünsche erfüllen kann.
Die Mischung ist gewagt und Furiosa ein Risiko für die Franchise insgesamt. Selbst die Starpower, die auf dem roten Teppich greifbar war, wird durch das Design des Films etwas untergraben. Die erste Stunde des Films etwa folgt der jungen Alyla Browne – und nicht als Anya Taylor-Joy – als Furiosa. Der Film vertraut darauf, dass uns die Ideen genauso wichtig sind wie bestimmte Darsteller oder Action-Sequenzen. Erst wenn diese Ideen etabliert sind, bietet Miller ein ähnliches Spektakel wie im Vorgänger. Angesichts der unzähligen Möglichkeiten, wie dies eine Katastrophe hätte werden können – oder noch schlimmer: fad und berechenbar–, hat sich das Wagnis, das Miller eingegangen ist, durchaus gelohnt.
Gut hätte es auf diesem filmischen Hoch weitergehen können. Doch leider enttäuschte im Wettbewerb insbesondere ein anderer Altmeister des Kinos, Paul Schrader, mit seinem neuen Werk Oh, Canada. Richard Gere steht nach American Gigolo (1980) hier zum zweiten Mal für Schrader vor der Kamera. Die Geschichte, die auf dem Roman „Foregone“ von Russell Banks aus dem Jahr 2021 basiert, dreht sich um einen verbitterten Mann, der im Alter nach Versöhnung sucht.
Gere spielt Leonard Fife, einen bedeutenden amerikanischen Dokumentarfilmer, der in den siebziger Jahren nach Kanada ging, um in seiner Heimat der Einberufung zum Militär zu entgehen. Einst ein idealistischer junger Typ (in den Rückblenden gespielt von Jacob Elordi), hat sich über die Jahrzehnte in ihm viel Wut und Reue aufgestaut. Am Lebensende angekommen, sucht er nun nach Absolution. Dabei helfen soll ein arrangiertes Interview, in dem Leonard versucht, bestimmte Ereignisse und Entscheidungen, die er einst traf, zu rekapitulieren und gegenüber seiner anwesenden, stets aufopferungsvollen Frau (Uma Thurman) richtigzustellen.
Wie so viele von Schraders Figuren hat Leonard unzählige Sünden, die er zu beichten gewillt ist. Doch sein Vorhaben gestaltet sich ebenso schwierig wie die Inszenierung. Angesichts der zahlreichen Sprünge in die Vergangenheit verliert sich der Film in einer verwirrenden Logik mit widersprüchlichen Zeitlinien, einem unausgeglichenen Tempo und wenig Entwicklung, weder im Hinblick auf die Figuren noch auf den Plot. Vielmehr kommt Oh, Canada einer Meditation über die Unmöglichkeit der Sühne und Vergebung gleich, die mit fortschreitender Laufzeit immer deutlicher ihre zum Scheitern verurteilte Prämisse offenbart.
Der Grieche Yorgos Lanthimos dagegen scheint sich in seiner Karriere ganz oben eingerichtet zu haben. Der Erfolg von Poor Things (2023) – mit einer spektakulären Emma Stone in der Hauptrolle – hängt noch in der Luft, da legt der Regisseur bereits seinen nächsten Film vor. Stone spielt darin ebenfalls eine zentrale Rolle, wenn auch nicht gleich. Zunächst macht Lanthimos die Bühne frei für Jesse Plemons, der selten furchtloser und überzeugender aufgetreten ist als hier. Kinds of Kindness ist ein verschachteltes Triptychon, drei Filmchen in einem, mit den gleichen Darstellern, der gleichen verqueren Dynamik, dem gleichen Anspruch an Verstörung und Absurdität. Drei Geschichten, in denen es um Macht und Egoismus, Verblendung und Verzweiflung geht. Nur die Namen der Protagonisten variieren und wie die Figuren im Einzelnen zueinander stehen.
In der ersten Episode verkörpert Plemons den Geschäftsmann Robert, der mit seiner Frau Sarah (Hong Chau) eine glückliche Ehe führt. Alles, was er hat, verdankt Robert seinem Chef Raymond (Willem Dafoe), der das Leben seines Angestellten bis ins kleinste Detail (Essen, Cocktails, Sex) kontrolliert. Pflichtbewusst fügt sich Robert der intimen Tyrannei, bis sein Boss von ihm verlangt, dass er einen Mord begeht. In dem Moment fällt seine komplette Existenz wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und an seine Stelle tritt Rita (Stone), die Raymonds neue willige Untertanin wird. Auch die anderen beiden Geschichten kippen vom Harmlosen ins Groteske, Makabre, Schamlose, ehe man sich versieht: Ein Polizist ist beunruhigt, weil er vermutet, dass seine Frau, eine Meeresbiologin, durch ein Double ersetzt wurde. Zwei Sektenmitglieder suchen nach einer jungen Frau, die angeblich Tote zum Leben erwecken kann.
Ein Teil der Faszination, die von Lanthimos‘ Film ausgeht, besteht darin, dass sich in den einzelnen erzählerischen Variationen nicht nur die Darsteller wiederholen, sondern hinter dem Horror des Alltäglichen auch bestimmte wiederkehrende Muster und Motive unmissverständlich hervortreten. Lanthimos führt mit bisweilen drastischen Mitteln vor Augen, wie sehr die Umstände das Leben bestimmen, oder wie Menschen Gefangene der eigenen Wahrheiten und Wahnvorstellungen sind. Dabei geht er diesmal vielleicht weniger feinsinnig und in sich stimmig vor, aber mit der gleichen ungenierten Freude am Übermaß und am unmoralischen Intrigenspiel.
