Proletarisches Kino – Warnungen von Kitsch und Schund

Warnungen von Kitsch und Schund

| Oliver Stangl |

Mit den beiden Bänden Proletarisches Kino in Österreich über den Filmkritiker Fritz Rosenfeld und das Arbeiterkino widmet sich das Filmarchiv Austria auf überzeugende Weise der linken Filmkultur der Ersten Republik.

Mein Geburtstag ist der 5. Dezember, da kommt der Krampus, und böse Zungen haben immer behauptet, ich sei so ein böser Kritiker geworden, weil ich am Krampus-Tag das Licht der Welt erblickt habe.“ So ironisch räsonierte der verdienstvolle Filmkritiker Fritz Rosenfeld, dem der erste Band der Filmarchiv-Edition zum Thema Proletarisches Kino in Österreich gewidmet ist, im Jahr 1947 über die eigene Person. „Böse“ konnte Rosenfeld in seinen Besprechungen zwar tatsächlich sein, richtig polemisch wurde er aber meist nur beim deutschsprachigen Nachkriegsfilm.

Als Rosenfeld 1902 als Sohn eines Rabbiners und einer Sekretärin zur Welt kam, gab es in Wien drei fixe Kinostandorte. 1922, als er seine ersten Schritte als Filmkritiker machte, waren es 173 Lichtspielhäuser mit etwa 70.000 Sitzplätzen; in ähnlichem Ausmaß nahm die Zahl sozialdemokratischer Vereine zu. Details wie diese zeigen, dass die Autoren um die Verzahnung eines Charakterporträts mit dem politisch-sozialen und kulturellen Umfeld der Zwanziger und Dreißiger Jahre bemüht sind – ein geglücktes Unterfangen. Historisch fundiert zeichnen Brigitte Mayr und Michael Omasta die Karriere des linken Kritikers in Österreich sowie sein „zweites Leben“ nach der Flucht vor Austrofaschismus und Nationalsozialismus nach.

Rosenfeld, dem langjährigen Kulturredakteur der Arbeiter-Zeitung, war es kulturell ernst mit seiner sozialdemokratischen Überzeugung: So verurteilte er zunächst ein Bonmot von  Karl Kraus („Die Arbeiter haben die Kunststelle anstelle der Kunst“) als „billigen Witz“, nur um sich bald selbst mit jenen Genossen anzulegen, die für das kitsch- und schundhaltige Programm sozialdemokratischer Kinos zuständig waren. Der Vergleich über die Jahre zeigt, dass vor allem die frühen Kritiken stark ideologisch geprägt sind; so sah Rosenfeld seine Aufgabe als Gastautor eines Frauenblattes darin, die Leserinnen vor „misslichen Produktionen der Filmindustrie“ zu schützen und „vor dieser Art von Kitsch und anderen Formen des Schundfilms zu warnen“. Bei „guten“ Filmen galt die Parole der sozialdemokratischen Bildungszentrale: „Hinein in das Kino!“

Doch erstarrte Rosenfelds Filmgeschmack nie in einem ideologischen Korsett; die gut fünf Jahrzehnte umspannende Auswahl an Kritiken (mit Schwerpunkt auf proletarischem Kino, Avantgarde und Russenfilm) gibt einen guten Einblick in seine Vorlieben. Er schwärmt vom Cabinet des Dr. Caligari (dem er eine kluge Besprechung widmet) und der Aura der Garbo („Ihr Gesicht sagt mehr als aller Kulissenzauber“), ist ein Fan Chaplins, Murnaus, Siodmaks. In Hollywood-Ikonen wie Gary Cooper erblickt er durchaus treffend den „kleinen Mann“: Cooper sei „immer ein Alltagsmensch, ob er Fremdenlegionär ist oder ein verrückter Millionär. Dass dieser Typ der amerikanische ,Held’ von heute ist, macht Amerika alle Ehre“, so Rosenfeld 1942. Obwohl er Roberto Rossellini nicht viel abgewinnen kann, zieht er doch einen Vergleich zum deutsch-österreichischen Nachkriegsfilm (dem er manch „böse“ Bemerkung widmet) und bemängelt die geringere Qualität und Ehrlichkeit deutschsprachiger Produktionen gegenüber den Werken des Italieners.

Rosenfelds Talent war umfassend, er schrieb Hörspiele, Kinderbücher und Prosa. Im Roman Die goldene Galeere (1930) etwa karikiert er böse-humorvoll die Filmwelt, ohne seine Ideologie zu vergessen: Gegen den Widerstand von Schundproduzenten, Dilettanten und Bourgeoisie gelingt dem Helden die Realisierung eines pazifistischen Films. (Rosenfelds einziges Drehbuch wurde übrigens nie verfilmt.) Österreich gegenüber zeigte sich der Autor, der in England eine zweite Heimat gefunden hatte, relativ unversöhnlich, eine Rückkehr zur Arbeiter-Zeitung lehnte er ab – er habe einen „Argwohn gegenüber Ländern entwickelt, die nicht am Meer liegen“.

Die Beiträge des zweiten, von Christian Dewald herausgegebenen Bandes, Arbeiterkino, widmen sich linker Filmkultur der ersten Republik, wie dem Wirken der Brüder Hamber, die den Kinokonzern der Arbeiterbank gründeten (und 1940 im KZ Buchenwald ermordet wurden), der Filmarbeit kommunistischer Organisationen oder konkreten Filmbeispielen. Hervorzuheben ist Thomas Todes Untersuchung der Karriere des opportunistischen Regisseurs Franz Rossak, der sowohl antifaschistische Filmreportagen drehte, als auch Gründer der Produktionsfirma „Arische Propaganda & Werbefilm“ war. Ein Fest für die Augen ist ein Bildteil mit Filmplakaten, deren expressionistisch-drastische Motive und teils reißerische Slogans die klassenkämpferischen Filminhalte vermitteln.

Auf zwei DVDs kann man den linken Kulturkampf in bewegten Bildern sehen: Versammelt ist eine große Auswahl an Dokumentarmaterial (das von der Ausrufung der Ersten Republik bis zu Reden von Bürgermeister Seitz reicht) und Spielfilmen wie der Kriegsanklage Namenlose Helden (1924) oder sozialutopischen Wahlwerbefilmen wie Die vom 17er Haus (1932). Das Booklet ist umfangreich und informativ. Eine kompetent gestaltete Edition, die aus film- und polithistorischer Sicht gleichermaßen überzeugt.