Michael Almereydas „Experimenter“ ist eines der spannendsten Biopics der diesjährigen Viennale
Das legendäre, erstmals 1961 in New Haven durchgeführte Milgram-Experiment gestaltete sich ebenso simpel wie verstörend: Eine Gruppe ausgewählter Menschen wurde in „Lehrer“ und „Schüler“ unterteilt. Die „Lehrer“ stellten den „Schülern“ unter Aufsicht Fragen und verteilten bei deren falscher Beantwortung Elektroschocks in zunehmender, schließlich lebensbedrohender Dosis. Was die „Lehrer“ nicht wussten: Die Schüler waren Schauspieler und die Stromschocks nicht echt. Dennoch überschritt die große Mehrheit der „Lehrer“ die lebensbedrohliche Grenze. Das Experiment machte seinen Erfinder, den US-amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram (1933–1984) berühmt und fand bereits mehrfach Eingang ins Kino, darunter in Henri Verneuils Politthriller I wie Ikarus (I comme Icare, 1979). Doch Almereyda belässt es nicht bei einer Darstellung des Experiments, das Milgram ebenso Anerkennung wie Anfeindung (wegen mutmaßlicher Traumatisierung der Versuchspersonen) einbrachte, sondern entwirft die faszinierende Biografie eines Mannes, der seinen Mitmenschen skeptisch gegenüberstand. Experimenter, der auch auf andere Sozialexperimente Milgrams eingeht, spielt auf gekonnte Weise mit der Form des Biopics und bricht es auf: In manchen Passagen gibt es bewusst künstliche Kulissen und Rückprojektionen, Milgram adressiert das Publikum mit Originalzitaten („We are puppets with awareness, sometimes we can see the strings.“) und einmal wird sogar die Redewendung „There’s an elephant in the room“ wörtlich genommen. Almereyda visualisiert somit einerseits den Aspekt der Inszenierung, die vielen Sozialexperimenten Milgrams inhärent war, andererseits spielt er aber auch auf die durch die Experimente ausgelöste Reflexion eigener Verhaltensweisen an: Distanz und Verfremdung schaffen Erkenntnis. Milgram selbst erscheint als Person einerseits kalt, da er soziale Interaktion wie eine Theaterinszenierung zu betrachten scheint, andererseits wird dadurch auch sein analytischer, brillanter Intellekt offenbar. Ein insgesamt faszinierendes, mit trockenem Humor (Milgram wird etwa Zeuge, wie ihn William Shatner in einem sehr freien Fernsehfilm spielt) gewürztes Charakterporträt. In der Titelrolle agiert ein brillanter Peter Saarsgaard, in Nebenrollen zu sehen sind unter anderem Winona Ryder als Milgrams Frau Sasha und Anton Yelchin als einer der wenigen „Lehrer“ mit Skrupeln.
