Rachel Getting Married – Und die Musik spielt weiter

Und die Musik spielt weiter

| Pamela Jahn |

Nach zwei Dokumentarfilmen kehrt Jonathan Demme mit „Rachel Getting Married“ zurück zu einem persönlicheren, intimen Filmemachen und präsentiert Anne Hathaway in einem beeindruckenden Familiendrama als gewachsene Schauspielerin.

Da braut sich etwas zusammen. Die Leinwand ist noch schwarz, da hört man bereits die ersten schiefen Töne. Die Hochzeitskapelle probt. Und auch in den ersten, verwackelten Einstellungen, mit denen Rachel Getting Married dem Zuschauer begegnet, in den Blicken, den beiläufigen Gesten und kargen Worten, die Vater und Tochter beim ersten Zusammentreffen seit langem austauschen, stehen die Zeichen auf Kollisionskurs. Obwohl es Kym (Anne Hathaway) kaum erwarten kann, endlich rauszukommen aus der Reha-Klinik, in der sie die letzten neun Monate auf Entzug war, wird schnell klar, dass auch die Familienverhältnisse, in die sie, wenn auch nur für kurze Zeit, zurückkehrt, nicht die besten sind, und dass sie eigentlich viel lieber ihre Ruhe hätte, als im elterlichen Landhaus in Connecticut dem opulenten Hochzeitsfest ihrer großen Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) beizuwohnen. Überhaupt macht die junge, kettenrauchende Frau mit düsteren Augen und zerfransten Haaren zunächst einen ziemlich launischen, selbstverliebten und überaus provokationslustigen Eindruck; etwa wenn sie sich Rachel als Trauzeugin aufdrängt, um dann bei der Anprobe der einheitlichen Hochzeitsoutfits einen Aufstand zu machen, weil ihr die Farbe nicht zusagt; oder wenn sie ihre verkappte Glückwunschrede am Polterabend mit den Worten „Ich bin Shiva, die Zerstörerin und eure Unheilsverkünderin“ eröffnet.

Familienbande

Kym, wie die brillante, ganz unprinzessinnenhaft auftretende Anne Hathaway sie mit einer Mischung aus Egozentrik und Verletztheit, Abweisung und uneingestandener Sehnsucht spielt, ist in fast jeder Szene des Films das zündende Element für immer neue, laute und leise, schmerzhafte und versteckte Konfrontationen, die sich im Vorfeld der Feierlichkeiten abspielen. Doch ihr Kampfesmut und unbeholfener Drang, stets im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit und Sorge zu stehen, werden ihr alsbald zum Verhängnis. Denn im Herzen ist Kym eine fragile und gequälte Seele, die eine schwere Schuld verspürt, selbst wenn sie ihr der Vater nicht zuschreibt; eine Schuld, die mit dem Tod des kleinen Bruders in Verbindung steht, der damals vor ihren zugedröhnten Augen ertrunken ist. Und plötzlich ist sie mit der Schwierigkeit konfrontiert, sich vor versammelter Sippe nicht nur dem Augenblick, sondern auch der Vergangenheit zu stellen.

Völlig unvermittelt springt die Kamera in Kyms Leben hinein und wird es nach zwei Stunden genauso plötzlich wieder verlassen. Dazwischen liegen ihre unbeholfenen Versuche, den Menschen um sie herum näher zu kommen, ihr Alltag als Ex-Junkie inklusive Anonyme Alkoholiker-Treffen und Urinkontrolle, und ihr schmerzhaftes, schonungsloses Ringen mit sich selbst und einer Vergangenheit, von der sie und ihre Familie nicht loskommen. Und genau diese Kraftanstrengung bildet das unerhört beeindruckende und wundersam verstörende Zentrum des Films. In Form und Inhalt, und vor allem in der Leistung des bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Ensembles lassen sich gewisse Parallelen zu Robert Altmans A Wedding oder Thomas Vinterbergs Festen nicht verbergen, drängen sich regelrecht auf. Und dennoch ist Rachel Getting Married ein Familiendrama im allerbesten Sinne; ein Film, der so frei greifbar, bewegend und grausam ist, wie nur die Wirklichkeit sein kann.

Mit Rachel Getting Married hat Jonathan Demme einen bemerkenswerten Film, seinen ersten Spielfilm in vier Jahren, in Szene gesetzt, der auf unbestechlich einfache Weise gleich mehrere Genres und Methoden vereint, die den 65-Jährigen im Laufe der letzten 30 Jahre zu einem der faszinierendsten Filmemacher Amerikas machten. An der Oberfläche mag Rachel wie ein stereotyper Fall von Familieneklat vor dem Traualtar anmuten, doch der Fokus richtet sich dabei, getreu der exzellenten Drehbuchvorlage von Sidney Lumets Tochter Jenny, weniger auf die Analyse eines gesamten Gesellschaftskörpers als auf die Grundfesten dieses intimen, gestörten Familien- und Beziehungslebens und die zunehmenden psychischen Belastungsproben, denen sich die einzelnen Protagonisten ausgesetzt sehen.

Demme, der sich seit seinen großen Erfolgen mit dem Serienkillerfilm The Silence of the Lambs (1991) und dem Justiz-Drama Philadelphia (1993) genretechnisch immer wieder äußerst experimentierfreudig zeigte und, bis auf zwei mäßig gelungene Remakes (The Truth about Charlie; The Manchurian Candidate), in letzter Zeit wieder verstärkt dokumentarisch gearbeitet hat (Neil Young: Heart of Gold; Jimmy Carter Man from Plains), lässt den Zuschauer einfach teilhaben an dem Fest und dessen turbulenten Vorbereitungen. Er inszeniert Rachel Getting Married ähnlich wie Vinterberg Festen ohne viel Aufwand, mit ein paar Handkameras, direkt eingespielter Originalmusik und einem hohen Maß an Improvisationsfähigkeit. Jedoch geht es ihm, anders als dem Dogma-Regisseur, dabei weniger um die Befreiung der Bilder für das Kino als um die Freisetzung der zwischenmenschlichen Energien auf der Leinwand, welche die psychischen Zustände seiner Protagonisten beeinflussen, und die sie letztlich dazu zwingen, sich nicht allein mit ihrem Umfeld, sondern schonungslos mit sich selbst auseinanderzusetzen. Zurückhaltend, aber auf leise Art erschütternd zeigt er, wie sehr Kym ihre Familie braucht und gleichzeitig unter ihren Blicken und offenen Vorwürfen zu zerbrechen scheint. In manchen Szenen ist kaum zu ertragen, wie sehr ihre Figur in sich gefangen ist. Dann wieder entdeckt man in ihrem Blick auf die sich von der Hochzeitsgesellschaft abwendende Mutter einen Tochterinstinkt, der sie selbst am meisten zu erstaunen scheint. Diese flüchtigen Momente wirken lange nach, denn man ahnt, dass Kyms Angst vor dem Leben mit der Schuld noch größer ist als die vor dem Versagen. Zwar suggeriert sie mit ihrer aufmüpfigen, narzisstischen Art ein Unbehagen an Nähe, Festlegung, verbindlichen Beziehungen, aber Demme enthüllt eben auch grundtiefes Verlangen danach. Allerdings wirft er für seine Hauptfigur die Frage nach dem Ursprung dieser Angst auf, ohne sich anzumaßen, sie gänzlich beantworten zu können. Vielleicht liegt darin eines der faszinierendsten Charakteristika der Demme’schen Methode überhaupt: zu zeigen, wie nahe man einem Menschen auf der Leinwand kommen kann, ohne ihn wirklich und vollständig verstehen zu müssen.

Psychologische Analysen

Eine Spur mag zu der von Debra Winger gespielten, versteinerten Mutterfigur führen, die in ihrer moralischen Ambivalenz komplexer ist, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt, und der Winger in nur wenigen Auftritten eine unheimlich unnahbare, intensive Leinwandpräsenz verleiht. Eine andere Spur führt zur Figur des Vaters (Bill Irwin), der mit überfürsorglichen Versöhnungsanstrengungen mehr Konflikte herbeiführt, als er zu schlichten vermag. Doch die wahren schauspielerischen Höchstleistungen bleiben – auch dies ein typisches Merkmal in fast allen Demme-Inszenierungen – den Frauen vorbehalten, denn nicht weniger beeindruckend als Hathaway und Winger ist auch Rosemarie DeWitt in der titelgebenden Rolle als Schwester und Braut. Hathaway steht zwar mehr im Vordergrund als ihre beiden Kolleginnen, aber im Prinzip wird Rachel Getting Married durch dieses Dreigestirn an Ausnahmeschauspielerinnen getragen, die den Vergleich mit den Heldinnen in Demmes frühen kleinen, aber feinen Genrefilmen, darunter Michelle Pfeiffer (Married to the Mob) und Melanie Griffith (Something Wild), und selbst mit FBI-Schülerin Clarice Starling (Jodie Foster; The Silence of the Lambs) nicht zu scheuen brauchen.

Obwohl sich Jonathan Demme in seinen Spielfilmen, seit Hannibal Lecter und The Silence of the Lambs oftmals von Hitchcocks tiefenpsychologischen Ansätzen ausgehend, für die dunklen Seiten der menschlichen Psyche interessierte, hat sich der liberale Filmemacher auch stets darum bemüht, den Blick auf gesellschaftspolitische Zustände und Fehlentwicklungen zu werfen und seine Haltung zum Ausdruck zu bringen. In diesem Sinne repräsentiert die Hochzeitsgesellschaft in Rachel Getting Married jenes Amerika, dem sich Demme zutiefst verbunden fühlt. Das sind zunächst ganz normale, durchschnittliche Verhältnisse, die den Idealfall durchspielen würden, gäbe es nicht Kym als Störfaktor: gutbetuchte, gebildete, liberal eingestellte Menschen, die sich zum multi-kulturellen, multi-ethnischen Großfamilienfest zusammenfinden. Tunde Adebimpe (Leadsänger der Band TV on the Radio) gibt den nett-entspannten und anscheinend ebenso wohlhabenden Bräutigam, einen Afroamerikaner, der im Musikgeschäft tätig ist. Worauf Demme im zweiten, etwas unnötig in die Länge gezogenen Teil seines Films zusteuert – nicht weil ihm nichts Besseres eingefallen ist, sondern weil der große Musikliebhaber es genau so haben wollte –, ist eine ausgelassene, tanzwütige und musikalisch facettenreiche Party, zu der Demme selbst dann auch zahlreiche Freunde und Bekannte geladen hat, darunter sein Mentor Roger Corman, der britische Punkrocksänger Robyn Hitchcock (Hauptfigur in Demmes Dokumentation Storefront Hitchcock, 1997) und Reverend Robert Castle (Demmes Cousin und Hauptfigur in seiner Dokumentation Cousin Bobby, 1991). Bei soviel Feiern bleibt am Ende für eine gesellschaftskritische Betrachtung dann leider wenig Platz.

Objektive Festtagsstimmung und subjektive Emotionslawinen – mit umso größerer Genauigkeit spürt Jonathan Demme die Resonanzen, kleinen Stimmungsverschiebungen und entscheidenden Pausen in den oft genialen Dialogen auf. Kommunikation als Partitur, hinter deren guten Vorsätzen, plötzlichen Gefühlsausbrüchen und permanenten Beschwichtigungsversuchen sich immer wieder wahre Eifersuchtsabgründe und verdrängte Neurosen verbergen. Gerade in der kühnen Offenheit, mit der sich Demme an dieses Fest und die damit verbundenen familiären Konflikte und Traumata heranwagt, ist sein Film ein wahrer Glücksfall. Ein kleines Stück emotionsgeladenes Leben, das durch die Intensität und Ausdauer der Kamera zum Portal in eine abgeschlossene Welt wird. Unermüdlich sucht sich Declan Quinns Kamera ihren Weg durchs Haus oder durch die tanzende Menge zu Kym, oft Dardenne-dicht auf ihrem Gesicht oder hinter ihrer Schulter gehalten, treibt sie sie voran, schützt sie so förmlich vor der Selbstaufgabe. Und die Kamera fängt auch die Rettung ein, eine wundersam unvollkommene Rettung, nach der die Wunden offen bleiben und weder die Altlasten, noch der Schmerz und die Schuldgefühle aus der Welt geschafft sind. Dann wird die Leinwand wieder schwarz. Nur die Kapelle spielt noch ein bisschen weiter.