Rambo 1

Rambo

Der Unzerstörbare

| Oliver Stangl |
Die wortkarge Kampfmaschine John Rambo ist zurück. Diesmal gilt es, ein mexikanisches Drogenkartell abzuschlachten. Ein Rückblick auf eine Reihe, in der zwischen Brachialpolitik und cartoonhafter Gewalt immer wieder menschliche Züge aufblitzen.

John J. Rambo ist tot. Zumindest sollte er das sein. Denn am Ende von David Morells Roman „First Blood“ (1972) wird der Vietnam-Veteran – der in einem kleinen Ort in Kentucky grundlos von der Polizei verhaft wird, in die Wälder flieht und es in einem Guerillakrieg allein mit der Nationalgarde sowie einem Heer von Polizeikräften aufnimmt – von seinem ehemaligen Ausbildner, Colonel Trautman, erschossen. Frankenstein eliminiert sein Monster. Als ein Jahrzehnt später die Kinoversion mit Sylvester Stallone in der Titelrolle und Ted Kotcheff auf dem Regiestuhl realisiert wurde, starb Rambo ebenfalls. Im Film bittet er Trautman, ihn zu erschießen, doch dieser lässt die Waffe sinken. Daraufhin packt Rambo die Hand Trautmans, drückt ab und richtet sich so selbst. Rambos Leichnam, auf den sich Trautmans bestürzter Blick richtet, steht stellvertretend für die Narben, die der Vietnam-Krieg in der US-Gesellschaft hinterließ. Doch Hollywood ist eben Hollywood: Bei Testvorführungen schnitt besagtes Finale gar nicht gut ab, und Stallone, der ohnehin einen anderen Ausgang des Geschehens präferiert hatte, überzeugte die Produzenten von einem Nachdreh. Und so wird Rambo am Ende von First Blood bloß verhaftet und abgeführt. Der Rest, as they say, is history.

Wer weiß, wäre der Film zwei oder drei Jahre früher gedreht worden und noch in die an Unhappy Endings nicht arme Zeit New Hollywoods gefallen, die Welt hätte möglicherweise eine Actionreihe weniger. Doch das Projekt verbrachte dafür zu lange in der Entwicklungshölle: Das Drehbuch durchlief insgesamt 26 Versionen und vier Filmstudios, für die Titelrolle war ursprünglich Steve McQueen, für die Regie unter anderem Sydney Pollack vorgesehen.

Dennoch: Dass Stallones Rambo im Film überlebt, war immerhin kein lupenreines Happy End, schließlich erscheint er als von einer Posttraumatischen Belastungsstörung gebrochene Figur, die heulend darüber monologisiert, dass sie in Vietnam millionenschwere Kampfausrüstung bediente, im Heimatland aber nicht einmal als Parkwächter arbeiten könne.

Kotcheffs Film (am Drehbuch arbeitete neben Michael Kozoll und William Sackheim auch Stallone mit) ist zweifellos der realistischste und US-kritischste der Reihe; mit dem Darsteller-Gespann Richard Crenna als Trautman und vor allem
Brian Dennehy als Sheriff  hat dieser Teil wohl auch die besten schauspielerischen Leistungen zu bieten. Stallone selbst kann hier, vor allem am Ende, die Zerrissenheit der Figur in einem Ausmaß darstellen, die zumindest in den Teilen zwei und drei weitgehend fehlt. Die große Actionszene in First Blood – Rambo springt von einem Berg, übersteht dies, von Bäumen abgefedert, mit ein paar Kratzern und bringt den Polizeihubschrauber mittels Steinwurf zum Absturz –, deutet zwar schon auf die Cartoon-Gewalt der späteren Filme voraus, doch der Rest der Action wirkt zumindest großteils geerdet. In British Columbia zur Winterzeit und zum Großteil im Freien gedreht, strahlt First Blood mit seinen Grautönen und der fast schon spürbaren Kälte zudem eine ziemliche Erbarmungslosigkeit aus.

Doch nicht alle waren sofort vom Produkt überzeugt: „Sly“ war vom dreistündigen Rohschnitt zunächst so entsetzt, dass er den Film aufkaufen und vernichten lassen wollte. Die 93-minütige Finalfassung fand schließlich doch seine Gnade, und First Blood konnte einen großen Erfolg an den Kassen verbuchen (Budget: 14 Millionen Dollar, weltweites Einspielergebnis: 125 Millionen).

Bei seiner Veröffentlichung stieß der Film auf gemischte Kritiken, doch über die Jahre wurde er zu einem Klassiker des Actiongenres. Autor Morrell schätzte Stallones Leistung, wies gegenüber der Website digitalspy.com aber auch auf die Änderungen gegenüber der Romanvorlage hin: „I thought he did an excellent job in the role. If you look at what Sly does in that film, in First Blood, especially with his eyes … the character changes. (…) In my novel, he’s very angry. In the movie, he’s a victim.“

Stallone, dem Rocky (1976) den Drehbuch-Oscar einbrachte, musste abseits des Boxerdramas und dessen Sequels einige Niederlagen einstecken: Das von ihm inszenierte Saturday Night Fever-Sequel Staying Alive (1983) wurde von der Kritik zerrissen, und die Country-Komödie Rhinestone (Bob Clark, 1984) mit Co-Star Dolly Parton scheiterte an den Kassen. Beim nächsten Projekt schien Stallone auf Nummer sicher gehen zu wollen – und Rambo wurde zur Reihe.

Rambonomics

In Rambo: First Blood Part II, solide, aber visuell eher unauffällig von George P. Cosmatos inszeniert, wird der zu Beginn noch inhaftierte Veteran mit einer Mission betraut, die ihn zurück nach Vietnam führt: Er soll Kriegsgefangene aufspüren, dabei aber nur als Beobachter fungieren. Doch dabei bleibt es selbstverständlich nicht. Nahezu im Alleingang schlachtet Rambo ganze Heerscharen von Vietnamesen ab und holt die Jungs heim. Eine kurze Liebesgeschichte mit einer Vietnamesin, die von Amerika träumt, endet im Kugelhagel, was Rambo noch gnadenloser werden lässt, als er ohnehin schon ist …

An den Grundzügen der Handlung wird das politische Selbstverständnis der USA zur Zeit der Reagan-Ära deutlich, in der man versuchte, das Trauma Vietnam hinter sich zu lassen – beziehungsweise den Krieg zumindest auf der Kinoleinwand doch noch zu gewinnen. „Sir, do we get to win this time?“, fragt Rambo denn auch gleich zu Beginn Trautman (James Cameron, der gemeinsam mit Stallone das Skript verfasste, ging später auf Distanz zum patriotischen Grundton, der Typen wie einen von Charles Napier dargestellten Bürokraten als wahren Grund für die Niederlage in „Nam“ ausmacht).

Die liberale Kritik brandmarkte den Film als rassistisch (die Vietnamesen erscheinen als holzschnittartige Bösewichte, die Rambo nach Belieben eliminiert und die sie „beratenden“ Russen waren damals ohnehin die Bösewichte Nummer eins) sowie aufgrund der Handlung, die ein Jahrzehnt nach Kriegsende noch „Prisoners of War“ vorsah, als unplausibel. Das Publikum ließ sich davon nicht abhalten, der Film spielte weltweit die damals enorme Summe von 300 Millionen Dollar ein.

Autor Morrell schrieb übrigens die „novelization“, also das Buch zum Film – so machte er mit der Figur, die er eigentlich schon hatte sterben lassen, erneut ein Geschäft. Dennoch sah er die Änderungen kritisch, wie er Jahre später in einem Gespräch mit digitalspy verriet: „By Rambo 2 (…), he’s a poster boy for joining the military.“ Die beiden Filme konnte man also trefflich als Ausdruck eines schizophrenen US-Blicks auf Vietnam sehen. Dennoch – oder gerade deswegen – war First Blood Part II der eigentliche Beginn des Phänomens „Rambo“. Das Sequel reihte sich perfekt in die Welle der testosterongetränkten Actionfilme ein, prägte das Genre wesentlich mit und wurde zum (pop-)kulturellen Phänomen, das – es wären sonst nicht die Achtziger gewesen – auch zur Vorlage einer (kurzlebigen) Zeichentrickserie wurde. Berüchtigt die Reaktion Ronald Reagans, der den Film als Handlungsanleitung im Fall von politischen Geiselnahmen sah: „,Boy, after seeing Rambo last night, I know what to do the next time this happens‘ he said, in a remark picked up by microphones placed in his office for the television and radio speech but not carried in the broadcast“, schrieb die „Los Angeles Times“ damals.

Jenes Filmstill aus Teil zwei, das Stallone mit grimmigem Blick, gestähltem Oberkörper, rotem Stirnband und MG zeigt, wurde zu einer Ikone – was zum Teil durchaus wörtlich zu verstehen ist. So gab es im Österreich der Achtziger kaum einen Jahr- oder Christkindlmarkt, der besagtes Sujet nicht in Form eines Deko-Spiegels im Angebot hatte. Der Name des Protagonisten ging ohnehin quer über den Globus in den Sprachgebrauch über: Das Cambridge Dictionary definiert „Rambo“ als „someone who uses, or threatens to use, strong and violent methods against their enemies“; der Duden begnügt sich mit „brutaler männlicher Typ; Kraftprotz“. Weiters inspirierte der Film auch mehrere Rip-offs, wobei die Missing in Action-Reihe mit Chuck Norris (gegen die Rambo politisch fast schon liberal wirkt) sich wohl am unverblümtesten an First Blood II bediente. Und dann gab es noch die Sprüche. Rambo: „To survive a war, you gotta become war.“ Trautman: „What you choose to call hell, he calls home!“

Retrospektiv wird der politische Kontext der Filme weniger beachtet bzw. nicht mehr ernst genommen, der ironische Blick von heute sieht in vielen Macho-Filmen der achtziger und frühen neunziger Jahre oft „guilty pleasures“, nicht selten aber auch Meisterwerke (besonders Kollege Schwarzenegger konnte durch die Zusammenarbeit mit Meistern wie Cameron, McTiernan oder Verhoeven einen beachtlichen Mix aus hochwertigen Filmen, die Brutalität und Selbstironie vereinten, vorweisen, siehe Terminator 1 & 2, Predator oder Total Recall). Bei Stallone, dem aufgrund einer halbseitigen Gesichtslähmung so etwas wie eine Grundmelancholie ins Gesicht geschrieben steht und der spätestens seit diesem Film auch ein Dauerabonnent bei den Razzies war, schlich sich deutliche Selbstironie erst etwas später ein als bei Arnie, manchmal mit eher peinlichen Ergebnissen (Stop! Or My Mom Will Shoot, 1992).

Blaues Licht

Das nächste Sequel, Rambo III – der in den 1990er Jahren im Guinness Book of World Records als „most violent film ever
made“ firmierte (221 Gewaltakte und 108 Tote) – war von Problemen während der Produktion geprägt. So feuerte Stallone, der hier übrigens so muskulös erscheint wie in keinem Film davor und danach, Regisseur Russell Mulcahy (Highlander) aufgrund von kreativen Differenzen und ließ Second-Unit-Regisseur Peter MacDonald inszenieren. Die Handlung war der des Vorgängers ziemlich ähnlich: Rambo muss seinen Freund Trautman aus sowjetischer Gefangenschaft in Afghanistan (das im Wesentlichen von Israel gedoubelt wurde) befreien. Der Film spielte zwar Geld ein, blieb aber finanziell deutlich hinter dem Vorgänger zurück. Das mag zum einen daran liegen, dass er der politischen Lage hinterherhinkte (die Sowjets waren bereits am Rückzug), andererseits auch relativ langweilig war: Der Bösewicht war extrem schwach geschrieben und die Explosionen zahlreich, aber redundant – ein Overkill im Wortsinn. Auch versuchte man halbherzig, mehr Humor in die Sache zu bringen, doch dies vertrug sich eher schlecht mit dem simplen Gemüt des Protagonisten, dessen Lakonie hier fast schon schmerzt. Immerhin ist dem Film der berühmte Dialog rund um das „blaue Licht“ zu verdanken („What does it do?“ – „Turns blue.“). Dass im Film die Mudschahedin als die Guten erscheinen, wirkt auf den Betrachter von heute wohl ein klein wenig befremdlich.

Der Film hat aber auch so etwas wie eine „Ironie der Geschichte“ zu bieten, wenn Trautman die Sowjet-Invasion in Afghanistan mit jener der USA in Vietnam vergleicht: Man könne nicht gegen ein Volk gewinnen, dass bereit sei, für seine Unabhängigkeit zu sterben. Zu dumm, dass sich die reale US-Regierung Jahre später nicht an diese Analyse hielt … James Bonds ein Jahr zuvor erfolgter Trip zu den Mudschahedin (The Living Daylights) war jedenfalls deutlich überzeugender.

Rambo machte lange Pause und wurde zum Ziel von Parodien: Weird Al Yankovics Kultkomödie UHF (Jay Levey, 1989) etwa machte sich gekonnt über jene Szene in First Blood 2 lustig, in der ein Vietnamese ununterbrochen mit einem MG auf Rambo feuert, während dieser seelenruhig stehenbleibt, seinen Bogen mit einem explosiven Pfeil spannt und diesen schließlich auf den Feind abfeuert, den es in tausend Teile zerfetzt. Eine herrliche Parodie auf Filmlänge ist Hot Shots! Part Deux (Jim Abrahams, 1993), in der Charlie Sheen als Topper Harley die Rambo-Rolle übernimmt. In einer Szene wird zum Sound von Flippergeräuschen mitgezählt, wieviele Feinde Harley abknallt, bis am Ende das Insert „Bloodiest movie ever“ steht.

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verschwand das beinahe schon klassische Action-Genre zwar nicht, schaltete aber ein paar Gänge zurück, und teilte sich den Markt mit Serienkillerfilmen wie Se7en, jeder Menge Tarantino-Kopisten und einem Horror-Revival (Scream). Stallone hatte mit einem eindrucksvollen Auftritt in James Mangolds Cop Land (1997) als melancholischer und übergewichtiger Cop zwar erstmals so richtig die Kritiker auf seiner Seite, in den folgenden Jahren allerdings auch eine lange Durststrecke voller Flops (Get Carter, Driven, D-Tox, Avenging Angelo) zu verzeichnen. Was also tun? Wieder auf Nummer sicher gehen. 2006 folgte die Wiederbelebung Rockys, 2008 jene Rambos. Diesmal auch unter der Regie Stallones, der seine Überlegungen zum Konzept von Rambo folgendermaßen ausdrückte: „What if the film was directed by Rambo? What if the film had his personality?“

Diesmal musste Rambo amerikanische Missionare aus Burma retten, wobei der Film bemüht war, die comic-haften Elemente der Vorgänger zu reduzieren – was durch einen Beginn mit News Footage voller Gräueltaten unterstrichen wird. Doch sind die Gegenspieler in Form der burmesischen Militärjunta auch diesmal reine Pappkameraden, die außer „böse“ und „sadistisch“ keinerlei Eigenschaften aufweisen. Der Film folgt der Formel des dritten Teils, wonach Rambo zu Beginn zurückgezogen lebt, dann jedoch auf Rettungsmission gehen und seine mörderischen Talente demonstrieren muss. Im Erscheinungsjahr schockten die Gewaltexzesse des Finales, die stark an Splatterfilme erinnern, doch aus der Distanz betrachtet wirken diese Szenen selbst ein wenig so, als habe Stallone die Parodie aus Hot Shots! Part Deux seinerseits übertreffen wollen.

Trotz dieses Einwands ist dies das bislang gelungenste Sequel: Es ist bewusst „basic“ und weiß, was es will, zudem erscheint Rambo hier auch so menschlich wie seit Teil eins nicht mehr. Schon der Titel steht für Reduktion und so etwas wie ein Charakterbild. Für Stallone, der sich hier mehr Dialog gibt als sonst, ist dies durchaus eine würdige Altersrolle, in der seine melancholischen Qualitäten und weltmüden Augen besonders gut zum Ausdruck kommen. Der Film wird vom Motiv des Glaubens durchzogen und reflektiert – in ziemlich handfester und minimalistischer Art – über eine Welt, die immer von der Grausamkeit des Menschen durchzogen sein wird: „Peace is an accident. When you get pushed, killing is as easy as breathing.“

Der Film nimmt in einer Albtraumsequenz sogar eine Dialogpassage aus dem Vorgänger auf: „You will always be tearing away at yourself until you come to terms with what you are. Until you come full circle“, meinte Trautman dort. Dass das Töten dem Menschen nach der Philosophie dieses Films im Blut liegt, muss auch einer der anfangs noch friedliebenden Missionare feststellen, als er einen burmesischen Bösewicht im Schlachtgetümmel mit einem Stein den Schädel einschlägt. Somit haben beide widerwillig ihre Lektion gelernt. Auch David Morrell war zufrieden: „I’m happy to report that overall I’m pleased. The level of violence might not be for everyone, but it has a serious intent. This is the first time that the tone of my novel First Blood has been used in any of the movies. It’s spot-on in terms of how I imagined the character — angry, burned-out, and filled with self-disgust because Rambo hates what he is and yet knows it’s the only thing he does well.“ Am Ende dieses Teils kehrt Rambo zurück in die USA und steuert – im Drifter-Outfit aus First Blood – auf die Pferde-Ranch seiner Familie zu. Der Kreis hätte sich eigentlich geschlossen.

Doch der Trailer von Rambo: Last Blood (Regie: Adrian Grunberg) nimmt die Handlung auf der Ranch wieder auf: Rambo muss eine junge Frau – die ihn „uncle John“ nennt – aus den Klauen eines mexikanischen Drogenkartells befreien. Das Voice-over im Trailer deutet zudem Verbindungen zu Rambos Vergangenheit an. Wieder einmal wird der Soldat aus seinem friedlichen Leben gerissen. Ein Mann wie er trägt den Krieg in sich, es scheint kein Entkommen zu geben. Ob der mittlerweile 73-jährige Stallone der Figur noch etwas abgewinnen kann oder einfach Hollywoods Lust auf Sequels stillt, bleibt abzuwarten. Rambos Gegner darf man jedenfalls jetzt schon bemitleiden.