chuskit

Interview

Respektvoller Abstand

| Gabriela Seidel-Hollaender |
Regisseurin Priya Ramasubban im Gespräch über ihren Film „Chuskat“, mit dem das 31. internationale Kinderfilmfestival eröffnet wird.

Chuskit“ spielt in der atemberaubenden Landschaft Ladakhs. Das ist sicher kein leichtes Gelände, um einen Film zu drehen, überdies ist es Ihr erster Spielfilm. Was brachte Sie auf die Idee, die Geschichte dort anzusiedeln?
Priya Ramasubban: Der Film ist von der Arbeit meiner Schwester mit behinderten Kindern in Ladakh inspiriert, weshalb ich ihn auch dort drehen wollte. Es war natürlich schwierig, auf einer Höhe von 3.000 bis 4.000 Metern und meistens bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zu drehen, aber es hat sich dann wirklich gelohnt!

Der Film erzählt die bewegende Geschichte des aufgeweckten Mädchens Chuskit, das mit seinen Eltern mitten im Himalaya lebt und durch einen Unfall gelähmt ist. Sie kämpft darum, die Schule besuchen zu dürfen. Inwieweit orientiert sich die Geschichte an den realen Verhältnissen von Menschen mit Behinderungen in der Region?
Priya Ramasubban: In den meisten Teilen der Welt fällt es Menschen mit Behinderungen schwer, in alltägliche Aktivitäten einbezogen zu werden, die für Menschen ohne Behinderung zur Normalität gehören. Das ist also nicht nur für diese Region spezifisch, sondern eine universelle Realität … Es gibt natürlich einige Ausnahmen in westlichen Ländern, vor allem bei Ihnen in Europa, in denen verschiedene Maßnahmen entwickelt wurden, um Orte ein bisschen integrativer und zugänglicher zu machen.

Der Spielfilm hat zuweilen einen dokumentarischen Stil, er beobachtet die Figuren, deren Umgang miteinander und fängt die Entwicklung der Protagonistin, ihre Willenskraft und Leidenschaft auf subtile Weise ein. Wie sind Sie an die Entwicklung Ihrer Figuren herangegangen?
Priya Ramasubban: Ich habe eine Ausbildung als Dokumentarfilmerin und habe zuvor auch in diesem Bereich gearbeitet. Ich fühle mich von dieser Form des Filmemachens angezogen und habe mich aus diesem Grund dem Film auch in diesem Stil genähert. Mir gefällt es nicht, Geschichten aufdringlich zu erzählen, ich mag keine allzu dramatisch geschriebenen Drehbücher oder übertriebenes Schauspiel. Deshalb habe ich die Charaktere subtil und mit Fingerspitzengefühl entwickelt und wir haben daran gearbeitet, sie auch ebenso darzustellen. Dabei hält die Kamera respektvollen Abstand zu ihnen, um Emotionen einzufangen, ohne dafür melodramatisch zu werden.

Wie haben Sie die Darsteller gefunden, vor allem Jigmet Dewa Lhamo, die Darstellerin von Chuskit, die den Leidensdruck und die Willenskraft ihrer Figur wunderbar darstellt?
Priya Ramasubban:
Meine Schwester, die zehn Jahre in Ladakh gelebt und gearbeitet hat, kennt dort viele Leute. Einer von ihnen ist Chetan Angchuk. Er bietet Theaterworkshops an Schulen an. Er hat die Rolle ausgeschrieben, und es kamen viele interessierte Kinder. Dewa war mit Abstand die talentierteste unter ihnen. Sie ist von Anfang an komplett in die Haut der Figur geschlüpft und konnte diese überzeugend darstellen.

Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet? Gab es viele Proben und vorbereitende Gespräche?
Priya Ramasubban: Wir haben vor dem Dreh Schauspielworkshops gemacht. Die Beziehung zwischen Großvater und Enkelin beispielsweise ist der Schlüssel zum Film. Also ließen wir ihn ein paar Schlaflieder für sie singen – er ist ein bekannter Folk-Musiker – und wir baten sie, ihm von ihren Freunden und anderem mehr zu erzählen. So entwickelten die beiden eine echte Verbindung. In ähnlicher Weise haben wir auch Workshops mit allen anderen Schauspielern durchgeführt.

Waren die Dialoge im Drehbuch vollständig ausgeschrieben oder gab es Raum für Improvisation?
Priya Ramasubban: Ich habe alle Dialoge auf Englisch geschrieben, das ist die Sprache, in der ich schreibe. Sie wurden in Ladakhi übersetzt, eine Sprache, die ich überhaupt nicht beherrsche. Und wir hatten jemanden in der Crew, der sowohl Englisch als auch Ladakhi sprach und dafür sorgte, dass die Schauspieler die Dialoge auch genau wiedergaben.

Teile des Films zeigen die Herstellung eines wunderschönen, kunstvollen, fein gearbeiteten Bildes aus farbigem Sand durch buddhistische Mönche. Später wird das fertige Mandala zusammengekehrt, die Farben mischen sich, von dem filigranen Kunstwerk bleibt nichts übrig. Was bedeutet dieses Ritual und weshalb haben Sie beschlossen, es im Film zu zeigen?
Priya Ramasubban: Das Mandala stellt die Unbeständigkeit des Lebens dar und soll uns lehren, nicht zu sehr an Dingen festzuhalten. Mönche verbringen Tage damit, die komplizierten Mandalas herzustellen. Sie zerstören dann das, was sie gemacht haben, selbst. Dies symbolisiert die Distanz, die sie üben sollen, und lehrt sie zu akzeptieren, dass nichts von Dauer ist. Welche Verbindung dies zu dem Film hat, muss das Publikum selbst herausfinden. Das möchte ich hier nicht verraten.

Wie schwierig war es, den Film zu finanzieren?
Priya Ramasubban: Ich begann vor etwa neun Jahren, das Drehbuch zu schreiben. Aber ich habe nicht nur ausschließlich daran gearbeitet. Vor ungefähr vier Jahren habe ich mich dann komplett auf das Projekt konzentriert. Wir haben in Indien keinen Zugang zu öffentlichen Förderungen. Und private Financiers suchen meist nach Filmen, die ihre Investitionen schnell wieder erwirtschaften und Gewinne erzielen können. Für sie sind kommerzielle Filmprojekte mit bekannten Schauspielern, die in gängigen Sprachen gedreht werden, interessant. Mein Film war weit von diesen Kriterien entfernt. Aber ich fand schießlich Investoren, die den Film finanzieren wollten.

Was war die wichtigste Erfahrung, die Sie gemacht haben?
Priya Ramasubban: Ich hatte die beste Crew, die ich man sich wünschen kann! Alles war eine riesige Teamleistung, und alle haben ihr Bestes gegeben. Dafür hat sich das Filmemachen am meisten gelohnt.

Der Film ist sehr erfolgreich und wurde bereits auf vielen Festivals gezeigt. Haben Sie den Film auch in Ladakh gezeigt? Wie waren die Reaktionen?
Priya Ramasubban: Die erste Vorführung des Films für das Team und die Schauspieler fand in Mumbai statt. Ich bin danach nach Ladakh geflogen und habe den Film dort für weitere Schauspieler, das übrige Team und andere Interessierte gezeigt. Die Herzlichkeit und das bestimmende Gefühl der Beteiligten, etwas geschaffen zu haben, waren überwältigend.
In Ladakh gibt es keine Kinos, deshalb konnten wir den Film dort nicht mehrmals zeigen. Ich versuche, Geld zu sammeln, um ein mobiles Kino dorthin zu bringen. Ich hoffe sehr, dass sich genug Leute finden, um die Initiative zu finanzieren, damit wir das mobile Kino doch noch in die Schulen und Dörfer in Ladakh bringen können.

Was machen Sie als nächstes? Haben Sie ein neues Projekt?
Priya Ramasubban: Ich schreibe gerade mein nächstes Drehbuch. Es handelt von der Mutter eines Jungen mit Entwicklungsstörungen und spielt in Südindien. Ich werde bald beginnen, nach einer Finanzierung für diesen Film suchen.