Resurrection

Filmstart

Resurrection

| Alexandra Seitz |
Träumt der Träumer den Film? Träumt der Film den Träumer? Träumen wir? Ein Wunderwesen des Kinos.

In jener Zukunft, in der Resurrection von Bi Gan angesiedelt ist, stellen Träumende eine Gefahr für die bestehende Ordnung dar. In der nämlich hat die Menschheit das Träumen – und damit die Fantasie – zugunsten eines mutmaßlich langweiligen, dafür aber effektiven ewigen Lebens aufgegeben. Wer dennoch träumt, stiftet Chaos in der gesellschaftlichen Konformität, die nur noch lineare Verläufe, nicht aber Abschweifungen kennt und zulässt. Also werden die „Fantasmer“ genannten Träumenden verfolgt beziehungsweise aufgespürt und unschädlich gemacht. Soweit die Prämisse, unter der der chinesische Filmemacher in gut zweieinhalb Stunden ein Gespinst entwickelt, das zwischen Lyrik und Genre aufgespannt ist – und selbst wiederum wie ein Traum die Beschränkungen der Gesellschaft herausfordert; nur dass es auf dieser Ebene der Rezeption die unserer Gegenwart sind. Resurrection ist ein Film, der seine Kunstform feiert, genauer: die Freiheit, die dieser Kunstform innewohnt.

Bi Gan macht das im Übrigen nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal macht er es mit derartig historisch ausgreifendem Aufwand. Die Jägerin, auch „große Andere“ genannt, findet den Fantasmer also in einer in der Stummfilmzeit angesiedelten Opiumhöhle und nimmt ihn mit. Sodann schaltet sie ihn sukzessive ab, indem sie den Projektor, der sich erstaunlicherweise in seinem Rücken findet, mit Filmen füttert. Dies vollzieht sich in fünf Kapiteln, die jeweils einem der fünf Sinne gewidmet sind, kulminierend am Ende mit dem Herunterfahren des Bewusstseins in Gestalt einer Plansequenz von geradezu epischem Ausmaß. Jeder Abschnitt schöpft zudem stilistisch aus einer anderen filmhistorischen Epoche respektive Strömung, adressiert Phasen der chinesischen Geschichte und schließt ikonische Momente des Kinos ein.

Man stellt sich diesen Filmemacher am besten als Weber vor, der Themen und Motive, Techniken und Methoden, Gedanken und Gefühle gleichwertig miteinander verflicht – und dem es beim Ergebnis weniger um eine schöne Oberflächentextur – also eine schlüssige Erzählung – geht, als vielmehr um den ästhetischen Ausdruck einer komplexen Reflexion über die Welt und den Menschen in ihr. Es sind intuitiv vorgehende Filme für Wachträumende, die Erkenntnis jenseits der Regelwerke vermitteln. Bi Gan ist einer, der das Kino als Kunst herausfordert und an seine Grenzen führt, um diese zu erweitern. Voll Entdeckerlust erforscht er unerkanntes Gelände, findet tiefinnere Wahrheiten und nie Dagewesenes; und natürlich ist es ein Risiko, ihm zu folgen.