Eröffnungsfilm: "The Maids of Wilko", PL/FR 1979, 118 Min., OmeU
Eröffnungsfilm: "The Maids of Wilko" (1979)

Retrospektive

Retrospektive – Andrzej Wajda

| Karol Szafraniec |
Das Polnische Institut Wien zeigt gemeinsam mit dem Filmarchiv Austria und dem METRO Kinokulturhaus eine Retrospektive zum polnischen Regisseur Andrzej Wajda. Anlass sind sein hundertster Geburtstag und der zehnte Todestag – eine Gelegenheit, das Werk eines Filmemachers neu zu entdecken, der die internationale Filmkunst nachhaltig geprägt hat.

Die besondere Qualität von Wajdas Kino liegt in der Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Traditionen. Ursprünglich wollte er Maler werden – eine Prägung, die sein visuelles Denken nachhaltig beeinflusste. Seine Filme zeichnen sich durch eine ausgeprägte Bildhaftigkeit aus, mit der er komplexe Inhalte in eindrucksvollen, oft symbolischen Bildern verdichtet.

Als Andrzej Wajda im Jahr 2000 mit dem Oscar für sein Lebenswerk geehrt wurde, blieb er für viele Zuschauer außerhalb Polens dennoch eine vergleichsweise wenig bekannte Größe. Anders als Roman Polanski, Andrzej Żuławski oder Krzysztof Kieślowski stand er selten im Zentrum internationaler medialer Aufmerksamkeit. Sein Einfluss auf das Kino war jedoch enorm. Für Martin Scorsese gehört Asche und Diamant (1958) zu den prägenden Filmen seines Lebens – während der Montage von Raging Bull (1980) sah er ihn sich mehrfach an. Auch Francis Ford Coppola zählt Wajdas Kriegsfilme zu seinen Favoriten. Zu seinen Bewunderern gehörten zudem Regisseure wie Luis Buñuel, Elia Kazan und Akira Kurosawa, zu dem ihn eine besondere künstlerische Nähe verband. Selbst bei jüngeren Filmemachern wie Emir Kusturica lassen sich Spuren seines Einflusses erkennen. International arbeitete Wajda außerdem mit Meryl Streep in einer frühen Theaterrolle in Die Dämonen sowie mit dem jungen Gérard Depardieu in Danton (1982).

Aufgewachsen mit der Tradition der polnischen historischen Malerei, stellte sich Wajda zugleich bewusst gegen deren Konventionen. Gleichzeitig faszinierte ihn die Avantgarde, deren ästhetische Impulse ihm halfen, Ausdrucksformen für die „zerbrochene“ Realität der Nachkriegszeit zu finden. Daraus entwickelte er eine eigenständige Filmsprache, die mutig, raffiniert und zugleich zugänglich blieb. Inspiration fand er sowohl im italienischen Neorealismus als auch im amerikanischen Kino der 1940er-Jahre – insbesondere in dessen Fähigkeit, filmische Mythen zu schaffen.

So entstand ein Kino, das fest in der Geschichte verwurzelt und zugleich offen für symbolische Deutungen und universelle Erzählungen ist. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist die Figur des Maciek in Asche und Diamant / Popiół i diament, gespielt von Zbigniew Cybulski. Der tragische Held wurde oft als polnisches Pendant zu James Dean gesehen. Figuren wie diese machten die spezifisch polnische historische Erfahrung auch für ein internationales Publikum verständlich. Selbst hinter dem Eisernen Vorhang blieb Polen durch Wajdas Filme Teil des kulturellen Dialogs mit dem Westen.

Wajda stellte sich stets gegen vereinfachende nationalistische Deutungen der Geschichte und blieb dennoch ein Künstler, der seinem Land eng verbunden war. Seine Filme reflektieren die komplexe Vergangenheit Polens und entwerfen zugleich Perspektiven für dessen Zukunft. Während der kommunistischen Ära erhielt sein Kino eine Dimension zivilen Widerstands – besonders deutlich etwa in Der Mann aus Marmor / Człowiek z marmuru (1977). Nach dem politischen Umbruch von 1989 griff Wajda Themen auf, die zuvor kaum möglich gewesen waren, etwa in Afterimage / Powidoki(2016), der Geschichte eines Künstlers im Konflikt mit der stalinistischen Diktatur.

Ein weiterer Schlüssel zu Wajdas Einfluss liegt in der stilistischen Vielfalt seines Werks. Seine Filme reichen von stillen, introspektiven Dramen bis zu monumentalen filmischen Fresken. Manche wirken intim und nachdenklich, etwa Die Mädchen aus Wilko (1979). Andere sind kraftvoll und voller Energie – wie Das gelobte Land / Ziemia obiecana (1975), ein bis heute erstaunlich aktueller Blick auf die Dynamik und Brutalität des kapitalistischen 19. Jahrhunderts.

Die Retrospektive im METRO Kinokulturhaus bietet vom 16. März bis 7. April die Gelegenheit, zehn zentrale Werke aus Wajdas Filmografie auf der großen Leinwand zu erleben. Neben bekannten Titeln umfasst das Programm auch selbstreflexive Arbeiten, in denen der Regisseur über die Rolle des Künstlers und über die Verbindung von Leben und Kino nachdenkt – etwa Alles zu verkaufen / Wszystko na sprzedaż (1968) oder Kalmus / Tatarak (2009). Zudem wird seine Zusammenarbeit mit der herausragenden Schauspielerin Krystyna Janda sichtbar, etwa im Film Der Dirigent / Dyrygent (1980) mit John Gielgud.