Richtung Nowa Huta

| Reinhard Bradatsch |

Eine Stadt auf dem Scheideweg zwischen Emanzipation und historischer Aufarbeitung

Symmetrie und Ordnung sind jene Begriffe, die man angesichts der opulenten Bilder sofort mit der ehemals sozialistischen Vorzeigestadt Nowa Huta (deutsch: „Neue Hütte“) assoziiert. Nicht von ungefähr sahen die früheren Machthaber den östlichen Vorort der Metropole Krakau als ihr bauliches Prestigeobjekt – ein architektonischer Kraftakt, der heute noch in den breiten Hauptstraßen, die in einem Achteck vom Hauptplatz wegführen, oder dem Tor zur Eisenhütte, einem der größten Stahlwerke Mitteleuropas, allgegenwärtig ist. Der Weiterbestand der Fabrik und damit der 5.000 Arbeitsplätze unterscheidet Nowa Huta augenscheinlich von der Trostlosigkeit mancher Plattenbauruinen: Auch wenn sich im kalten Wasser des Kapitalismus lediglich eine dünne Oberschicht herausgebildet hat, hat die wirtschaftliche Situation keine Abwanderungswelle losgetreten, ist die Bevölkerung nach wie vor sozial gut durchmischt.

Vor der Kamera erinnern sich erstaunlich nüchterne Nostalgiker anhand von alten Fotonegativen an die Zeit, als hier die Widerstandsbewegung Solidarnos´c´ die Apparatschiks beharrlich ärgerte; als der Kauf von Toilettenpapier nur über Beziehungen klappte; oder als ein gewisser Karol Wojtyła den politischen Traum von der religionsfreien Stadt zunichte machte. Auf der anderen Seite kämpfen sich Jugendliche durch den Alltag, einige mit durchaus kreativem Potenzial: Die „Crazy Guides“ etwa führen Touristen im Trabi durch die Stadt und erklären, warum Alteingesessene nach wie vor die Ära der Unterdrückung verklären.

Mit Richtung Nowa Huta kehrt der Filmemacher Dariusz
Kowalski in seinen Geburtsort zurück. Die Sachlichkeit, mit der er das (Zusammen-)Leben der Bevölkerung dokumentiert, kontrastiert mit den emotionalen Kommentaren seiner Gesprächspartner. Oft wirkt es, als ob diese die Schatten der Vergangenheit krampfhaft abschütteln wollten, dabei aber kläglich an den übermächtigen historischen Versatzstücken scheitern, welche sie notgedrungen in die Gegenwart überführen müssen. Banner und Plakate sind, wenngleich Reliquien aus einer anderen Epoche, nach wie vor an ihrem früheren Platz, zum Teil erlangen sie unter neoliberalem Einfluss eine neue, zynische Bedeutung.

So zeichnet sich der Film nicht nur durch die klaren Bildkompositionen zwischen still gelegten Fabriken und katholischen Prozessionen, sondern vor allem durch die Beobachtungsgabe des Regisseurs aus. Der Befund ist klar: Diese Stadt steht nach wie vor im Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Wandels.