Rithy Panh

Rithy Panh

Filme gegen die Normalisierung

| Andreas Ungerböck |

Seit 20 Jahren kämpft Rithy Panh mit der Filmkamera gegen die Verdrängung jener Verbrechen an, die die Roten Khmer in Kambodscha verübten.

Rithy Panh wurde 1964 in Phnom Penh geboren. Mit vierzehn Jahren gelang ihm die Flucht aus einem Umerziehungslager der Roten Khmer über die Grenze nach Thailand. Er kam in ein Flüchtlingslager, ein Jahr später wurde er nach Paris gebracht. Er studierte Film am IDHÉC und drehte 1989 in dem Flüchtlingslager, in dem er untergebracht gewesen war, seinen ersten Dokumentarfilm Site 2, der schon viel von seinen späteren Arbeiten vorwegnimmt: Trotz aller humanitären Hilfe sind die Probleme in dem Flüchtlingslager vorprogrammiert, weil man, wie eine Frau sagt, den Menschen alle Möglichkeit, sich sinnvoll zu betätigen, aus der Hand nimmt: „Unsere Kinder lernen nicht einmal mehr, wie man Reis anbaut, weil die Hilfsorganisationen alles fertig liefern und verteilen.“

Rithy Panhs Werk – mit drei Ausnahmen ausschließlich Dokumentarfilme – ist ein singuläres Unterfangen: Als eine Art Ein-Mann-Unternehmen arbeitet er seit 1989 die leidvolle Geschichte seines Landes auf, mit einer Hingabe und einer Entschlossenheit, wie man sie allenfalls noch bei dem chilenischen Dokumentarfilmer Patricio Gúzman findet, der sich seit Jahren mit dem Terror des Pinochet-Regimes und seinen Folgen beschäftigt. Was immer an spärlichem kambodschanischem Filmwesen vorhanden gewesen sein mag, es wurde durch die katastrophale Entwicklung des Landes völlig ausgelöscht. 1969 begann die US-Armee, das am Vietnam-Krieg nicht direkt beteiligte Kambodscha massiv zu bombardieren, weil die Nachschubwege der Vietcong auch durch kambodschanisches Gebiet führten. 1970 putschte Armee-General Lon Nol gegen die Regierung des Prinzen Sihanouk, der 1953, nach der Unabhängigkeit von Frankreich, zunächst König geworden war, später aber zugunsten seines Vaters auf den Thron verzichtete und in die Politik ging. Sihanouk flüchtete nach Peking ins Exil, während die brachialkommunistischen Roten Khmer unter ihrem Führer Pol Pot immer größere Gebiete Kambodschas eroberten. Lon Nol blieb nur noch die Hauptstadt Phnom Penh, die jedoch am 17. April 1975 ebenfalls fiel.

Während die Welt mehr oder weniger tatenlos zusah, errichtete Pol Pot für 44 Monate ein Schreckensregime, dem rund zwei Millionen Kambodschanerinnen und Kambodschaner zum Opfer fielen, mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. Am schlimmsten wüteten die Roten Khmer unter Intellektuellen, Lehrern und Ärzten. Ziel war die Errichtung eines kollektiven Bauernstaates, deshalb wurde auch Phnom Penh evakuiert und die Menschen aufs Land zwangsumgesiedelt. Geld wurde abgeschafft. Zentrale Bedeutung erlangte das Gefängnis Tuol Sleng (im Roten-Khmer-Bürokratiejargon „S 21“ genannt), eine ehemalige Schule, in der Tausende Menschen inhaftiert, gefoltert und manchmal auch getötet wurden. Meistens jedoch wurden sie auf ein später als Killing Fields berüchtigt gewordenes Areal außerhalb Phnom Penhs gebracht, mit Holzknüppeln erschlagen, um Munition zu sparen, und – oft nur halb tot – in Massengräbern verscharrt.

Als die Roten Khmer auf vietnamesisches Gebiet vordrangen, reagierte Vietnam zu Weihnachten 1978 mit einer Invasion, die nach nur wenigen Wochen auch das Ende der Pol-Pot-Diktatur zeitigte. Bis 1989 blieben die Vietnamesen, die Tuol Sleng zu einem Museum des Schreckens umwandelten, in dem von Krieg und Bürgerkrieg gepeinigten Land. Die von ihnen eingesetzte Regierung wurde vom Westen nicht anerkannt, noch längere Zeit repräsentierten die Roten Khmer offiziell (!) Kambodscha. Erst nach dem Abzug der Vietnamesen begann sich die Lage allmählich zu normalisieren, die UNO leistete ab 1992 einen ihrer größten Friedenseinsätze, und 1993 folgten unter internationaler Aufsicht freie Parlamentswahlen. Prinz Sihanouk wurde als König wieder eingesetzt. Bis heute haben die Khmer Rouge nicht restlos aufgegeben, in bestimmten Gebieten an der Grenze zu Thailand sind sie immer noch einflussreich – trotz des Todes von Pol Pot im Jahr 1998, trotz der Selbstaufgabe zweier wichtiger Repräsentanten und der Festnahme des letzten noch freien Anführers Ta Mok im März 1999. Im Oktober 2004 wurde Norodom Sihamoni neuer König, und das Abkommen zwischen Kambodscha und der UNO über die Errichtung eines Sondertribunals zur Verfolgung der Khmer-Rouge-Verbrechen wurde endlich unterzeichnet.

Vor dem Hintergrund dieser verheerenden Geschichte dreht Rithy Panh seine Filme, mit ständig wachsender weltweiter Anerkennung. Es sind Filme, die nicht nur wegen ihres Engagements herausragend sind, sondern auch in gestalterischer Hinsicht. S 21, la machine de mort Khmère Rouge (S 21, Die Todesmaschine der Roten Khmer, 2002) wurde zu Recht mit Alain Resnais’ erschütterndem KZ-Dokumentarfilm Nuit et brouillard (Nacht und Nebel, 1955) und mit Claude Lanzmanns neunstündiger Holocaust-Aufarbeitung Shoah (1985) verglichen. Panh lässt in S 21 zwei ehemalige Insassen (zwei von den wenigen, die die Tortur überlebten und sich bis heute dafür schuldig fühlen) auf ihre ehemaligen Peiniger treffen. Das Ergebnis dieses gewagten Experiments ist ein niederschmetterndes Dokument menschlicher Abgründe. Während Panh hier von der kollektiven Erfahrung vieler Kambodschaner spricht, stellt er in Bophana (1996) das Schicksal einer einzelnen Frau und ihrer Familie in den Vordergrund. In Les Gens d’Angkor (Die Leute von Angkor, 2003), dem Eröffnungsfilm der Wiener Retrospektive, lässt er – quasi als „positive Utopie“ – einfache Leute, Bauern und junge Burschen, die bei den zum beliebten Touristenziel gewordenen Tempeln von Angkor versuchen, ihre Waren loszuwerden, zu Wort kommen. Der Völkermord bleibt auch hier nicht ausgespart – es gibt schließlich so gut wie keine Familie in Kambodscha, die davon nicht betroffen war –, aber es ist, verglichen mit S 21, ein geradezu fröhlicher Film, der das Leben feiert. Um die Zukunft geht es auch in La Terre des âmes errantes (Das Land der wandernden Seelen, 2000): Rithy Panh beobachtet die Verlegung eines Glasfaserkabels quer durch Kambodscha, mit dessen Hilfe der Daten-Highway auch in dem völlig verarmten und ausgepowerten Land Einzug hält. Dass dabei Überreste der Vergangenheit (buchstäblich-physisch wie metaphorisch) mit dem Internet-Zeitalter kollidieren, ist unvermeidlich.

Mit Les Artistes du théâtre brulé (Die Künstler des abgebrannten Theaters, 2005) führte Rithy Panh die filmische Aufarbeitung der Geschichte Kambodschas fort. Das Theater Preah Suramarith in Phnom Penh, einst Ort der kulturellen Hochblüte, wurde von den Roten Khmer vor allem dazu benützt, bei offiziellen Anlässen die so genannte Revolution zu feiern. Trotz der systematischen Auslöschung von Kultur und Intellekt überdauerte das Theater die schreckliche Zeit und blieb in Betrieb, ehe es im März 1994 bei Renovierungsarbeiten fast vollständig ausbrannte. Seither steht es leer, die Bühne ist überwuchert von Pflanzen, so wie sich in manchen Tempeln auf dem Areal des grandiosen Angkor Wat der Urwald immer wieder Bahn bricht.

Mit seiner scheinbar beiläufigen, unaufdringlichen Art zu filmen gelang es Rithy Panh erneut, den Menschen, ehemaligen Schauspielern und Schauspielerinnen des Theaters, ausreichend Raum zu lassen – für ihre Erinnerungen, ihre Schmer-zen, aber auch für die Freude, mit der sie alte Kostüme und Requisiten einer legendären Cyrano-Aufführung betrachten. Dem Regisseur gelingen wunderbare Porträts einfacher Menschen, so etwa der Schauspielerin Phan Peng, die bis heute nicht verkraftet hat, dass sie – im Unterschied zu den meisten ihrer Mitgefangenen – die Tortur durch die Khmer Rouge überlebt hat. Der bittere Kern des Films ist, dass das Theater, sei es das westliche oder das traditionelle kambodschanische, keine Anhänger mehr findet, weil die Zäsur durch den Völkermord bis heute nachwirkt, weil die Menschen schlicht andere Sorgen haben, und weil die Normalität, die da heißt: schrankenloser Kapitalismus, auch in Kambodscha um sich greift. Unzählige TV-Kanäle, eskapistische Filme aus dem benachbarten Ausland und Karaoke sind mehr gefragt. Wer als Schau-spieler überleben will, wie Nan Doeun Thén, findet sich schon einmal in einem kitschigen Musikvideo wieder. Kambodscha, so Rithy Panh, sei im Begriff, im Taumel der Normalisierung „sein Gedächtnis zu verlieren“. Den ironischen „Soundtrack“ bestreitet ein Pressluftbohrer: Neben dem Theater, das keiner mehr wieder aufbauen will, wächst unaufhaltsam ein riesiges Casino in den Himmel.

In Le Papier ne peut pas envelopper la braise (In Papier kann man keine Glut verpacken), 2007 mit dem Europäi-schen Filmpreis ausgezeichnet, ist Panhs erster Dokumentarfilm, der sich ausschließlich mit dieser „neuen Gegenwart“  beschäftigt: Das Thema ist die Prostitution, die – dank des „Großeinsatzes“ der UNO-Soldaten in den Neunziger Jahren – für das Land zu einem riesigen Problem geworden ist. Der Prozentsatz der HIV-infizierten Erwachsenen liegt laut Ärzte ohne Grenzen bei 2,6 Prozent, in der Tourismus-Region um den Angkor-Tempel sogar bei 6,6 Prozent. Kein Taxifahrer in Phnom Penh lässt es sich nehmen, männliche Touristen ungefragt ins einschlägige „Viertel“ zu bringen. Dieses besteht vor allem aus notdürftig errichteten Holzhütten, in denen man für sehr wenig Geld ein sehr hohes Risiko eingehen kann. Rithy Panh zieht auch in diesem Film, in dem er den Alltag einiger Prostituierter in den Mittelpunkt stellt, keine Schlussfolgerungen, die überlässt er dem Zuschauer. Seine Filme regen zum Denken an, sie denken nicht für einen.

Filmografie Rithy Panh (Dokumentarfilme, wenn nicht anders angegeben)

Site 2 (1989), Cinéma de notre temps: Souleymane Cissé (1990), Cambodge, entre guerre et paix (1991), Les gens de la rizière (Spielfilm, 1993), Cambodge, la famille Tan (1995), Bophana, une tragédie cambodgienne (1996), La Prothèse (Kurzfilm, Segment von Lumières sur une massacre: 10 films contre 100 millions de mines, 1997), Van Chan, une danseuse cambodgienne (1998), Un soir après la guerre (Spielfilm, 1998), La Terre des âmes errantes (2000), Que la barque se brise, que la jonque s’entrouvre (TV, 2000), S 21, la Machine de mort Khmère Rouge (2002), Les Gens d’Angkor (2003), Les Artistes du théâtre brulé (2005), Le Papier ne peut pas envelopper la braise (2007), Un Barrage contre le Pacifique (Spielfilm, 2008).