Seit vier Jahrzehnten zählt Robby Müller zu den führenden Kameramännern des internationalen Kinos. Der 1940 in Willemstad, Curaçao (Niederländische Antillen) geborene Holländer arbeitete bereits gegen Ende der 1960er Jahre mit prominenten Vertretern des Neuen Deutschen Films wie Wim Wenders, Edgar Reitz und Hans W. Geissendörfer zusammen. Im Lauf seiner Karriere stellte Robby Müller seine Vielseitigkeit unter Beweis, zeichnete er doch für die Bildgestaltung ausgeprägter Autorenfilmer wie Jim Jarmusch oder Lars von Trier ebenso verantwortlich wie für Arbeiten der Hollywood-Routiniers Peter Bogdanovich und William Friedkin. Robby Müller über Veränderungen in seinem Arbeitsumfeld, seine Erfahrungen mit der neuen digitalen Technik und den Einfluss der Ökonomie auf den Prozess des Filmemachens.
Sie haben vor 40 Jahren begonnen, als Kameramann zu arbeiten. Wie war es damals, Filme zu drehen? Und wie hat sich die Arbeit in technischer und ästhetischer Hinsicht verändert?
Ich begann 1967 in Amsterdam, mit sehr wenig Budget und viel Spaß. Filmemachen war viel weniger geld- und marktorientiert als heute. Damals mussten wir viel improvisieren und das vorhandene Licht nutzen. Das schnellste Material war 200 ASA. Wir konnten es uns nicht leisten, im Studio zu drehen, aber es gab auch nicht so viele Vorschriften. Ich fühlte mich frei und nicht durch die Vorgabe, einen kommerziell erfolgreichen Film drehen zu müssen, unterdrückt. Wir wagten es, Dinge mit einer künstlerischen Begeisterung auszuprobieren. Viel von der späteren Ästhetik wurde durch den technischen Fortschnitt unserer Ausrüstung inspiriert. Ich habe die neuen Erfindungen nie glorifiziert, hatte aber stets ein kritisches Auge darauf, was sie tatsächlich zum Filmemachen beigetragen haben. Und ich war nie der Meinung, dass Bilder von rein formaler Schönheit unbedingt die besten sind.
Eine sehr allgemeine Frage: Was denken Sie über High Definition?
Ich habe, ehrlich gesagt, noch nicht viel davon gesehen. Aber mein Eindruck ist, dass noch sehr viel getan werden muss, um das auf Film zu übertragen. Es gibt zu viele Übergangslösungen. Denken Sie an einen Breitwandfilm und versuchen Sie, eine Kinokopie zu machen, die sowohl in den USA als auch in Europa funktioniert.
Lars von Triers Film Dancer in the Dark wurde mit DVCam gedreht. Für My Brother Tom von Dom Rotheroe (2001) verwendeten Sie die kleine Sony DSR 150. Was waren Ihre Gründe dafür, in einem solchen „Konsumenten“-Format zu drehen?
Gute Gründe, dieses Format zu verwenden, sind knappes Budget und Zeitdruck. Für mich ist das kein Problem, solange das Drehbuch interessant und die Crew in Ordnung ist. Ein anderer guter Grund ist besonders für mich, dass man mit kleinerer Crew arbeiten kann. Also weniger Menschen rundherum, was die Kommunikation erleichtert und die Organisation unkomplizierter macht. Und es wird menschlicher, im Sinne eines normalen Umgangs miteinander. Außerdem bringt diese Produktionsweise überraschende Drehbücher hervor – nicht primär darauf ausgerichtet, damit das große Geld zu machen.
Sie haben für die Konzertaufnahmen in „Buena Vista Social Club“ Video verwendet. Wie unterschiedlich ist die Lichtarbeit im Vergleich zu Film? Braucht Video präziseres Licht als Film und ist es demnach auch teurer?
Die Gründe, hier Video zu verwenden, sind offensichtlich. Nur mit Videokameras kann man, sagen wir, eine Stunde lang drehen. Sie sind viel leichter, und man kann schnell die Position wechseln. Für Buena Vista Social Club war das sehr wichtig. Es ging um Musiker, nicht um Schauspieler. Mit der Lichtsetzung bei Video bin ich genauso vorsichtig wie bei 35mm. Obwohl ja Video hier um einiges „nachsichtiger“ ist. Für den Rest muss man den Unterschied bei der Lichtsetzung eben lernen. Und dann vertraut man seinen Augen und seinem Geschmack.
Film ist immer noch das billigste Speichermedium für Bildmaterial. Ein so reiches Spektrum von Kontrast(en) und eine so große Farbkraft kann kein HD-Medium erschaffen. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, im Allgemeinen könnte Video bessere Kontrastverhältnisse gebrauchen.
Sie sind ein Pionier beim Einsatz von Video für die große Leinwand. Warum, glauben Sie, empfinden viele Menschen Videobilder als kalt oder hart?
Natürlich ist da ein Unterschied. Und mit Hilfe deiner „Seh-Erfahrung“ triffst du eine Entscheidung, bedenkst tausend Aspekte. Und man sollte niemals die eigenen Gefühle unterschätzen, auch wenn sie „dem Lehrbuch“ widersprechen. Videobilder sehen härter aus, weil uns das Vibrieren einer mechanischen Filmprojektion fehlt. Das ist natürlich nicht die ganze Geschichte, denn es hat mit vielen Faktoren zu tun. Die Arbeit der Postproduktion ist im Allgemeinen „sauberer“, und es hat nichts mehr mit der charmanten Unvollkommenheit einer analogen Aufnahme zu tun. Nicht zu vergessen ist die Tendenz, in der digitalen Nachbearbeitung alles zu perfektionieren. Außerdem öffnet die enorme Tiefenschärfe einer Videokamera einen ganz bestimmten Blick. Der Rest ist eine Frage von Geschmack und Einfallsreichtum.
Digitalkameras werden oft mit dem ökonomischen Argument beworben. Der ökonomische Standpunkt entscheidet oft, welches Medium verwendet wird, wirtschaftliche Überlegungen sind oft wichtiger als kreative und ästhetische Aspekte. Was ist Ihre Meinung dazu?
Film war immer schon sehr teuer, und deshalb ist es immer gut, schon rechtzeitig mit den Produzenten zu reden. Und weil sie in erster Linie aufs Geld schauen, treffen sie immer Entscheidungen, die gut für sie sind.
Es gab immer einen Hauch von Magie bei Zelluloid. Es sind enorme Kenntnisse, Erfahrung und Gefühl dafür notwendig, um Filmmaterial korrekt zu behandeln. Außer dem Kameramann würde es niemand wagen, ins Kopierwerk zu gehen, weil niemand die Abläufe kennt.
Angst davor, ins Kopierwerk zu gehen, ist übertrieben. Du hast dein eigenes Paar Augen und mit diesen schaust und beurteilst du alle Filme, die du siehst, also warum nicht auch deinen eigenen?
Weil bei digitaler Postproduktion die Produzenten und Studio-bosse mehr Einfluss auf den Film selbst haben. Würden Sie das bestätigen?
Ja, jeder Produzent will so viel Kontrolle über den Film haben wie möglich. Und er will den ganzen Prozess auf seine Art rationalisieren. Manche sind da ehrlich, manche nicht.
Ist das Kopierwerk ein Auslaufmodell?
Ja, in der Form, wie wir es kennen, wird es verschwinden. So sicher, wie wir in der Zukunft zum Mars fliegen können.
Filmen verlangt eine enorme Knappheit und viele Proben. Ziel ist es, den „magischen Moment“ zu erwischen. Wenn man mit Video arbeitet, dann läuft die Kamera einfach die ganze Zeit. Wird sich der Arbeitsprozess am Set wegen des digitalen Mediums verändern?
Seltsam, dass Sie sagen, die Videokamera würde die ganze Zeit laufen. Wer hat Ihnen das erzählt? Man lässt die Kameras nur für bestimmte Aufnahmen in Dokumentarfilmen lange Zeit laufen. Bei Spielfilmen macht man einfach Aufnahme für Aufnahme. Genau das gleiche gilt für auf Video gedrehte Spielfilme. Wenn sich der Arbeitsprozess ändert, dann nicht wegen der „immer laufenden Kamera“.
Was das Archivieren betrifft: Die Möglichkeiten der Speicherung von Film sind unglaublich. Auf der anderen Seite haben digitale Speichermedien wie Video keine gute Stabilität. Ein weiteres Problem mit Video ist, dass so viele Formate existieren. Ist dies der Schwachpunkt von Video? Welche Entwicklungen würden Sie sich hier wünschen?
Ich bin kein Spezialist für Elektronik, aber ich bin nicht so sehr um die zukünftige Speicherung von Filmen besorgt. Videokassetten oder Film werden nicht ewig halten. Vielleicht wird alles auf Chips gespeichert und digital vorgeführt werden. Alles, was wir machen können, sind gute Filme! Wie das System sein wird, ist für mich schwierig vorauszusagen. Schon jetzt ist die Entwicklung von Digitalkameras so schnell, dass man alle sechs Monate von einer neuen überrascht wird. Mein Traum wäre es, mit einem Chip meines Films in der Tasche ins digitale Kino gehen zu können, und ihn dort gezeigt zu bekommen. Das richtige Projektionsformat für jeden Film kann vom Computer berechnet werden. Digitaler Film öffnet neue Wege, Filme zu sehen und eigene Filme zu zeigen. Das ist ein sehr attraktives Szenario, aber warten wir ab, was am Ende dabei herauskommt. Es wird sicher anders, als wir es uns jetzt vorstellen.
Digitale Technologie ist eine gute Einstiegsmöglichkeit für junge Filmmacher – wie denken Sie darüber?
Natürlich ist es eine gute Möglichkeit für Studenten und angehende Filmemacher. Man kann wirklich viel darüber lernen, wie man Filme macht, es ist ein guter Weg, sich in Timing, Schauspielerführung, Schnitt und sogar in Bildgestaltung zu üben.
Wie sehen Sie die Aufgaben des Kameramanns in zehn Jahren?
Ich kann nur vorschlagen, weiter eine überwachende Rolle einzunehmen, sodass der Kameramann für das ganze Aussehen des Filmes verantwortlich ist. Wir müssen aufmerksam und wachsam bleiben – und wir müssen gute Verträge abschließen!
