Action- und facettenreicher Film-Ritt mit einer Protagonistin, die sich ein gutes Stück weit selbst spielt
Sie brauche Geld eigentlich kaum, sagt Julia einmal, denn eigentlich stehle sie ohnehin alles, was sie zum Leben benötigt. Ihre Bemerkung beschreibt sie selbst, eine in Bordeaux lebende junge Frau mit Wurzeln in Guadeloupe, deren große Leidenschaft das Motorradfahren ist, treffend: Julia hat gelernt, sich durchs Leben zu boxen, sie hat keine Angst, keine Scheu und lebt nach der Maxime, sich zu nehmen, was sie will. Weil Letzteres zu einem großen Teil eben schneidige Bikes sind, die die Einzelgängerin geschickt Privatverkäufern abknöpft, möchte sie in der von jungen Männern dominierten Domäne der Stuntfahrer Anschluss finden. Konkret wird sie nach einem fatalen Ereignis bei einem der illegalen Treffen, wo mit Vollgas waghalsige Tricks aufgeführt werden, nach und nach Teil der Motorrad-Gang „B-More“. Julias Talent, zu stehlen, kommt deren aus der Gefängniszelle operierendem Boss sehr gelegen und sie wird Beauftragte für die Beschaffung bestimmter Modelle. Das neue – man stelle sich vor, weibliche – Mitglied der Gruppe wird nicht von allen wohlwollend akzeptiert. Während Julia im pragmatischen Kaïs scheinbar einen Verbündeten findet und sich darum bemüht, zu der Partnerin des Chefs und deren gemeinsamem kleinem Sohn eine Beziehung aufzubauen, bekommt sie an anderen Fronten gewaltvolle Einschüchterungsversuche zu spüren. Ein ständig brodelnder Kessel geht schließlich in einem Finale über, das durchaus Überraschendes bietet.
Schon im Vorfeld der letztjährigen Cannes-Festspiele wurde Rodéo mit einer gerade für ein Spielfilmdebüt doch beachtlichen Spannung antizipiert. Regisseurin Lola Quivoron gelingt einerseits ein zwar sehr stylischer und differenzierter Blick auf einen motorisierten Männerbund gesellschaftlicher Outcasts – Quivoron beschäftigte sich schon lange mit Motorrädern und ihren Fahrern, u. a. in ihrem Kurzfilm Au loin, Baltimore (2016) –, ebenso zeichnet sie eine verschlossene Außenseiterin – die Bikerin Julie Dedru hat sie dafür auf Instagram entdeckt –, die ihren antrainierten Schutzpanzer teilweise abwirft, um zwischenmenschliche Nähe zu finden. Gestalterisch wechseln sich dabei hitzige, sehr körperlich geführte Dialoge mit knatternden Fahrt-Aufnahmen ab. Und wenn die Motorgeräusche ihr Raum zur Entfaltung lassen, vertont die Filmmusik von Kelman Duran die Ambivalenz zwischen Freiheitsgefühl und existenzieller Melancholie äußerst wirksam. Obwohl der Film jedoch am Ende zumindest einen unerwarteten Weg einschlägt, stellen sich manche Erzählbausteine leider etwas schematisch dar und lässt sich eine gewisse Vorsehbarkeit auch nicht mit noch so viel atmosphärischer Coolness gänzlich abschütteln.
