Porträt des Starregisseurs mit schönfärberischen Tendenzen
Man kennt das aus dem Kino: Jemand setzt sich nach einer Straftat an einen fernen Ort ab, um unbehelligt sein restliches Leben zu verbringen – und wird dann doch wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Für Roman Polanski traf das 2009 realiter zu: Er wurde auf dem Weg zum Züricher Film Festival verhaftet, weil er sich vor über 30 Jahren einer Anklage wegen Vergewaltigung in den USA entzogen hatte. Der berühmte Regisseur wurde von der Schweizer Justiz mehrere Monate in seiner Villa in Gstaad unter Hausarrest gestellt, bis schlussendlich der Auslieferungsantrag aus den Vereinigten Staaten zurückgewiesen wurde. Andrew Braunsberg, ein langjähriger Freund des Regisseurs und Produzent von dessen Shakespeare-Adaption The Tragedy of Macbeth, der Groteske Che? sowie dem Psychodrama Le Locataire nutzte diese Zeit zur Aufzeichnung eines ausführlichen Interviews mit Roman Polanski.
In altersmilder Stimmung erzählt der jünger wirkende Mittsiebziger Episoden aus seinem ereignisreichen Leben, Fotos und Zeitdokumente illustrieren die Erinnerungen des gebürtigen Polen. Erschütternd die Schilderung der Kindheit im jüdischen Ghetto von Krakau während des Nazi-Terrors, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Später wird Polanski diese Erlebnisse im Oscar-gekrönten Drama The Pianist verarbeiten, aus dem Ausschnitte sowie Impressionen von den Dreharbeiten gezeigt werden. Über seine anderen Regiearbeiten, sein künstlerisches Oeuvre, wird indessen nur wenig geredet. In seinen 1985 auf Deutsch erschienenen Memoiren hatte Polanski weit offenherziger über seine Filme und Affären, auch selbstkritisch über seinen Charakter („egoistisch und herrschsüchtig“) berichtet. Bei der freundschaftlichen Unterhaltung mit Braunsberg als Stichwortgeber bleiben kritische Fragen ausgeblendet. Es kommen vor allem private Schicksalsschläge zur Sprache, wobei Polanski als Opfer niederträchtiger Medienberichterstattung nach der Ermordung seine Frau Sharon Tate durch die Manson-Family, von Justizwillkür und Verleumdung nach dem Vorwurf der Vergewaltigung einer Minderjährigen anno 1977 dargestellt wird. Wenn dann noch das mittlerweile längst erwachsene Opfer sowie dessen Mutter im US-Fernsehen zu Wort kommen und versichern, Polanski nichts nachzutragen, wird der Eindruck verstärkt, dass es hier weniger um Memoiren und mehr um eine persönliche Rechtfertigung geht.
