Familiäre Spurensuche in Galicien
Dass die eigenen Eltern selbst einmal jung waren, vergisst man gern. Die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) will sich bewusst erinnern, überhaupt will sie erfahren, wer diese jungen Wilden waren, die sie selbst nie richtig kennengelernt hat. Zu früh sind beide verstorben, weil sie in den 1980er Jahren in Galicien ein intensives, ausgelassenes Leben führten, sich leidenschaftlich liebten, Drogen nahmen und schließlich einer damals noch tödlich verlaufenden HIV-Infektion erlagen.
Aufgewachsen ist Marina deshalb in Barcelona bei der Familie ihrer Mutter. Die Verwandtschaft väterlicherseits ist ihr gänzlich fremd, als die verwaiste Tochter 2004 zum ersten Mal in der Hafenstadt Vigo im Nordwesten Spaniens eintrifft. Gekommen ist sie, um eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters zu besorgen, die sie für ihre Bewerbung um ein Stipendium benötigt. Denn Marina will Regie studieren. Im Gepäck hat sie ihre Videokamera sowie das Tagebuch der Mutter, das ihr auf der Reise als emotionaler Wegweiser dienen soll.
Die ersten Tage verbringt die junge Filmemacherin mit ihrem Onkel Lois (Tristán Ulloa) und dessen Frau und Kindern auf einer Segeljacht, mit der sie gemeinsam die Region am Ufer des Atlantiks erkunden. Was folgt, ist eine intime Spurensuche der Regisseurin zu den eigenen Wurzeln. Dabei steht erneut das Persönliche im Vordergrund. Simón arbeitet sich tief in die familiären Bindungen, Verwicklungen und Streitereien ihrer Figuren ein, um kein kohärentes, aber ein sinnlich erfahrbares Bild von Marinas Eindrücken und Erlebnissen zu zeichnen.
Der erzählerische Ton erinnert bewusst an Simóns Berlinale-Gewinner Alcarràs – Die letzte Ernte (2022), in dem sie einen Pfirsichbauern-Clan in Katalonien porträtierte. Romería ist nun der letzte Teil einer Art Familien-Trilogie, zu der auch ihr Langfilmdebüt Summer 1993 (2017) gehört. Aus den zum Teil widersprüchlichen Erinnerungen ihrer Verwandten setzt Marina allmählich ein vages Bild vom Leben ihrer Eltern im Post-Franco-Spanien der späten 1980er Jahre zusammen. Immer wieder spürt Simón in diesem Zusammenhang auch die gesellschaftlichen Hintergründe und nationalen Befindlichkeiten ihres Heimatlandes auf.
Den idyllischen Landschaften und ausgelassen Volksfesten, die sie filmt, ist ein unscheinbarer Schmerz eingeschrieben. Leise tritt das allzu lange Verdrängte zutage. Auch Marina tut sich zunächst schwer mit dem Gedanken, dass ihre Eltern Junkies waren. Gleichzeitig stehen nicht alle in der Familie dem Neuzugang wohlgesonnen gegenüber. Vor allem die Großeltern ihres Vaters haben Mühe, das entfremdete Enkelkind als Teil der Familie anzuerkennen.
Mit gesundem Misstrauen begegnet Marina den Menschen und Umständen um sie herum. Ihr aufmerksamer Blick durch die wackelige Kamera dient der angehenden Filmemacherin als Orientierungshilfe, aber er bietet ihr auch Schutz und Zuflucht vor den Vereinnahmungsversuchen der anderen. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst von Simóns Kino: Man fühlt sich vorsichtig geborgen in ihren Bildern und Geschichten, die bei aller Wahrhaftigkeit stets einen rätselhaften magischen Zauber versprühen.
