Rosalind Nashashibi

Rosalind Nashashibi

Utopien und andere Alltäglichkeiten

| Daniela Gregori |
Rosalind Nashashibi in der Wiener Secession.

Es ist das Bild eines ganz normalen Szenarios in einem Ferienhaus am Schwarzen Meer. Die Kleider wurden von den Kindern am Vorabend wohl dort fallen gelassen, wo man sich ihrer entledigt hat, nun schlummern die beiden friedlich auf Matratzen, bis sie vor laufender Kamera geweckt werden und so gar nicht wissen, was hier nun los ist. „Because it is starting …“,  tönt eine weibliche Stimme aus dem Off, und man darf grübeln, ob nun ein Experiment als Teil einer möglichen Handlung oder die Filmarbeiten an sich damit gemeint sind. Zwei Frauen, zwei Männer, ein Bub und ein Mädchen, die Konstellation unter den Protagonisten des Trips bleibt undefiniert wie das Wetter. Man geht spazieren, einer der Männer läuft wagemutig in die graue See, um kurz unterzutauchen. Im Urlaubsdomizil wird unaufgeregter Ferienalltag gelebt. Es wird gekocht, gelesen, geschlafen, Gin Tonic gemixt, das Mädchen sorgfältig frisiert, abends hocken die Erwachsenen bei einem Glas Wein und einer Zigarette auf der Terrasse, im Wohnzimmer wird über Zeitverschiebung diskutiert.

Rosalind Nashashibi hat sich in ihrer filmischen Arbeit seit jeher für den Aufbau von Gemeinschaften interessiert. Menschen wurden mit Orten in Beziehung gebracht, hierfür hat die Künstlerin dabei stets eine sehr klare, reduzierte Bildsprache mit dokumentarischem Charakter gefunden. Die Kamera der 16mm-Filme bleibt auf Augenhöhe, Handlung wird mitunter durch Momentaufnahmen des Alltags ersetzt, es wird präzise geschnitten und montiert, die Tonebene bewusst zur Strukturierung eingesetzt. Seit dem Jahr 2000 beschäftigt sich die Künstlerin, die ursprünglich von der Malerei gekommen ist, mit Film. Die Gemeinschaften waren höchst unterschiedlich, die Orte meist mehr oder weniger geschlossene Systeme. Mal waren es die Protagonisten eines Kirchenflohmarktes, mal die Besatzung eines Frachtschiffes, die Akteure einer Tanztruppe oder die Konstellation von Mutter und Tochter, beide Künstlerinnen, die im Dickicht eines eingezäunten Gartens in Guatemala leben. Vivian’s Garden heißt der Film über die beiden Ladies in ihrem selbst gewählten Exil einer ehemaligen Kaffeeplantage. Ebenso wie die Arbeiten der beiden filmisch in Szene gesetzten Künstlerinnen Vivian Suter und Elisabeth Wild, wurde auch der Film von Nashashibi 2017 auf der documenta 14 in Kassel gezeigt.

Dass sich Rosalind Nashashibi, die ursprünglich Malerei studiert hatte, seit einigen Jahren neben ihren Filmen wieder Arbeiten auf Leinwand widmet, mag an den geänderten Lebensumständen der 1973 in Croydon geborenen Künstlerin und alleine erziehenden Mutter zweier Kinder liegen, womöglich auch an einer durch die documenta-Teilnahme und einer Nominierung zum Turner-Preis im selben Jahr einhergehenden Präsenz auf dem internationalen Kunstmarkt. Die Aufmerksamkeit auf die Malerei zu lenken, wie die Gemälde unter ihrer Hand entstehen, deren eingehende Betrachtung und von den fertigen Exponaten im Atelier umgeben zu sein, gehöre nun zu ihrer täglichen Praxis, sagt sie. Und es ist eben jene Diskrepanz zwischen dem Produzieren und dem Betrachten von Bildern und Filmen, die dabei den Reiz ausmacht. Zum einen mag die Künstlerin diesen Stillstand der Zeit, wenn man Gemälde betrachtet und nichts vorwärtszuschreiten scheint. Zum anderen liebe sie es noch immer, in ihren Filmen die Zeit zu manipulieren. Zeit und die Frage nach ihrer Linearität und der Option einer Nicht-Linearität stehen im Zentrum einer groß angelegten Filmtrilogie, die nun von  Rosalind Nashashibi gemeinsam mit der Wiener Secession, dem Witte de With (Rotterdam), der Foksal Gallery Foundation (Warschau) und dem Edinburgh Art Festival 2019 ko-produziert wird.

In der von Kuratorin Bettina Spörr für die Secession betreuten Ausstellung „Deep Redder“ feiert neben dem ersten Teil mit dem Titel Where There Is a Joyous Mood, There a Comrade Will Appear to Share a Glass of Wine nun mit The Moon Is Nearly at the Full. A Team Horse Goes Astray der zweite Film Premiere. Wurde im ersten Part der Trilogie noch Handlung durch Momentaufnahmen des Alltäglichen ersetzt, so kristallisiert sich im Folgeteil ein ganz konkretes Storyboard heraus. Die Kurzgeschichte „The Shobies‘ Story“ der Science-Fiction-Autorin Ursula Le Guin steht hier Pate. Es geht um ein Experiment, in dem eine Gruppe von Menschen mittels einer zeitlosen Raumverschiebung ins All expediert wird, während ihr soziales Umfeld auf der Erde gleichzeitig altert und vergeht. In der Geschichte wird die sorgsam nach Geschlecht und Alter zusammengestellte Gruppe in einer Art Honeymoon-Camp auf ihre Teamfähigkeit getestet. Bei Nashashibi wird die Zusammensetzung des Casts um einige Personen erweitert, sodass nun drei Generationen in der beklemmenden Verlassenheit eines Haus am Meer zusammenfinden.

In der Ausstellung im Untergeschoss der Secession zeigt  Nashashibi neben den beiden Filmen auch ihre Malerei. Die beiden doch so unterschiedlichen Medien scheinen einander ergänzend zu kommentieren. Motive werden aufgenommen und übernommen, Bilder, die im Film ein Gefühl evozieren, werden auf der Leinwand zu grundsätzlichen Statements einer nachgerade archaischen Reduktion. Es sind dies beispielsweise Beine im Wasser, die keinen Zweifel lassen , dass dieses auch kalt ist oder die Draperie des Vorhanges, die sich in ihrer Linearität kaum mehr von dem schlichten Weinglas unterscheidet. Schaf und Ziege, die als Opfertiere seit jeher in unserer Bildkultur eine Rolle spielen, scheinen sich in diesen gemalten Nocturnen nicht nur auf den Mond, sondern überhaupt in die Weite des Weltraumes zu sehnen. Äpfel leuchten verführerisch, doch gibt es ebenso Exemplare, deren vorzeitiger Verfall durch eine transparente Abdeckung verzögert werden soll. Utopien, so lernen wir, mögen das All mit einschließen sowie die Zeit und Vergänglichkeit zum Stillstand bringen können. Film wie auch Malerei können dies mit höchst unterschiedlichen Zugängen ebenso leisten.

Sowohl die Filme als auch die Malerei stehen bei Rosalind Nashashibi als Solitäre für sich. Wohin die Reise des großen ganzen Projekts schließlich weiter gehen wird, bleibt für den dritten Teil abzuwarten.