Die Straße, auf der der Rubel rollt, führt ins Moskau der Superreichen und dokumentiert die aus den Fugen geratene russische Lebenswelt.
Wie Puzzlesteine fügen sich Bilder von Menschen und ihrer Lebenswelt aneinander, bis gegen Ende eine Kameraeinstellung in extremer Aufsicht den Schauplatz ins rechte Licht rückt: ein Siedlungsensemble wie eine Spielzeuglandschaft für Barbie-Puppen gestaltet; kitschige, Glück verheißende Miniaturschlösschen in Reih und Glied. In das von Sicherheitsdiensten streng überwachte Paradies der millionenschweren Neureichen im Westen der russischen Hauptstadt führt eine Verbindungsachse der Macht, die Rubljovo-Uspenskoje-Chaussee, im Volksmund „Rubljovka“. Einst hatte Stalin dort seinen Sommersitz, nun rauscht unter ohrenbetäubender Begleitung von Einsatzfahrzeugen die Autokolonne vorbei, die Putin zu seinem Arbeitsplatz im Kreml bringt. Das ehemalige Datschenviertel der Sowjetprominenz hat ein neues Gesicht, das der Emporkömmlinge und Profiteure, die über unermesslichen Reichtum verfügen und in deren Diensten andere mitschneiden: die Zobelpelzverkäuferin, die ihr Geschäft als Therapie für Sinn suchende Gattinnen versteht, der Maler kitschiger Gesellschaftsporträts – ein eitler Society-Adabei, die Millionärstochter, die auf ihrer Suche nach einem reichen Mann irgendwie spürt, dass es da noch etwas anderes geben muss, jenseits ihres Horizonts. Vereinzelte Splitter in diesem Viertel gehören einer Zeit an, die im Schwinden begriffen ist: der inzwischen verstorbene Mstislaw Rostropowitsch vor seiner Villa, die Greisin, die in ihrem armseligen Häuschen an der viel zu laut gewordenen Straße so wie die letzten anderen, noch nicht zur Absiedlung gezwungene Anwohner um ihre Existenz kämpft, und Roma Romanov, der erfrischend kluge 12-Jährige, der als nachdenklicher Kommentator durch den Film begleitet. Das Haus, in dem er wohnt, ist ein unvollendetes Projekt spleeniger Träume, entworfen von seinem Vater, Nachkomme der Zarenfamilie, Architekt und lebendes Fossil einer im Aussterben begriffenen Spezies, der russischen Intelligentsija. Denn auch das ist, (oder war?) Russland: die gelebte Utopie.
Von Polizei, Wachdiensten und Geheimdienst beargwöhnt und schikaniert, hat die russlanddeutsche Emigrantin Irene Langemann unter beträchtlichem Einsatz und Risiko mit der Kamera einen Mikrokosmos sozialer und ideeller Spannungen eingefangen und den erschütternden Befund einer Gesellschaft, die vom gefährlichen Virus eines von jeder Moral freien Kapitalismus befallen ist, in Bilder von nachhaltigem Eindruck übersetzt.
