Filmkritik

Sag nicht wer du bist / Tom à la ferme

| Pamela Jahn |
Mit jedem neuen Film wird Xavier Dolan ein Stück mehr erwachsen.

Das Auffälligste an Tom (Xavier Dolan) ist sein strähnig-lockiges maisgelbes Haar. Davon abgesehen wirkt der junge Werbetexter aus Montréal eher unscheinbar: schmächtig, zurückhaltend, einfühlsam, mit dünner Stimme und sanftem Lächeln. Und schwul. Wobei wir beim Problem wären. Denn nach dem Tod seines Lovers Guillaume beschließt Tom kurzum, an dessen Beerdigung teilzunehmen, und reist aus diesem Grund zu Guillaumes Familie aufs Land. Was Tom nicht ahnt: Auf dem abgelegenen Bauernhof erwartet man eigentlich nicht ihn, sondern eine junge Frau namens Sarah, die angebliche Freundin Guillaumes, die dessen Mutter Agathe (Lise Roy) bisher nur vom Hörensagen kennt und von dem, was Guillaumes älterer Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) ihr zukommen lässt, um über die Wahrheit in Bezug auf die sexuelle Orientierung ihres Sohnes hinwegzutäuschen. Dass Toms Präsenz daran nichts ändern soll, macht Francis, eine Hüne von einem Mann, ihm schnell und unverblümt klar, und ehe er es sich versieht, steckt der aufgeklärte Großstädter mittendrin in einem ziemlich abstrusen Psycho-Reigen aus Nötigung, Gewalt, Macht und Zwang, und lernt ganz nebenbei noch, wie man ein Kalb zur Welt bringt.

Auch Xavier Dolan, der in seinem vierten Spielfilm wieder selbst die Hauptrolle übernommen hat, erweitert mit Tom à la ferme einmal mehr auf bemerkenswerte Weise seinen eigenen und unseren Horizont. Und das ist durchaus auch wörtlich gemeint, angesichts des erneut verwendeten Breitformats, das hier jedoch eher ein noch stärkeres, beklemmendes Gefühl der Enge schafft, als es Dolans eigenwilliger Blick und sein feines Gespür für Musik und Dynamik ohnehin tun. Den 25-jährigen umtriebigen Kanadier allerdings weiterhin lediglich als Regie-Wunderkind abzustempeln, ist mindestens seit Laurence Anyways (2012) unzureichend. Denn das Bemerkenswerte ist nicht nur sein Alter, der unermüdliche Produktionsdrang oder die Qualität seiner Arbeiten, sondern vielmehr mit welcher Leidenschaft, Unbefangenheit und Überzeugung er bei jedem neuen Film am Werk ist.

Und natürlich sind Fehler im Spiel wie in der Liebe immer erlaubt. Das weiß Dolan so gut wie seine Figuren, und spannend bleiben seine bizarren Dramen trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb. Bleibt nur zu hoffen, dass es bei Mommy (2014), seinem fünften Film, für den er in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet wurde, nicht ganz so lange dauert, bis er in die hiesigen Kinos kommt.