Visionäre Neuinterpretation eines Shakespeare-Klassikers als Anime-Märchen
Claudius meuchelt seinen Bruder, den König von Dänemark, um dessen Frau Gertrude und den Thron zu besteigen. Der Oberkämmerer heißt Polonius, sein Sohn Laertes, Rosenkranz und Güldenstern sind Höflinge mit Mordauftrag. Doch die Hauptfigur ist nicht Hamlet, der Sohn des Getöteten, sondern Scarlet, eine fiktive Tochter. Die Prinzessin sinnt auf Vergeltung, doch als sie die Möglichkeit dazu hat, betet Claudius, und sie will ihn nicht ohne Reue sterben lassen. Damit hat die Ähnlichkeit mit dem Originalstoff ein Ende, wir sehen keine klassische Tragödie, sondern einen eklektischen Fantasy-/Actionfilm. Eine Odyssee durch Raum und Zeit, mit alt-orientalischen Karawanen, Wüstenräubern, Martial-Arts-Gefechten, hawaiianischem Hula-Tanz und einem japanischen Popsong-Clip. Die episodische, holprige Handlungsstruktur und die rudimentäre, eindimensionale Charakterzeichnung der Hauptfiguren verhindern den emotionalen Zugang zum absurden Geschehen, in dem Tote sich gegenseitig umzubringen versuchen.
Scarlet wird vergiftet und gelangt in eine surreale Schattenwelt zwischen einem „nimmerendenden Land“ und dem Nichts. Sie trifft auf einen tödlich verunglückten Rettungssanitäter aus dem heutigen Tokio, ein pazifistischer Philanthrop, der für humorvolle Momente sorgt. Ein wiederholt erscheinender Wolkendrache versinnbildlicht mit Blitz und Donner göttliche Gewalt.
Absolut sehenswert trotz der simplifizierten Behandlung von existenziellen Fragen wie „Sein oder Nichtsein“ oder des zentralen Rache-und-Vergebung-Motivs im Stil von Slogans ist Scarlet wegen der offensichtlichen Fabulierlust des auf Animation spezialisierten Regisseurs Mamoru Hosoda, der sich einmal mehr mit Zeitreisen und Parallelwelten befasst. Auch dank der visuellen Faszinationskraft: mit bildgewaltigen Landschaftspanoramen, die manchmal an Dune oder das Land Mordor in Lord of the Rings erinnern, mit furiosen Kampfszenen, Phantasmagorien, mitreißenden Zeitreisedarstellungen und einem atmosphärisch-stimmungsvollen Score von Taisei Iwasaki – tricktechnisch geschickt und detailreich realisiert mit einer Mischung aus handgemalten Szenenbildern und CGI-Animationen des Mienenspiels und der Bewegungsabläufe. Besonders einprägsam die Horrorvision, wenn zombiehaft grapschende Hände Scarlet ins Höllenfeuer zerren wollen.
Nachdem Gesinnungswandel und gesellschaftliche Reformen propagiert wurden, wirkt das Happy End eher reaktionär: Scarlet wird zur Königin gekrönt und die Monarchie damit zur richtigen Regierungsform erklärt, wenn sie nur wohlwollend ist.
