Mit dem Kurzfilm „Scenes from the Suburbs“ inszenieren Arcade Fire gemeinsam mit Regisseur Spike Jonze das Erwachsenwerden in amerikanischen Vorstädten gleichermaßen als Coming-of-Age-Film und als Dystopie. Und erproben dabei ein die eigene Musik visualisierendes Konzept, das nur mehr wenig mit dem klassischen Clip-Format zu tun hat – womit sie allerdings nicht die einzigen sind.
Arcade Fire sind die Indie-Rockband der letzten Jahre, sie sorgen musikgeschmacks- und generationsübergreifend für Begeisterung. Ihre Alben, zuletzt The Suburbs, sind nicht nur Ansammlungen von Indie-Gassenhauern, sondern vor allem Konzeptalben ohne Prog-Rock-Attitüde. Dass von den kreativen Kanadiern keine banalen Musikvideos zu erwarten sind, ist ebenso eine Selbstverständlichkeit wie ein Glücksfall, denn die visuelle Aufbereitung ihrer Songs zeigt, was Musikvideo auch nach der Ära des innovativen Musikfernsehens und abseits der Mainstream-Einheitsbrei-Clips sein kann. Oder gar sein muss, um ein alternatives Publikum und eine gewisse öffentliche Wahrnehmung zu erreichen – und um dadurch natürlich auch die Kaufversionen der eigenen Musikveröffentlichungen und anstehende Live-Tourneen zu bewerben.
Nach The Wilderness Downtown, dem interaktiven Clip zum Track We Used To Wait, in den das Publikum online mittels Google Earth und Street View direkt eingreifen konnte, haben die Arcade-Fire-Brüder Win und Will Butler den Kurzfilm Scenes from the Suburbs geschrieben und gemeinsam mit Clip- und Spielfilmregisseur Spike Jonze realisiert. Mehrere Tracks des Erfolgsalbum The Suburbs finden den Weg in den Film und geben diesem gleichermaßen musikalische Begleitung und loses inhaltliches Gerüst. Hier wird das Album a priori zum Film-Soundtrack und der Film a posteriori zum Musikvideo für ein gesamtes Album.
Angereichert mit Retro- wie SciFi-Elementen und in einer für Kurzfilme typisch-fragmentarischen und Interpretationslücken lassenden Erzählweise, zeichnet Scenes from the Suburbs das Erwachsenenwerden in amerikanischen Vorstädten und die Erinnerung an einen Sommer mit dem Zerbrechen einer Freundschaft gleichermaßen als Coming-of-Age-Film wie als Dystopie.
Mit Diskussionen und Ratschlägen, wie man es schafft, vom heiß begehrten Mädel geküsst zu werden, mit dem Vereinnahmen der Straße in der BMX-Clique, dem Cruisen im Benz der Eltern, dem Schülerjob im Diner, dem Wochenend-Party-Abfeiern, mit all den universell und zeitlos geltenden jugendtypischen Codes, Gesprächen und Gebaren, vertreibt sich eine Gruppe Kids in einer typischen 80er-Jahre US-Vorstadt die alltägliche Langeweile und steuert auf das Erwachsensein zu. Der suburbane Lebensraum erweist sich in Scenes from the Suburbs allerdings als überzeichnete Gated Community einer nahen Zukunft, als polizeilich und militärisch streng bewachte und abgegrenzte Kapitalgesellschaft, die sich im Krieg mit anderen (Vor-)Städten befinden.
Ein Krieg, den die Jugendlichen zwangsläufig und durch die ständige Präsenz und offensichtliche Willkür der Staatsgewalt auch als bedrohlich wahrnehmen, der als Ding der Erwachsenen aber nur den kaum aufzubrechenden Rahmen für all die normalen Freuden, Erfahrungen, Unwägbarkeiten aber auch Ausbrüche und Explosionen des Erwachsenwerdens vorgibt. Und der im erwachsenen Blick zurück vielleicht auch nur Metapher ist für all die kleinen Kriegsschauplätze und Eingrenzungen, mit denen sich Jugendliche in der Familie, der Nachbarschaft, im Freundeskreis und in der Gesellschaft konfrontiert sehen, und somit Teil einer Rekonstruktion der Jugendzeit, die in der Erinnerung immer bruchstückhaft bleibt. Subsumierbar unter der der Handlung vorangestellten Äußerung Kyles, dessen Erinnerung der Film wiedergibt: „I wish I could remember every little moment. But I can’t. Why do I only remember the moments that I do. I wonder what happened to the others.“
2011 war der 29-minütige Kurzfilm auf einigen Festivals und kurzzeitig legal online zu sehen, auf DVD ist er in der Limited Edition des Arcade Fire Albums The Suburbs, zusammen mit dem Musikvideo zum gleichnamigen Song – eine etwas abgewandelte Kurzform des Kurzfilms, die diesen aber sinnvoll ergänzt und manche Handlungslücken füllen kann – und einem 13-minütigem Behind-the-Scenes erschienen. Die Anschaffung dieser CD-DVD-Ausgabe lohnt sich allemal, selbst wenn man The Suburbs bereits besitzt. Dann kann man sich über das 80-seitige Foto-Booklet und die beiden Bonustitel auf der CD freuen und das „normale“ Album zu Missionszwecken verwenden: es kommt bestimmt auch bei der Adele-likenden kleinen Schwester oder bei den Eltern, denen Bowie kein Fremdwort ist, gut an.
Mit dem albumübergreifenden Musikfilm als Blick auf die Gesellschaft waren Arcade Fire im vergangenen Jahr freilich nicht die Einzigen. Auch die Alternative-Singer-Songwriterin PJ Harvey hat sich auf diesen Weg begeben und damit zu einer neuen Erscheinungsform des Musikvideos abseits von ausgetretenen Pfaden und von MTVH1 & Co beigetragen. Gemeinsam mit dem britischen Kriegs- und Dokumentarfotografen Seamus Murphy hat sie sich reisend, beobachtend und dokumentierend ihrem Mutterland England angenähert. Die dabei entstandenen zwölf Kurzfilme zu jeweils einem Track ihres Albums Let England Shake sind online zu finden oder in fernsehtauglicher Qualität auf DVD erhältlich – und wie Scenes from the Suburbs als gelungenes Musikfilm-Experiment ebenfalls nicht zu verachten.
