Zehn Schauspielerinnen, von denen wir im Kino mehr sehen wollen, in Mini-Porträts.
Redaktion: Roman Scheiber
Die folgende Fotostrecke mit zehn Textminiaturen gehorcht keiner herkömmlichen Kategorisierung. Das einzige verbindende Element der hier kurz porträtierten Schauspielerinnen ist, dass wir von „ray“ sie mögen und mehr Filme sehen wollen, in denen sie auftreten. Star-Appeal war dabei nicht ausgeschlossen (sonst würden zum Beispiel Gemma Arterton und in gewisser Hinsicht Ellen Page nicht vorkommen), aber auch nicht Bedingung. Newcomerinnen durften, mussten es aber nicht sein. So wurde die gerade erst bekannt gewordene 20-jährige Jennifer Lawrence (Winter’s Bone) ebenso berücksichtigt wie eine Art „ewiges Talent“, die 34-jährige Engländerin Kelly Reilly (L’Auberge espagnole). Ob aparte, hier zu Lande weitgehend unbekannte italienische Schönheit (Maya Sansa), kratzbürstiges Role Model (die Schwedin Noomi Rapace in der Adaption der „Millennium“-Trilogie), erotische Draufgängerin (die Chinesin Tang Wei in Lust, Caution) oder feministische TV-Komödiantin (Tina Fey, Autorin und Star von „Saturday Night Live“ und „30 Rock“): Wir schätzen sie, wir lieben sie und wir hätten gern mehr von ihnen. Klatsch und Tratsch über sie ist uns tendenziell egal, wo sie im Star-Barometer rangieren für uns von nachgeordneter Bedeutung. Die Argentinierin Martina Gusman (Carancho) zum Beispiel war in hiesigen Lichtspielhäusern noch nicht einmal zu sehen. (So etwas können nur Verleiher ändern.) Und einem „Wunderkind“ wie Saoirse Ronan (The Lovely Bones) sehen wir sogar einen Fehlgriff namens Hanna nach und freuen uns auf ihren nächsten Film (The Way Back), der hoffentlich demnächst anläuft. Die „ray“-Wunschliste erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit; auf Fortsetzung im Sommer 2012 besteht eine realistische Chance.
Ellen Page
Jung, schwanger und ein unglaublich loses Mundwerk: Die Rolle der Juno brachte Ellen Page internationale Bekanntheit und eine Oscar-Nominierung ein. Wie sie sich mit sarkastischem, assoziativem Witz durch die Widrigkeiten des Lebens schlägt, ihre innere Unsicherheit und Verletzlichkeit verbirgt, den Intellekt als Waffe einsetzt, konsequent den einmal beschrittenen Weg geht: Das ist so was wie ein Muster ihrer Rollenbiografie. Sie muss tough sein, um sich durchzusetzen, ihr kurzer, kompakter Körper disqualifiziert sie für das Klischee des sexy Glamour Girl. Sie spielt vornehmlich in Independent-Filmen Figuren, die Indie-Rock lieben, belesen sind, schnelle Auffassungsgabe mit schnellem Witz verbinden – und bisweilen ins Manische driften wie in Hard Candy (2005), ihrer ersten Hauptrolle, in dem sie sich ein fieses, sadistisches Psychospiel mit einem mutmaßlichen Pädophilen liefert (und natürlich gewinnt). In The Tracey Fragments (2006) wehrt sich Page in extremen Splitscreen-Bildern agil gegen Pubertät, prekäres Elternhaus, Schulhänseleien, Psychologengequatsche, Drogenkriminelle, angetrieben durch ein schreckliches Drama hinter dem Drama. Nur 1,55 Meter groß, wurde die 1987 im kanadischen Halifax geborene Page bis Inception (2010) als Teenager besetzt, erst bei Christopher Nolan durfte sie eine studentische Praktikantin in DiCaprios Traumland spielen. Doch Ausflüge in Blockbusterwelten (wie auch X-Men 3, 2006) werden wohl die Ausnahme bleiben. In Drew Barrymores Whip It! (2009) wird sie bald auch im deutschsprachigen Raum als Rollergirl losgelassen, in der Superhelden-Satire Super einen psychotischen Sidekick geben. (Harald Mühlbeyer)
Gemma Arterton
Wer einmal Bond-Girl war (Strawberry Fields in Quantum of Solace, 2008), einen Werbevertrag mit einer Jeansmarke hat (G-Star Raw, fotografiert von Anton Corbijn) und in einem Jahr in gleich zwei Hollywood-Blockbustern auftritt (Clash of the Titans, Prince of Persia, 2010), darf als weltbekannt gelten. In ihrem kometenhaften und rasch etablierten Aufstieg fällt die 1986 in der Grafschaft Kent geborene und an der Royal Academy of Dramatic Art ausgebildete Britin Gemma Arterton ein wenig aus der Reihe der hier vorgestellten Schauspielerinnen. Künstlerisch wertvoller als die erwähnten Rollen sind aber ohnehin andere, zwei davon verdienen besondere Erwähnung: In Stephen Frears’ sommerlichem Liebesreigen Tamara Drewe (2010) gibt sie die charmant natürliche Titelheldin – eine in ihr Heimatdorf zurückkehrende Journalistin verweist alsbald anrückende Verehrer mit äußeren Reizen und gelöster Ausstrahlung nach libertinärer Lust und Laune in deren Peinlichkeits-Schranken. Und als entführte Millionärstochter im Billig-Thriller The Disappearance of Alice Creed (2009) gelingt ihr etwas sehr Seltenes: einem fehlkonstruierten Drehbuch, das effekthascherisch auf ständigen Opfer-Täter-Machtwechsel setzt, ansehnliche Aspekte eines Psychokammerspiels abzugewinnen. In der Rollenwahl sicherer zu werden, ist ihr zu wünschen und ihre faszinierende Leinwand-Präsenz einem nicht bloß behauptet raffinierten Thriller. 2012 wird sich jedenfalls herausstellen, wie sich Gemma Arterton als frei adaptierte Grimm’sche Märchenfigur macht; in der deutsch-amerikanischen Koproduktion Hänsel und Gretel wird sie gemeinsam mit Jeremy Renner in der Titelrolle zu sehen sein – als Hexenjägerin. (Roman Scheiber)
Jennifer Lawrence
Um die 30 Nominierungen und Preise brachte ihr die Rolle der Ree in Debra Graniks Winter’s Bone ein, darunter eine Nominierung für den Oscar – ein durchaus beachtlicher Erfolg für eine gerade mal 20-Jährige. Winter’s Bone war einer dieser Filme, die kamen, sahen und siegten. 2010 fegte das Independent-Werk durch die Festivals und eroberte Kritiker wie Publikum im Sturm. Jennifer Lawrence war daran nicht unschuldig. Ihr Porträt eines Teenagers, der die Verantwortung für die verarmte Familie ganz allein schultern muss (ähnlich wie Lawrence den Film nahezu allein tragen muss) und sich der schweren Aufgabe gewachsen erweist, ging unter die Haut. Vor allem, weil Lawrence sich in ihrem Spiel jeder Sentimentalität enthielt, sich nie anbiederte und, wie ihre Figur Ree, stets auf Autarkie bedacht blieb. Das gilt auch für Mariana in The Burning Plain unter der Regie Guillermo Arriagas (2008) oder Norah in The Beaver unter jener von Jodie Foster (2011). Es sind Figuren, die sich durch Würde, Mut und Willensstärke auszeichnen. Die wenig mädchenhaft wirken und schon gar nicht ladylike, in denen vielmehr bereits eine sich ihrer selbst gewisse Frau aufleuchtet, die gegen Widerstände Wege finden wird.
Jennifer Shrader Lawrence wurde am 15. August 1990 in Louisville, Kentucky, geboren. Mit 14 Jahren ging sie nach New York und auf ihr Ziel zu. Sie hat keine Schauspielausbildung, sie vertraut auf ihren Instinkt. Derzeit ist sie in der Rolle der Mystique in Matthew Vaughns X-Men: First Class zu sehen. Auch hier weicht sie Konflikten nicht aus, sondern geht direkt auf sie zu. Ein wenig stur und dabei sehr, sehr schön. (Alexandra Seitz)
Kelly Reilly
Wer sich erst auf den zweiten Blick verliebt, hat mitunter reichlich Grund zur Scham. In der ersten Folge von L’Auberge espagnole (2002) war sie Romain Duris noch nicht recht aufgefallen: Er hatte schon genug Verdruss mit der Liebe, und ihr ärgerlicher Bruder war ein wandelndes Argument dafür, Großbritannien nicht in die Europäische Gemeinschaft aufzunehmen. Erst im zweiten Teil merkt Duris, wie bezaubernd und sexy sie ist. Sie lehrt ihn, dass auch der Alltag zur Liebe gehört und gerade das zu lieben, was nicht perfekt ist. Dabei ist an ihr natürlich nicht das Geringste auszusetzen. Mit ihrem blassen, leuchtenden Teint und den blauen Augen wirkt sie wie eine zeitgenössische Version der English rose, wie eine moderne Deborah Kerr. Wären da nicht ihre hinreißenden Sommersprossen, könnte man sie für kühl halten. Mit 17 debütierte die 34-Jährige in der TV-Serie „Unter Verdacht“ an der Seite von Helen Mirren. Bei der Wahl ihrer Kinorollen hat sie bisher nicht immer Geschick bewiesen – Puffball (2007) etwa war eine eher törichte Entscheidung –, nur auf der Bühne (und im Fernsehen, etwa in der Serie „Above Suspicion“) kam sie angemessen zur Geltung. Sie feierte Triumphe in Stücken von David Mamet, Patrick Marber und als Desdemona in „Othello“. Dementsprechend handeln zwei ihrer schönsten Filme von der Liebe zum Theater: Mrs. Henderson Presents (2005) sowie Me and Orson Welles (2008). Als Verlobte von Jude Law hinterließ sie mit nur ein, zwei Auftritten in Sherlock Holmes (2009) einen starken Eindruck. Hoffen wir, dass sie in der Fortsetzung mehr Gelegenheit hat, sich gegen das Männerbündlerische zu behaupten. (Gerhard Midding)
Martina Gusman
Ob es von Vorteil ist, eine Schauspielkarriere an der Seite eines bekannten Kollegen zu beginnen, darüber lässt sich wohl streiten. Einerseits bringt ein großer Name dem Film erhöhte Aufmerksamkeit, andererseits droht die Gefahr, irgendwo im übergroßen Schatten des Stars stecken zu bleiben. Ideal wäre natürlich, ersteres zu nutzen und letzteres zu umgehen. Wir wissen nicht, ob Martina Gusman das so geplant hatte, doch etwas in dieser Art ist ihr in Carancho (2010) gelungen. Bis dahin war die 32-Jährige aus Buenos Aires zwar vereinzelt als „actriz“ (etwa: Nacido y criado, 2008), aber vorwiegend als Produzentin tätig. Hier liefert sie als resolute Notärztin, die ihre Nächte dem desolaten argentinischen Gesundheitssystem widmet, ihren ersten großen Kinoauftritt. Eines Nachts trifft sie dabei auf einen windigen Versicherungsbetrüger (Ricardo Darín), den sie in körperlicher wie auch seelischer Hinsicht verarzten muss. Obwohl Ricardo Darín im Moment so ziemlich der größte Name ist, den das argentinische Kino aufzubieten hat, lässt sich Gusman davon nicht irritieren. Während sich die junge Ärztin in den Machenschaften des Ganoven verfängt, wird klar, dass sie ihrem Gegenüber in Sachen Therapiebedürftigkeit um nichts nachsteht. Und so stolpern Gusman und Darín Hand in Hand durch einen düsteren Thriller, der sie recht bald dorthin bringt, wo auch das argentinische Gesundheitssystem zu stehen scheint – an den Rand des Abgrunds nämlich. Wengleich Carancho eifrig auf Festivals lief, ist ein Kinostart hierzulande noch ausständig. Allein die Performance von Martina Gusman wäre ein guter Grund, das endlich zu ändern. (David Krems)
Maya Sansa
Das erste Gesicht, das der Terrorismus in Marco Bellocchios Buongiorno, notte (2003) erhält, unterscheidet sich radikal von den Fahndungsfotos der RAF. Deren Mitglieder wirkten stets ein wenig aufgeschreckt, fanatisiert und unbeholfen verschlagen. Maya Sansas Gesicht hingegen ist schön, offen, fast arglos; ihr schüchtern-mitreißendes Lächeln war schon aus La meglio gioventù (Die besten Jahre) als ein Versprechen von Gemeinschaft und Lebensfreude vertraut. Sie verleiht Chiara, einem Mitglied der Roten Brigaden, anfangs eine rätselhafte Aura von Unschuld. Die Begeisterung, mit der sie auf die Fernsehnachricht von der Entführung Aldo Moros reagiert, ist beinahe ansteckend. Später wird sich Chiaras Gesicht verwandeln, es wird ihre Zweifel und Skrupel widerspiegeln. Bellocchio hatte Sansa 1999 auch ihre erste Leinwandrolle angetragen, die der sanft rebellierenden Amme, die in La Balia mit einem Anarchisten verlobt ist und Schreiben und Lesen lernen will. Ihre Aura wirkt zugleich intensiv gegenwärtig und entrückt; nicht von ungefähr wird sie oft in historischen Filmen besetzt. Wer ihre Freundlichkeit für unterwürfig hält, täuscht sich. Der Blick ihrer großen Augen (unter strengen Brauen) flößt ihrem Gegenüber Zutrauen in sich selbst ein. Er verlockt, ungekannte Wege zu beschreiten, sei es als grimmige Resistancekämpferin in Les Femmes de l’ombre (2008), als Schwester, die ihren boxenden Bruder in Fuori dalle corde (2007) anspornt oder als lesbische Geliebte Isabelle Hupperts in Villa Amalia (2009). Ihr Enthusiasmus gemahnt daran, dass eine Liebesbegegnung erst einmal Freude bereiten sollte. Für den Schmerz, der danach kommt, ist die Schauspielerin auch gewappnet. (Gerhard Midding)
Noomi Rapace
Die Rolle, mit der sie den internationalen Durchbruch schaffte, ist wahrlich alles andere als eindimensional: In den Verfilmungen von Stieg Larssons Millennium-Trilogie (Verblendung, Verdammnis, Vergebung) verkörperte sie die ebenso toughe wie verletzliche Hackerin Lisbeth Salander. Um das wahrscheinlich am Asperger-Syndrom leidende Missbrauchsopfer, das sich gnadenlos rächt, glaubhaft darzustellen, absolvierte sie ein hartes Kampfsporttraining, und um den Gothic-Look Salanders nicht als bloße Maskerade erscheinen zu lassen, ließ sie sich an mehreren Stellen das Gesicht piercen. Auch wenn die künstlerische Qualität der Filme eher durchwachsen ist, Rapace blieb bestens im Gedächtnis; mit eindrucksvoller Intensität kreierte sie eine der interessantesten Leinwandheroinen der jüngsten Zeit. Die 1979 im schwedischen Hudiksvall geborene Schauspielerin heißt eigentlich Noomi Norén – den Nachnamen Rapace (französisch für Raubvogel) suchte sie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann aus. In ihren Rollen versteht sie es, Kühlheit und Temperament zu verbinden, eine Mischung, die womöglich mit ihren Eltern – einer Schwedin und einem spanischen Flamenco-Sänger – zu tun hat. Der Mimin, die ihren ersten Leinwandauftritt mit neun Jahren im isländischen Wikingerfilm Der Schatten des Raben (1988) hatte und bereits mehrere Schauspielpreise gewann, ist mit der Rolle der Lisbeth Salander jedenfalls der Sprung nach Hollywood gelungen: So wird sie (wie Kelly Reilly) demnächst an der Seite von Robert Downey Jr. und Jude Law in Guy Ritchies Sherlock Holmes-Sequel zu sehen sein, und Altmeister Ridley Scott hat sie für sein mit Spannung erwartetes Alien-Prequel Prometheus verpflichtet. Ihr eine erfolgreiche Karriere zu prophezeien, ist wohl kein allzu großes Risiko. (Oliver Stangl)
Saoirse Ronan
Mit der Etikettierung „Wunderkind“ sollte man üblicherweise eher zurückhaltend umgehen, doch im Fall von Saoirse Ronan ist die Versuchung groß, ihr dieses Label umzuhängen. In der Verfilmung von Ian McEwans Roman „Atonement“ agierte sie als jugendliche Intrigantin, die wegen einer kindlichen Eifersüchtelei eine Katastrophe auslöst, mit schauspielerisch großen Kalibern wie Keira Knightley und James McAvoy auf Augenhöhe. Damals war Saoirse gerade einmal zwölf Jahre alt. Sie lieferte eine Leistung, die ihr gleich einmal Nominierungen in der Kategorie Beste Nebendarstellerin für den Oscar und den Golden Globe eintrug.
Begonnen hatte die 1994 in New York geborene und in Irland aufgewachsene Tochter des Schauspielers Paul Ronan ihre Karriere bereits im Alter von neun Jahren in der irischen TV-Serie „The Clinic“, einige Filmrollen später setzte sie sich in einem Casting für den Part in Atonement durch. Der absolute Durchbruch gelang ihr schließlich 2009 mit The Lovely Bones. In Peter Jacksons kongenialem Mix aus Drama und Fantasy glänzt Saoirse Ronan in der Rolle jenes Mädchens, das nach seinem gewaltsamen Tod – mit geradezu schmerzhafter Nachhaltigkeit bleibt die Sequenz ihrer Ermordung durch den diabolischen Stanley Tucci im Gedächtnis – aus einer Art Zwischenwelt auf ihre Familie blickt. Beeindruckend meistert sie dabei die Gratwanderung zwischen kindlicher Naivität und beginnender Adoleszenz. Nach dieser Probe ihres Könnens sind selbst Auftritte in biederer Durchschnittware wie Hanna wohl verkraftbar. Die Zusammenarbeit mit Regisseuren vom Format eines Peter Weir in dessen Flüchtlingsdrama The Way Back entspricht da schon eher Saoirse Ronans Potenzial. (Jörg Schiffauer)
Tang Wei
Es war ein großes Wagnis, das Ang Lee 2007 einging, als er die praktisch unbekannte, 1979 in Wenzhou in der Provinz Zhejiang geborene Tang Wei für die mehr als umfangreiche weibliche Hauptrolle in seinem Politik-Erotik-Thriller Lust, Caution auswählte. Bis dahin hatte sie nur in der TV-Serie „Nüren bu ku“ („Frauen weinen nicht“) gespielt. Die schonungslose erotische Raserei, die sie gemeinsam mit Tony Leung in Lust, Caution entfachte, machte sie über Nacht zum Star. Es war vor allem ihr Mut zu bewundern, mit dem sie sich in diese schauspielerische Tour de Force stürzte. Kein Wunder also, dass sie heute in Asien mit Angeboten überhäuft wird, auch wenn ihre Rolle als Chinesin, die sich mit einem Kollaborateur einlässt, in der Volksrepublik für großen Unmut sorgte. Sie selbst wählt ihre Parts jedoch sehr sorgfältig. 2011 ist sie in einem einzigen großen chinesischen Kracher zu sehen, der wohl nie den Weg in unsere Kinos finden wird: Peter Chans ungewöhnliche, wunderschön fotografierte Martial-Arts-Paraphrase Wu xia läuft dieser Tage in China und Hongkong in den Kinos an. Bei einem anderen Großprojekt, in dem Tang Wei mitspielen sollte, gab es hingegen erneut mächtig Wirbel: Ihre Szenen als Freundin des späteren Großen Steuermanns Mao Zedong in dem staats- und parteitragenden Epos The Founding of a Party wurden letztlich tatsächlich herausgeschnitten, weil sich ein Mao-Enkel über Tang Weis Nacktszenen von 2007 mokierte. Die offizielle Position ist natürlich eine andere: Die von ihr verkörperte Studentin sei in der Biografie Maos „nicht wichtig genug“ gewesen. Man darf sich seinen Teil dazu denken. Selbst ohne Tang Wei jedenfalls ist der Film gespickt mit Stars von Andy Lau bis Chow Yun-fat und Überraschungsgästen wie Action-Meister John Woo. (Andreas Ungerböck)
Tina Fey
Sie hat, man kann es nicht anders sagen, alles richtig gemacht. Erster weiblicher Head Writer bei „Saturday Night Live“, Autorin und Hauptdarstellerin der weltbesten Comedy-Serie „30 Rock“, dazu noch eine Hand voll vielleicht nicht unbedingt innovativer, aber doch durchweg komischer Filme – und dann das: Bei der deutschen Free-TV-Premiere Ende 2009 brachte es „30 Rock“ auf sagenhafte 0,0 Prozent Quote und blieb mit weniger als 5.000 Zuschauern unter der Messbarkeitsgrenze. Ob die Zuschauer ahnten, wie gründlich die Synchronisation den unübersetzbaren Sprachwitz der Serie zerfleischt hat, oder ob schlichte Ignoranz der Grund für den Misserfolg war, wir wissen es nicht. So oder so, sie ahnen nicht, was ihnen entgangen ist: Dialoge, die (aber eben nur im amerikanischen Original) an Tempo und Witz locker mit den Klassikern der Dreißiger- und Vierziger-Jahre-Screwball-Comedy mithalten können, dargeboten von genau gezeichneten Figuren, vorneweg Tina Feys Alter Ego Liz Lemon, der liebenswerte Erzreaktionär Jack Donaghy (Alec Baldwin) und der unbeschreibliche Kenneth the Page (Kenneth MacBrayer). Überhaupt bringt Fey in ihrem Wirken Witz, Intelligenz und zeitdiagnostische Präzision mit einer Leichtigkeit zusammen, als gäbe es all das irgendwo gratis. Und ihre Sarah-Palin-Parodie wird in den amerikanischen Geschichtsbüchern vielleicht einmal als wahlentscheidend gelten. Von Tina Fey lernen, heißt lernen, den Garstigkeiten des Lebens und sich selbst mit munter-aggressivem Witz und Selbstironie zu begegnen. Kurz und gut: Ginge es mit rechten Dingen zu, die erklärte Feministin wäre auch in hiesigen Breitengraden der Leitstern jedes wachen Menschen gleich welchen Geschlechts, der von Berufs wegen etwas mit Medien zu tun hat. (Benjamin Moldenhauer)
