Das Filmarchiv Austria erinnert mit einer Retrospektive an den schillernden Schauspieler Helmut Berger (1944–2023).
„I was crying on the way to the set, but laughing on the way to the bank“, soll Helmut Berger einmal über seine Mitwirkung in der legendären Achtziger-Soap Dynasty gesagt haben. Ein treffendes Bonmot über Schauspielarbeit, die sich mitunter dem Kommerz andienen muss, aber auch ein Hinweis auf eine gewisse Liebe zum Luxus. Gleichzeitig verweist der Satz auf den künstlerischen Abstieg des Mimen, der in den sechziger und siebziger Jahren ein schillernder Star des europäischen Kinos gewesen war. Der Glanz des Kinos und eine erotische, teils als androgyn bezeichnete Ausstrahlung gingen in Bergers Biografie jedenfalls Hand in Hand mit skandalträchtigen Schlagzeilen und Tabubrüchen.
Der gebürtige Bad Ischler hatte schon als Teenager keine große Lust, wie familiär vorgegeben Hotelier zu werden und ging mit 18 nach London, wo er sich ein freieres Leben erhoffte. Nach ersten Modelerfahrungen zog es den polyglotten Berger nach Rom, wo er dem italienischen Filmgroßmeister Luchino Visconti (1906–1976) begegnete. Ein schicksalhaftes Aufeinandertreffen: Der „kommunistische Graf“ Visconti und Berger, der schnell als einer der schönsten, wenn nicht gar der schönste Schauspieler der damaligen Zeit galt, wurden ein Paar (Bergers Debüt erfolgte im Omnibusfilm Hexen von heute / Le streghe, für den Visconti ein Segment inszenierte). Bergers Bekenntnis zur Bisexualität war damals nicht selbstverständlich und schon für sich „skandalös“. Während sich die Presse auf sein Jet-Set-Leben stürzte, schätzten Cineasten das Schauspiel des Mannes mit den hohen Wangenknochen und den stechenden Augen, der seine Figuren in jenen Tagen wahlweise mit Erotik, Kälte oder Intellekt auszustatten vermochte.
In seiner Retrospektive zeigt das Filmarchiv Austria zwischen 5. September und 18. Oktober unter anderem Viscontis Die Verdammten / La caduta degli dei (I/BRD 1969) und Ludwig II. (I/F/BRD 1973), in denen der im Mai verstorbene Berger (an der Seite von Stars wie Dirk Bogarde, Charlotte Rampling, Trevor Howard oder Romy Schneider) seine wohl bekanntesten Rollen verkörpert. Verfall und Dekadenz spielen sowohl in der Geschichte der Industriellenfamilie von Essenbeck als auch in der Biografie des Bayernkönigs – Visconti erzählt beides in prächtig-ästhetischen Tableaux – Hauptrollen. Für Die Verdammten erhielt die Visconti-Muse eine Golden-Globe-Nominierung als Bester Nachwuchsdarsteller, für Ludwig II. den David di Donatello (Berger wurde hier übrigens sowohl in der italienischen als auch in der deutschen Fassung von anderen Schauspielern synchronisiert, überzeugt aber mit einer Mimik, die den psychischen Zusammenbruch des Herrschers intensiv nachzeichnet).
Moralischer Verfall steht auch im Zentrum von Massimo Dallamanos sehr freier Oscar-Wilde-Verfilmung Das Bildnis des Dorian Gray / Il dio chiamato Dorian (D/I 1970), die ebenfalls am Programm steht: Hier war Berger aufgrund seines guten Aussehens, der Dandy-Ausstrahlung und den kalten Augen die Idealbesetzung. Die berühmte Geschichte um einen skrupellosen Mann, dessen Portät anstatt seiner altert – das Drehbuch verlegt die Geschichte vom Viktorianischen Zeitalter in die damalige Gegenwart – kommt als etwas trashiger Mix aus Softporno und leichtem Horror daher.
Ein künstlerischer Erfolg für Berger war die Mitwirkung in Vittorio De Sicas Der Garten der Finzi Contini / Il giardino dei Finzi Contini (I/BRD 1970), den das Filmarchiv in der deutschen Fassung zeigt; das Drama um eine jüdische Familie während der Zeit des Faschismus erhielt 1972 den Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Weitere Siebziger-Jahre-Filme in der Retrospektive sind Otto Schenks Schnitzler-Adaption Reigen (BRD/I, 1973; Berger spielt den „jungen Herrn“), Sergio Gobbis Der letzte Tanz des blonden Teufels / Un beau monstre / Il bel mostro (F/I 1971; im wenig subtilen, aber morbid unterhaltsamen Melo-Thriller gibt Berger einen Psychopathen, der Frauen in den Selbstmord treibt) und Viscontis Gruppo di famiglia in un intero / Gewalt und Leidenschaft (I 1974; in die kritische Betrachtung des Bürgertums verwebt Visconti auch seine Beziehung zu Berger). Parallel zur Filmarbeit war Berger ein gefragtes Model, das von Größen wie Helmut Newton und Andy Warhol abgelichtet wurde und als erster Mann das Cover der „Vogue“ zierte (Tipp für Sammler: in „ray“ 12/2012 findet sich aus Anlass eines Bildbands eine prächtige Berger-Fotostrecke).
Der Tod Viscontis 1976 stellte eine Zäsur für Berger dar – der Schauspieler sprach immer mehr Alkohol und Drogen zu, am ersten Todestag des Regisseurs unternahm er einen Selbstmordversuch. In diesem Jahr spielte er noch im Naziploitation-Kultfilm Salon Kitty (I/D/F 1976) von Tinto Brass mit, danach ließ der Erfolg stetig nach. Auch Bergers Jugend ging allmählich zu Ende, die Transition zu „reiferen“ Rollen erwies sich als schwierig, zumal die italienische Filmindustrie immer stärker in die Krise rutschte (Bergers Kollegin Marisa Mell, mit der er sich nackt für den italienischen „Playboy“ ablichten ließ, widerfuhr ein ähnliches Schicksal). Dennoch gab es im Spätwerk noch vereinzelte kleinere Highlights; so zeigt das Filmarchiv Francis Ford Coppolas The Godfather Coda: The Death of Michael Corleone (in der 2020 durch den Regisseur erfolgten Überarbeitung von The Godfather: Part III spielt Berger eine kleine Nebenrolle als Bankier) oder Ludwig 1881 (D/CH 1993; im Arthouse-Drama der Brüder Dubini gibt der deutlich Gealterte nochmals den Bayernkönig). Mit Filmen von Christoph Schlingensief und Peter Kern kommt der filmische Underground zu seinem Recht, Obskures ist mit dem Psychothriller Die Jäger (BRD 1982, R: Károly Makk) vertreten und mit Albert Serras Perversionsstudie Liberté (F/PO/S/D 2019) wird auch Bergers letzter Langfilm gezeigt. Abgerundet wird die Schau durch die Doku Helmut Berger, meine Mutter und ich (D 2019, Valesca Peters). 2019 zog sich Berger, in seinen letzten Lebensjahren gesundheitlich schwer angegriffen, von der Schauspielarbeit zurück, um seinen Lebensabend außerhalb der Öffentlichkeit zu verbringen. Was auch immer man von den gezeigten Filmen im Einzelnen halten mag: Sie sind eine Gelegenheit, Berger als Künstler zu rezipieren, abseits aller skandalöser Schlagzeilen.
