Ein Überbick über das vielschichtige Dokumentarfilmangebot der 70. Berlinale und über die entsprechenden Peisträgerinnen und Preisträger. Der Hauptpreis ging zu Recht an Rithy Panh.
Die 70. Berlinale blieb ihrem Ruf treu, ein politisches Festival zu sein. Die Eröffnung wurde überschattet von einem rechtsradikalen Anschlag in Hanau mit neun Toten in der Nacht zuvor. Die neue Berlinale-Leitung betonte, die Berlinale stehe für Freiheit, für Toleranz, Respekt, Offenheit und Gastfreundschaft. Das Festival stelle sich gegen Gewalt und Rassismus. Deshalb gab es – wie auch bei einigen Empfängen während des Festivals – eine Schweigeminute für die Hanauer Opfer. Kulturministerin Monika Grütters erinnerte an die kurz vor Festivalbeginn bekannt gewordenen Verstrickungen Alfred Bauers, des ersten Leiters der Berlinale, in die NS-Filmpolitik, die nun wissenschaftlich aufgearbeitet wird. Auch dies Vergabe des Goldenen Bären an Mohammad Rasoulof für seinen Film Sheyran vojud Naradad (Es gibt kein Böses), der den Iran im Moment nicht verlassen darf, kann als politisches Signal gesehen werden.
Zum vierten Mal wurde der Berlinale-Dokumentarfilmpreis vergeben, der ab diesem Jahr vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) mit 40.000 € dotiert ist. Die dreiköpfige Jury bestand aus dem Regisseur Gerd Kroske (D) und den beiden Filmemacherinnen Marie Losier (F/USA) und Alanis Obomsawin (CA). Insgesamt waren wurden 21 Produktionen aus allen Sektionen für den Dokumentarfilmpreis nominiert, die sich mit gesellschaftlichen Missständen und persönlichen Familiengeschichten beschäftigten. Darunter waren Debütfilme ebenso wie Werke erfahrener Dokumentaristinne und Dokumentaristen. Oft versuchten sie mit einem strengen ästhetischen Konzept zu punkten, was nicht immer gelang. Auffällig war die Rückkehr des Schwarzweißfilms. Die Filme zeigten das breite Spektrum an Themen ebenso wie die Vielfalt an visuellen Gestaltungsformen und machten dadurch den Wettbewerb sehr spannend.
Als Meisterwerk in Schwarzweiß muss Victor Kossakovsky’s Gunda bezeichnet werden, der eine Sau und ihre zehn Ferkel von der Geburt bis zur Abholung begleitet. Es ist ein klassisch beobachtender Dokfilm ohne jegliche Musik und ohne Kommentar. Die langen Einstellungen sind perfekt ausgeleuchtet. Wenn sich die Kamera bewegt, dann ganz ruhig und fließend. Zunächst konzentriert er sich auf den Stall, später geht es raus auf die Wiese dieses norwegischen Bauernhofes. Paradiesische Zustände im Vergleich zu den hochindustriellen Schweinezuchten. Doch auch hier kommt der Tag der Trennung. Sehr lange folgt die Kamera der Mutter, die grunzend nach ihren Kindern sucht.
In ihrem historischen Kompilationsfilm Speer Goes to Hollywood beschäftigt sich Vanessa Lapa mit Albert Speer. Er war enger Vertrauter Adolf Hitlers, sein Chefarchitekt und ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition. In dieser Funktion war er verantwortlich für zwölf Millionen Zwangsarbeiter, darunter 450.000 KZ-Häftlinge. Im Nürnberger Prozess wurde er 1946 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Dort schrieb er seine Memoiren, bei der er seine Rolle im NS-Terrorsystem relativierte und sich als „guter Nazi“ verkaufte. Seine Memoiren wurden ein Bestseller. Deshalb plante Paramount Pictures, sie zu verfilmen. Der englische Drehbuchautor Andrew Birkin reiste mehrere Monate nach Heidelberg, um Speer zu interviewen und mit ihm das Buch zu entwickeln. Die Gespräche wurden mit Tonband aufgezeichnet. Sehr geschickt nutzt Lapa die Aussagen aus Nürnberg, um die beschönigenden Selbstdarstellungen von Speer zu widerlegen. So behauptet er im Interview 1971, von den Vernichtungen in den KZs erst 1944 erfahren zu haben. Dies ist schon deshalb unglaubwürdig, da er als Minister verantwortlich dafür war. In Nürnberg sagte ein Zeitzeuge aus, Speer habe schon im Frühjahr 1943 das KZ Mauthausen besucht. So gelingt es Lapa, den Mythos Speer zu dekonstruieren.
Im Forum liefen zwei Dokumentarfilme zur blutigen Vergangenheit, die ebenfalls radikal neue Wege der Gestaltung gingen. In Responsabilidad Empresarial von Jonathan Perel geht es um Verstrickungen der Industrie bei der Verfolgung von Gewerkschaftern und Oppositionellen während der blutigen Militärdiktatur in Argentinien zwischen 1976 und 1983. Der Film nutzt konsequent denselben Stil. Ein Firmenlogo leitet ein, und dann wird das Gebäude der Firma oder die Einfahrt des Geländes aus einem Auto heraus gedreht. In einem wahnsinnigen Tempo liest die Stimme, wieviel Arbeiterinnen und Arbeiter in dieser Firma verhaftet, misshandelt, getötet wurden oder vermisst sind. Perel überfordert sein Publikum jedoch mit den vielen Informationen und dem Stil, der auf Dauer eintönig und unfilmisch wirkt.
In Anuncarion Tormenta des Spaniers Javier Fernández Vásquez geht es um Esáasi Eweera, dem König der Bubi in Äquatorialguinea. Als er sich 1904 weigert, sich dem spanischen König unterzuordnen, wird er verschleppt. Er wird krank und stirbt unter mysteriösen Umständen in einem Krankenhaus der Spanier. Der Film begibt sich auf Spurensuche und wählt einen ästhetisch spannenden Weg. Oft ist die Leinwand weiß, und erst langsam wird eines der wenigen Fotos oder Dokumente sichtbar, bringt sozusagen Licht in der Dunkelheit. Vásquez wählt den Weg, Archivdokumente von Sprechern lesen zu lassen und sie im Studio zu drehen. Die Texte verdeutlichen die Kaltblütigkeit der spanischen Kolonialisten und ihre Versuche, ihre Untaten zu verwalten. Letztlich sind es auch hier zu viele Informationen, die das Schicksal der Bubi nur annäherungsweise vermitteln können.
Der Dokumentarfilm lebt oft von persönlichen Geschichten und Schicksalen. Walchensee Forever von Janna Ji Wonders ist ein gutes Beispiel dafür. Sie erzählt die Geschichte der Frauen in ihrer Familie über vier Generationen mit beeindruckenden Archivaufnahmen. Ihre Mutter und deren Schwester wuchsen am Walchensee auf, traten in den Trachtenverein ein. Die beiden gingen mit Zither, Gitarre und Jodeln auf eine Tour in die USA und Mexiko. Sie begannen ein Hippieleben und reisten nach Indien. Doch der Walchensee blieb ihr Bezugspunkt, zu dem sie immer wieder zurückkehren konnten. Der Film gewann den Kompass-Perspektive-Preis.
In ihrem neuen Dokumentarfilm Oeconomia nimmt sich Carmen Losmann einmal mehr das kapitalistische Wirtschaftssystem vor. Der Film zeichnet ein ernüchterndes Bild der Finanzwelt. Es ist ein komplexes Thema, und Losmann erläutert es sehr didaktisch mit Grafiken. Doch dabei enthüllt sie radikal die Fehlentwicklungen unserer kapitalistischen Gesellschaft. Sie entlarvt die private und öffentliche Verschuldung als die treibende Kraft des Wirtschaftswachstums.
Die reale Arbeitswelt wird zu selten in Filmen gezeigt. Im Moment ist insbesondere die Automobilindustrie gefordert wegen der Digitalisierung, dem Wechsel in die Elektromobilität und natürlich dem Dieselskandal als immensem Imageschaden. Von daher hat Jonas Heldt von der Münchener Filmhochschule mit Automotive ein spannendes Thema gewählt, das er mit seinem Team beeindruckend umsetzt. Er stellt die Zeitarbeiterin Sedanur, die im Logistikzentrum von Audi in Nachtschicht arbeitet, Eva gegenüber, die als Headhunterin nach hochqualifizierten Fachkräften sucht. Zwei Seiten einer Medaille, bei der die Zukunft ungewiss ist. Nachdem Sedanur bei Stellenstreichungen bei Audi zu den ersten gehört, die freigestellt wird, muss sie richtig darum kämpfen, bei der Besserung der Auftragslage wieder in der Nachtschicht arbeiten zu können – unbefristet. Jetzt kann sie sich ein schnelles Auto leisten, doch die Automatisierung der Produktion schreitet unaufhörlich voran. Die Bilder zeigen sehr deutlich, dass sich unsere Arbeit seit Jahren grundsätzlich verändert – nicht nur in der Automobilindustrie.
Am Ende gewann der kambodschanische Regisseur Rithy Panh mit Irradiès (Irradiated) – der einzige Dokumentarfilm im Internationalen Wettbewerb –, den Berlinale Dokumentarfilmpreis. In seinem beeindruckenden Essayfilm in Schwarzweiß und Farbe greift Rithy Panh, der den Terror der Roten Khmer überlebte, eigene Erinnerungen wieder auf. Dabei schafft er Bilder, die dem Publikum das Gefühl des zufällig Überlebenden erfahrbar machen sollen. Er vergleicht seine eigenen Erfahrungen mit der von Überlebenden anderer Genozide. Es geht darum, wie das Böse immer wieder eindringt in die Menschheitsgeschichte. Die Leinwand ist in drei Teile aufgeteilt und macht mit Archivaufnahmen Verknüpfungen verschiedener Ereignisse deutlich. Rithy Panh bezeichnete seinen Dokumentarfilm als einen „Schrei der Hoffnung und des Leidens“.
Außerdem gab es eine Lobende Erwähnung an österreichischen Panorama-Beitrag Aufzeichnungen aus der Unterwelt von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Die beiden liefern eine charmante Liebeserklärung an das Wien der sechziger Jahre. Auf Super-16 mm in Schwarzweiß gedreht, sieht man ihre beiden Protagonisten, den Wienerlied-Sänger Kurt Girk und seinen Freund Alois Schmutzer, der von der Boulevard-Presse als „König der Wiener Unterwelt“ bezeichnet wurde, in statischen Einstellungen, wie sie von ihrem Leben erzählen. Nur ab und zu werden andere Dinge gezeigt, wie das Kartenspiel, Archivaufnahmen, Kunstwerke in Flaschen oder die Gesangsauftritte von Girk im Beisl. Erst am Ende des Films gibt es Farbaufnahmen der beiden. Der Film besticht durch das, was die Interviewten zu erzählen haben von der Wiener Unterwelt und ihre kriminellen Taten. Trotz der Strenge seiner Ästhetik entwickelt der Film eine Kraft, die einen hineinzieht.
Im Vergleich zum großen Angebot auf der Berlinale haben letztlich wenig dokumentarische Produktionen Auszeichnungen bekommen. Von der Jury für die Sektion Generation Kplus wurde Clebs (Mutts) von Halima Ouardi als Bester Kurzfilm ausgezeichnet. Sie porträtiert eine Auffangstation für herrenlose Hunde in Marokko. Die Ökumenische Jury zeichnete als besten Film des Forums Seishan 0 (Zero) von Soda Kazuhiro aus, in dem der japanische Psychiater Dr. Yamamoto im Mittelpunkt steht. Er kämpfte in den sechziger Jahren für die Öffnung geschlossener psychiatrischer Anstalten. Eine Lobende Erwähnung ging an den Panorama-Film Saudi Runaway von Susanne Regina Meures. Muna aus Saudi-Arabien filmt mit dem Handy ihren Alltag und die Zwänge, denen Frauen dort unterworfen sind; der Film erreichte außerdem Platz 2 beim Panorama Publikumspreis.
Als Besten Dokumentar-/Essayfilm des Panoramas zeichnete die Teddy-Jury Si c’etait de l’amour (If it were Love) von Patric Chiha aus, einen Film über ein Rave-Tanzstück mit entsprechender Dynamik. Den Amnesty International Filmpreis gewann Welcome to Chechnya von Davis France; er gewann auch den Panorama Publikumspreis. Es ist der erste Dokumentarfilm über Aktivistinnen und Aktivisten, die sich der systematischen Verfolgung von LGBTQI-Menschen durch das tschetschenische Regime entgegenstellen. Mit dem Heiner-Carow-Preis gewürdigt wurde Garagenvolk von Natalija Yefimkino aus der Perspektive Deutsches Kino. Im unwirtlichen Nordrussland findet sich in den Garagen hinter rostigen Tornen alles, nur kein Auto. Sie sind das Refugium des russischen Mannes.
Mit der Berlinale Kamera geehrt wurde Ulrike Ottinger. Sehr vielschichtig ist ihr neuer Dokumentarfilm Paris Calligrammes. Der Film ist eine Erinnerung an Ottingers Zeit im Paris der sechziger Jahre. Sie versucht, als Künstlerin Fuß zu fassen und ihren Weg zu finden. Sie trifft auf Intellektuelle, Kunst- und Filmschaffende: So eröffnet sie in ihrem Werk das Kaleidoskop der Einflüsse, denen sie in Paris ausgesetzt war. Es war eine pulsierende internationale Metropole, und die junge Ulrike Ottinger ließ sich darauf voll und ganz ein. Auch die Politik, die Phase der Ent-Kolonisierung und der kolonialen Verstrickungen der Grand Nation, das öffentlich verschwiegene Massaker an Algeriern mitten in Paris und der Generalstreik sowie die Studentenprotesten spielen eine nicht unerhebliche Rolle.
