Schweden – Nordische Woche

Nordische Woche

| Ernst Pohn |

Weniger Glamour und Stars, dafür viel heimelige Atmosphäre und die Chance auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem nordischen Filmschaffen. Eine Woche in Göteborg beim 29. Internationalen Filmfestival.

Schweden. Nicht unbedingt der Platz, nach dem man sich zu dieser Jahreszeit sehnt. Doch die Befürchtung eisiger Kälte blieb unbegründet, denn zumindest heuer schien Göteborg Anfang Februar ein klimatisch angenehmer Ort zu sein. Nordische Atmosphäre war dennoch zu finden: Nur wenige Meter vom Festivalzentrum „Draken“ entfernt, wo voluminöse Fährschiffe im Hafen vor Anker liegen, treiben Eisbrocken an den Bordwänden vorbei bis an die zugefrorenen Kanäle der Innenstadt. Drinnen im „Draken“-Kino, mit 713 Sitzplätzen das größte Kino der Stadt, ziert das gemalte Bild eines Wikingerschiffs den Leinwandvorhang. In einer Bar gleich ums Eck wird täglich eine andere Festival-Suppe angeboten. Besonders beliebt: Fisch.

Moodysson und seine Nachfahren

Insgesamt waren bei Skandinaviens größtem Filmfestival in den elf Tagen 450 Filme aus 60 Ländern in mehr als 700 Vorstellungen zu sehen. Doch trotz der Größe versucht man den intimen Charakter des Festivals beizubehalten, und so wird auf Glamour und rote Teppiche gerne verzichtet. Nicht in der Größe, sondern in der Qualität will man wachsen, meint Festivaldirektorin Annike Ahlund. Im Vordergrund stünden die Zuseher, die so vor allem qualitativ hochwertige Filme zu sehen bekommen sollen.

Göteborg ist mit seinem jährlich stattfindenden Nordischen Filmmarkt aber auch wichtiger Branchentreffpunkt: Für Produktionen aus Finnland, Dänemark, Norwegen, Island und Schweden wird hier um potenzielle Käufer geworben. Seit einigen Jahren steht auch – Lukas Moodysson sei Dank – der schwedische Film wieder höher im Kurs. „Eine weit verbreitete Meinung war, dass Ingmar Bergmans letzter Spielfilm Fanny und Alexander (1982) auch das Ende des schwedischen Films bedeutete“, schreibt Direktorin Ahlund in einer Ausgabe zu New Cinema in Sweden. Doch wie es an anderer Stelle voll Pathos heißt: „Am Freitag, dem 23. Oktober 1998, hatte Fucking Åmål Premiere – danach war in der schwedischen Filmwelt nichts mehr wie zuvor.“ Für Ahlund gilt der 37-Jährige, von dem heuer übrigens kein neuer Film im Programm lief, noch immer als Retter des schwedischen Films.

Lova Hagerfors, Kuratorin des schwedischen Kurzfilmprogramms, nennt auf die Frage, welche schwedische Nachwuchshoffnung am meisten für die Zukunft verspricht, Josef Fares. Der im Libanon geborene Fares drehte nach Jalla! Jalla! und Kops zuletzt mit Zozo einen autobiografischen Film über einen von Beirut nach Schweden emigrierten Jungen. „Fares’ drei bisherige Filme sind alle sehr unterschiedlich“, so Hagersfors, „die Frage wird sein, in welche Richtung er sich letztendlich entwickeln wird.“ Zozo steht in thematischer Nähe zum Debütfilm des schwedischen Hip-Hop Musikers Amir Chamdin, einem Vertreter der zweiten Immigrantengeneration: Mit Om Gud Vill (God Willing) legt auch er einen biografischen Film über die Liebe eines Einwanderers zu einem finnischen Mädchen vor, gespielt von Cardigans-Sängerin Nina Persson. Leider zeigt das Beispiel einmal mehr, dass eine gute Sängerin noch lange keine gute Schauspielerin ausmacht. Doch trotz Schwächen in Schauspiel und Drehbuch zählte God Willing zu den Publikumshits.

Manifest der Frauen

Als bester schwedischer Film des letzten Jahres wurde Ninas Resa (Ninas Reise) der Regisseurin Lena Einhorn ausgezeichnet. Schweden gilt oft als Vorbild für die Gleichberechtigung der Geschlechter, in der Filmbranche ist die Rollenverteilung allerdings noch wenig zufrieden stellend. Eine Gruppe schwedischer Filmemacherinnen war der männerdominierten Erzählperspektiven überdrüssig und setzte sich vor vier Jahren zusammen, um das so genannte Doris-Manifesto niederzuschreiben. Laut dieses Manifests müssen die Hauptfigur sowie die tragenden Säulen des Teams (Produktion, Regie, Kamera und Drehbuch) von Frauen besetzt sein. Jedes Jahr sollen drei solcher Frauen-Filme produziert werden. In Göteborg wurden nun die ersten nach dem Doris-Manifest gedrehten Kurzfilme gezeigt, und eine seit Jänner geltende Richtlinie im Filmförderungsgesetz fordert nun auch offiziell die gezielte Unterstützung von Frauen in der Filmbranche. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll der Frauenanteil zumindest auf 40 Prozent erhöht werden, derzeit liegt er bei rund 20 Prozent.

Von Trollywood nach Island

Ein Abstecher vom Festival in die rund 80 Kilometer entfernte Stadt Trollhättan führt zu einem der Zentren der schwedischen Filmproduktion, zu Schwedens Hollywood. Die so genannten Trollywood-Studios am Stadtrand Trollhättans sind eine Reihe alter Fabrikgebäude, die von der regionalen Filmförderungseinrichtung Film-i-väst betrieben und auch für ausländische Koproduktionen genutzt werden. In Trollywood drehte Lars von Trier Dancer in the Dark, Dogville und zuletzt Manderlay. In den Hotels der Stadt nächtigten die Hauptdarstellerinnen Björk, Nicole Kidman und Bryce Dallas Howard. Angeblich soll aber nur letztere stark unter dem fehlenden Glamour der Gegend gelitten haben, erzählt Louise Martin, Mitarbeiterin von Film-i-väst. Knapp die Hälfte aller schwedischen Filme werden in Trollywood gedreht, darunter Lukas Moodyssons Fucking Åmål und Lilja 4-ever. Momentan arbeitet ein Team von vier Animateuren täglich insgesamt 13 Monate lang an einem neuen Kinder-Animationsfilm.

Zurück beim Festival. Die Abschlussgala findet im Göteborger Museum für Weltkultur statt. Zwar feiert man mit Sekt (oder doch Champagner?), aber wieder ohne großen Glamour. Die Gäste nehmen zur Preisverleihung anstatt in roten Polstersesseln auf den Stufen der Eingangshalle Platz. Als Sieger des Hauptwettbewerbs, der Nordic Competition, verlässt der in Frankreich geborene und in Island aufgewachsene Dagur Kári (Nói Albinói ) das Festival. Für seinen zweiten Spielfilm Dark Horse, die humorvoll erzählte Geschichte des jungen, gedankenlosen Daniel, der sich mit Graffiti-Auftragsarbeiten durchs Leben schlägt, erhält Kári den Film-Drachen und rund 16.000 Euro Preisgeld. Besondere Erwähnung verdient der Kurzfilmpreis-Gewinner Jonas Odell für Never Like the First Time: Er beschreibt in vier Kapiteln die Erinnerungen von vier Personen an den ersten Sex. Die realen Geschichten, die von den Betroffenen dabei selbst gesprochen werden, visualisiert Odell mit unterschiedlichen Animationstechniken, die er an die Erzähl-Stimmung der jeweiligen Geschichte anpasst. Zum Ausklang der Gala stand übrigens „Silent Disco“ auf dem Programm. Wen das Discofieber packte, der besorgte sich einen Kopfhörer. Für Tanzmuffel endete das Festival in leisen Tönen. Jedem das Seine.