Schwerpunkt China – Schönheit von innen heraus

Schönheit von innen heraus

| Ralph Umard |

Gong Li entfaltet unter der Regie Zhang Yimous, der sie vor mehr als 20 Jahren entdeckt hatte, endlich wieder einmal ihr ganzes Leinwand-Potenzial.

Eine klassische Naturschönheit ist sie nicht. Sie schielt ein wenig und hatte bis zu einer kosmetischen Operation schiefe Zähne. Und doch ist Gong Li für Abermillionen ihrer Landsleute ein Sexsymbol. Ihr freizügiges Dekolleté in Der Fluch der Goldenen Blume sorgte in China für Aufregung, prüde KP-Funktionäre kritisierten es als unanständig aufreizend. Auch auf Ausländer in Ost und West wirkt die Diva verführerisch, nicht erst, seit sie mit Filmen wie Miami Vice oder Die Geisha auch in amerikanischen Produktionen mitspielt. Glamourmagazine wie Vogue widmeten ihr seitenlange Bildstrecken, und der Kosmetikriese L’Oréal verpflichtete sie als „Botschafterin“. Sie besitzt echtes Charisma, ihre Schönheit strahlt von innen aus, von ihrem Charakter, der sich in ihrem ausdrucksstarken Antlitz widerspiegelt. Wenn ihre Gesichtszüge zu einer strengen Maske erstarren oder ihre vollen Lippen sich zu einem spöttischen Lächeln verziehen, dann spürt man die innere Kraft einer Frau, die weiß, was sie will. Ihre erotische Ausstrahlung ist geprägt durch Rollen, in denen sie selbstbewusste, stolze Frauen spielt, die selbst noch in der Armut edel wirken, die sich Liebhaber selber wählen, die sich einem übermächtigen Schicksal widersetzen, die gegen männliche Besitzansprüche und gesellschaftliche Zwänge rebellieren und lieber untergehen, als sich selbst aufzugeben.

Gong Li, geboren 1965 in Shenyang, begann ihre Kinokarriere 1985, damals noch als Schauspielschülerin am Zentralen Drama-Institut in Beijing, wo sie von Zhang Yimou entdeckt wurde. Er gab ihr die weiblichen Hauptrollen in allen seinen frühen Filmen. Schon in Das rote Kornfeld schlug Gong Li das Publikum in ihren Bann, als große Tragödin in Judou und Die rote Laterne dominierte der Star dann völlig die Leinwand mit berückender Ausdruckskraft und apartem Antlitz, das gegen Ende des letztgenannten Films zur grotesken Maske des Wahnsinns metamorphosiert. In Die Geschichte der Qiu Ju spielte sie, gänzlich unglamourös, mit rundem Bauch und pausbäckigem Gesicht eine schwangere Landpomeranze, die hartnäckig mit den Behörden ringt, um ihrem misshandelten Mann zu Recht und Genugtuung zu verhelfen. Für diese Leis­tung wurde sie beim Filmfestival in Venedig als Beste Schauspielerin preisgekrönt, weitere Auszeichnungen folgten, und fortan wirkte sie auch in Filmen anderer Regisseure wie Chen Kaige (Lebewohl meine Konkubine) mit.

Die Rolle der Kaiserin in Zhang Yimous farbenprächtigem Kostümfilm ist typisch für Gong Lis Leinwand-Image. „Ich glaube, Regisseure wählen mich für Rollen aus, weil sie denken, dass ich was von den Figuren habe. Diese Stärke, das etwas Eigensinnige, das sie in mir erkennen. Vor allem Zhang Yimou, der ja in seinen Filmen immer eine Frau porträtiert, die sich auflehnt gegen die Umwelt und das Schicksal. Das ist eine Aufforderung an die Frauen, nicht nur die chinesischen, selbstständig zu sein, sich selber gegenüber Respekt zu haben und auch zu verlangen, dass man von anderen respektiert wird.“