Zhang Yimous „Der Fluch der Goldenen Blume“ ist zuallererst ein Spektakel für die Augen und die Sinne, wie man es mittlerweile von ihm kennt. Die Frage ist auch diesmal: Ist hinter der schönen Fassade noch etwas?
Zhang Yimous historisches Verdienst als Erneuerer und als internationaler Botschafter des volkschinesischen Kinos, als Vorbild (oder auch als Reibebaum, im besten kreativen Sinne) für mittlerweile zwei bis drei Generationen junger chinesischer Filmmacher und als Entdecker und Förderer großartiger Schauspielerinnen und Schauspieler ist unumstritten, und wer etwas anderes sagt, lügt. Er stieß in eine schmerzhafte künstlerische Lücke, weil das chinesische Kino sich von den Folgen der Kulturrevolution noch nicht erholt hatte. Nach außen drang damals wenig – aus einem Land, in dem in den 30er und 40er Jahren Filme von unvergleichlicher Eleganz, Poesie und Kühnheit gedreht worden waren.
Schon sein Regiedebüt Das rote Kornfeld (1987), mit dem der gelernte Kameramann gleich den Goldenen Bären bei den Filmfestspielen in Berlin gewann, machte klar, dass hier ein außergewöhnliches Talent am Werk war, und das nicht nur in visueller Hinsicht (die betörenden Bilder wurden zu Zhangs Markenzeichen). Mit Gong Li und Jiang Wen, der später auch als Regisseur Erfolg hatte, etablierte er zudem über Nacht zwei Stars, die in China bis heute unglaublich populär sind; Gong Li zumindest wurde darüber hinaus ein Weltstar, mit allerdings katastrophal schlechtem Geschmack, was die Auswahl ihrer westlichen Filmprojekte betrifft. Und es war ununübersehbar, dass Zhang sich nicht scheute, politisch auf Konfrontationskurs zu gehen. Seine Filme waren in China immer heftig umstritten, wenn nicht gar anstößig; im Westen auffällig wurde dies, als die Volksrepublik die Oscar-Nominierung seines zweiten Films Judou (1990) vereiteln wollte. Mit Rote Laterne, Die Geschichte von Qiu Ju und Leben! – allesamt Huldigungen an seine Hauptdarstellerin und damalige Lebensgefährtin Gong Li – lehnte sich Zhang ziemlich weit aus dem Fenster, auch wenn er stets erklärte, sich nicht für Politik zu interessieren und schon gar kein politischer Mensch zu sein.
Too much too soon
Die ersten fünf Filme wurden im Westen gefeiert, doch allmählich begann sich ein Sättigungseffekt einzustellen. Bei Shanghai Triad (1995), der bei der Pressevorführung in Cannes Pfiffe erntete, wandten sich viele ehemalige Apologeten von Zhang ab, weil der Film „unpolitisch“ sei. Tatsächlich hat das Werk, das im Shanghai der 30er Jahre spielt, äußerlich mehr mit einem typischen Hongkong-Gangsterfilm zu tun, aber in seiner großen Opferrolle für die atemberaubend gestylte Gong Li, in der Auflehnung einer charismatischen Frau gegen die dominierende Männerwelt war Triad eine konsequente Fortsetzung der früheren Filme. Wie auch immer: Zhang Yimou begann die Gunst vieler seiner westlichen „Freunde“ zu verlieren; auch seine Beziehung mit Gong Li endete 1995. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit, die im grotesk anmutenden Versuch resultierte, Wong Kar-wai auf seinem eigenen Terrain zu schlagen (Keep Cool, 1997), fand er in Zhang Ziyi seine neue Muse und mit The Road Home und Not One Less wieder zurück zum im Westen so beliebten Pausbäckige-junge-Frauen-Realismus der frühen 90er. The Road Home war zudem der erste Film, bei dem Columbia Pictures mit einer eigenen asiatischen Filiale (in Hongkong) ins Geschäft einstieg. Der zweite, den Columbia Asia mitproduzierte, war Ang Lees Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000), und seither ist im chinesischen Filmbusiness alles anders geworden.
Ang Lee machte einfach alles richtig: Mit ungenierten Anleihen aus dem klassischen Kungfu-Film der 60er und 70er Jahre, allen voran den Meisterwerken des großen King Hu (Legend of the Mountain, A Touch of Zen), mit atemberaubenden Computer Generated Images und mit Starbesetzung (darunter auch Zhang Yimous Neuentdeckung Zhang Ziyi) landete er beim westlichen Publikum einen Volltreffer, gewann vier Oscars und vergrämte hartnäckige Puristen, die vergeblich „Fake“ riefen. Egal. Unzählige Novizen wurden schlagartig zum Kungfu-Spektakel bekehrt – eine Tatsache, die bis heute nachwirkt und das gesamte chinesische Filmschaffen, zumindest das kommerzielle, unter Zugzwang gesetzt hat – auch und gerade Zhang Yimou, der seinen Status als Vorzeige-
regisseur ernsthaft gefährdet sah.
Spektakelkultur
Doch er ließ sich nicht lange bitten und legte mit Hero (2002) sein eigenes Spektakel vor, seinen aufwändigsten Film bis dahin und gewiss auch seinen ehrgeizigsten. Zhang ließ die Superstars Andy Lau, Tony Leung, Jet Li und Maggie Cheung aus Hongkong antanzen und entwarf seinen Schlachtenreigen geradezu am Reißbrett, ganz nach dem Motto: „Was Ang Lee kann, kann ich schon lange.“ Während Lee auf Massenszenen verzichtete, malte Zhang mit Heerscharen von Statisten und in fulminanter Farb- (Kamera: Christopher Doyle) und Actionregie (Ching Siu-tung) ein visuell denkwürdiges Gemälde, dem nur eines fehlte: die Seele. Die verzwickte Geschichte um die Einigung des zerrissenen chinesischen Reiches vor 2000 Jahren und um einen versuchten Königsmord hatte eher die Qualitäten eines Schachspiels als die eines Actionkrachers. Die Spekulationen darüber, was Zhang gemeint habe könnte, trieben wilde Blüten – im Ausland wie in China selbst, wo man ihn gleichermaßen der Subversion wie der Regierungspropaganda beschuldigte. Ähnliches galt für House of Flying Daggers (2004), dessen Geschichte ebenso diffus war und weit hinter den Schauwerten zurückblieb. Doch der Trend zum Spektakel hält an, die Kassenerfolge sprechen Bände. Inzwischen haben auch Zhang Yimous ewiger Rivale, der weit weniger talentierte Chen Kaige (The Promise), Ronnie Yu (Fearless) und Chinas Kommerz-Spezialist Nr. 1, Feng Xiaogang (The Banquet, siehe auch Isabel Woltes Text auf Seite 24), nachgezogen.
Kein Wunder also, dass Zhang Yimou noch einmal eins daraufsetzen musste. Das Resultat ist sein neuester Film, Der Fluch der Goldenen Blume. Von der ersten bis zur letzten Sekunde schwelgt Zhang Yimou in einem Rausch der Farben und der Eindrücke. Der Film hebt an, als im Kaiserpalast anno 928 (Tang-Dynastie) der Tag beginnt. Hundertschaften junger Mädchen erheben sich von ihren Lagern und schnüren sich die Busen hoch, um ihr Tagwerk zu beginnen. Die Kaiserin (Gong Li) hat den beeindruckendsten von allen – so viel deutlich sichtbares Fleisch war selten im volksrepublikanischen Film, und schon allein deswegen eckte Zhang Yimou wieder einmal an in der Heimat, wo man die Busenparade „unschicklich“ fand. Dramaturgisch zwingend ist sie jedenfalls nicht, denn der Kaiser (Chow Yun-fat, ein wenig deplatziert, wie immer, wenn er historisch wirken soll) und die Kaiserin haben sich längst auseinander gelebt, schlimmer noch: Der Kaiser versucht seine Gattin mit Hilfe einer Medizin, die er ihr selbst wegen ihrer „Launen“ verschreibt und deren Einnahme er streng überwacht, in den Wahnsinn zu treiben. Sie wiederum sinnt auf Rache für alles, was er ihr in langen Jahren angetan hat. Das Geschehen kulminiert in den Tagen vor dem groß angelegten Chrysanthemen-Fest (daher der Titel) und involviert die drei Söhne des Kaiserpaars, von denen der älteste von einer früheren Geliebten des Kaisers stammt, den Leibarzt, dessen Tochter und dessen Frau, die, wie sich herausstellt, die Mutter des ersten Kaisersohnes ist. Von – überraschend – wenigen, aber umso personalintensiveren Actionsequenzen (Dank an die Volksarmee, die Komparsen zur Verfügung stellte) abgesehen, ist Der Fluch der Goldenen Blume im Wesentlichen ein düsteres Kammerspiel, ein wilder Reigen dunkelster Gefühle, die Shakespeares Königsdramen zur Ehre gereichen würden. Vom versteckten, jahrelang aufgestauten Hass bis zur blanken Aggression, vom Inzest bis zur hemmungslosen Machtgier ist alles vorhanden, was ein wahrhaft mörderisches Finale geradezu prädestiniert.
Reinigendes Gewitter
Auch ein wenig überraschend (oder auch nicht) ist, dass diesmal, trotz oder wegen all der Farbenpracht, das Auge bald erlahmt. Von den Kostümen über die Waffen, vom Schmuck bis zu den Möbeln, von den Wänden bis zur Decke, von den gigantischen Höfen des Palastes bis zu den Privatgemächern – alles ist so ausgestattet (Production Design: Hua Tingxiao, Kostüm: Yee Chung Man, beides alte Bekannte Zhang Yimous), dass man sich bald fühlt, als hätte man zu viel Buttercremetorte mit Schlagobers gegessen. Dafür hat Zhang eine interessante Vorlage für seine Geschichte gewählt, die zwar im Presseheft schamhaft verschwiegen wird, aber in China zu den bekanntesten, beliebtesten und meist gespielten Theaterstücken zählt: Lei yu (zu deutsch: Gewitter) stammt aus dem Jahr 1933. Der Stoff wurde mehrmals verfilmt, u. a. 1957 in Hongkong mit dem jungen Bruce Lee in einer kleinen Rolle. Der Autor des Stücks, Cao Yu (1910–1996), zählt zu den prominentesten Dramatikern des Landes und hat quasi im Alleingang das westliche Theater in China, wo es kaum präsent war, eingeführt. Er war ein hoch gebildeter Mann, übersetzte Ibsen und O’Neill ins Chinesische und traf in den USA mit Bertolt Brecht zusammen. Sehr spät, nämlich 1956, wurde er Mitglied der KP und auch höherer Kulturfunktionär, ehe er in der Kulturrevolution – wie so viele andere – als Reaktionär verunglimpft wurde.
Gewitter ist ein fulminantes Stück in der Tradition der besten Werke Ibsens oder Gerhard Hauptmanns, es spielt auch in einem ähnlichen Milieu: Zhou Puyuan ist Vorstandsdirektor eines Kohlebergwerks, ein Patriarch vom alten Schrot und Korn, ein despotischer Vater und ein Mann, der sich weigert, das Herandämmern einer neuen Zeit zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht nur aufmüpfige Arbeiter beginnen ihm zuzusetzen, auch die Schatten der Vergangenheit (er hat zwei uneheliche Söhne, was er seiner jungen Frau verschwiegen hat) legen sich vehement über ihn. Es ist ein schönes, symbolträchtiges Bild, dass er – um nur ja nichts vom „Draußen“ mitzubekommen – die Fenster seines feudalen Hauses stets geschlossen hält. Die Hitze im und vor dem Haus ist unerträglich, doch ein nahendes Sturmtief wird für heftige Abkühlung sorgen und der tropische Regen alles mit sich reißen. Dass das Stück den Kommunisten gut in den Kram passte, liegt auf der Hand: Die herrschende Klasse, die Feudalisten und Kapitalisten, werden vom Gewittersturm hinweggefegt. Wie das genau mit Zhang Yimous Film zusammengeht, darüber lohnt sich nachzudenken: ein dekadentes Herrscherpaar, das sich zerfleischt, ein verkommenes Reich, schwache, unfähige Söhne, die sich vergeblich gegen den Vater auflehnen: Man kann daran Zhangs Resignation ablesen, wie vielfach geschehen, man kann es aber auch als heftige Kritik am Zustand des Wirtschaftswunder-China sehen. Das Dilemma Zhang Yimous heute ist vielleicht, dass seine Filme so glatt poliert, makellos und gefällig sind, dass sie allen Interpretationen offenstehen.
