Im Rahmen von Crossing Europe präsentiert das O.K Centrum für Gegenwartskunst die bosnische Künstlerin Šejla Kamerić, eine Grenzgängerin zwischen Film und Bildender Kunst, mit einer Auswahl ihres fotografischen, grafischen, filmischen und aktionistischen Œuvres.
Das Foto bleibt im Gedächtnis. Es zeigt eine attraktive dunkelhaarige junge Frau im weißen T-Shirt und darüber in handschriftlichen Versalien: „No Teeth…? A Mustache…? Smel [sic!] like Shit…? Bosnian Girl!“ Die junge Frau, die natürlich kein Bart ziert und die eher aussieht, als sei sie eben erst einem ausgedehnten Bad entstiegen, ist die bosnische Künstlerin Šejla Kamerić, die als Artist in Residence zu Crossing Europe 07 eingeladen wurde – nach dem Österreicher Siegfried A. Fruhauf, der Deutschen Corinna Schnitt und dem Russen Viktor Alimpiev.
1976 in Sarajevo geboren, hat Šejla Kamerić die knapp vierjährige Belagerung ihrer Heimatstadt vor Ort miterlebt. In ihrer Arbeit als Künstlerin spielt dieser Hintergrund eine große Rolle, doch dabei lässt sie es nicht bewenden. Immer geht sie über das Vergangene hinaus und untersucht seine Auswirkungen in der Gegenwart. Doch auch über das Gegenwärtige geht sie hinaus: Was Šejla Kamerić zu einer der interessantesten jungen Künstler der Gegenwart macht, und das nicht nur in Bosnien-Herzegowina, ist, dass ihre Kunst auch ein überindividuelles, zeitloses Element besitzt.
Kehren wir zum Foto „Bosnian Girl“ zurück. Natürlich ist der Kontrast bedeutungsvoll, den das schöne Bild und der rassistisch-misogyne Kommentar eines holländischen UNPROFOR-Soldaten ergeben. Klar ist, dass der üble Witz nicht am Bosnian Girl, sondern an seinem anonymen Verfasser hängen bleibt, der ihn um 1994/95 an die Wand einer Armeebaracke in Potočari kritzelte und der übrigens jener Einheit angehörte, die das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 geschehen ließ. Die gelernte Grafikdesignerin Kamerić projizierte den Schriftzug über ihr eigenes Bild und verbreitete es 2003 in einer international Aufsehen erregenden Plakat-, Postkarten- und Inseratenkampagne. In die Diskussion um die EU-Erweiterung warf sie damit einen Beitrag, in dem sie die Überheblichkeit der EU Bosnien-Herzegowina gegenüber zur Debatte stellte.
Das Vorurteil ist keine Einbahnstraße
Andererseits ist Šejla Kamerić klar, dass Vorurteile auch in umgekehrter Richtung florieren. Nicht nur der Balkan ist dem EU-Bürger obskur, auch in Sarajevo und anderswo hat man eine schräge Meinung von dem, was die EU sei. In dem Video Daydreaming (2004) ist wieder Kamerić selbst zu sehen. Im Ballkleid räkelt sie sich auf einem Bett, eine Inkarnation naiver Vorstellungen vom reichen Westen, gibt recht zweischneidige, aber prototypische Sätze westlicher Provenienz von sich wie: „If they support our goals, we’ll actively support their efforts“, und kommentiert damit die herrschende Situation, in der sich westlicher Helferzynismus und naive Opfermentalität vom Balkan kreuzen. Den zynischen, unverhohlen gleichgültigen Politikertalk prangert sie auch in ihrer Aktion „Fortune Teller ll“ (2001) an, in deren Rahmen sie u.a. vor der österreichischen Botschaft in Sarajevo ein Transparent platzierte, das die Abwandlung eines Spruchs aus einem chinesischen Glückskeks zeigte: „You will never be the last in line, you will always excel. Lucky numbers: 9, 21, 30, 31, 32, 33.“ Die ironische Bedeutungsverschiebung fand vor dem Hintergrund einer Warteschlange mit Visa-Antragstellern statt.
Bei aller Aggressivität enthalten die Arbeiten von Šejla Kamerić aber auch eine sensible Komponente. So malte sie, weil sie sich in Russland generell schutzlos fühlte, auf einer Landstraße im Nirgendwo mit Kreide einen Zebrastreifen auf, der zumindest temporäre Sicherheit versprach („Crossing“, 1999). Mit dem Selbstporträt „Sorrow“ (2005) thematisierte sie Schutzlosigkeit und Einsamkeit in formaler Paraphrase auf eine Grafik Vincent van Goghs. Das sind Arbeiten, mit denen Šejla Kamerić sich vom konkreten Ausgangspunkt aktueller Ereignisse entfernt und zu allgemeingültigen Ergebnissen gelangt. In diesem Zusammenhang klingt auch der Titel einer Vierkanalprojektion, die im Rahmen von Crossing Europe erstmals präsentiert wird, vielversprechend. Er lautet: „What do I know?“
