Sea of Shadows

Filmkritik

Sea of Shadows

| Ines Ingerle |
Packende Dokumentation über das Auslöschen von Lebensräumen und wirtschaftliche Zusammenhänge

Sie wird als das „Kokain des Meeres“ bezeichnet: Die Schwimmblase des im Sea of Cortez (Golf von Kalifornien) beheimateten Totoaba-Fisches, wegen ihrer angeblichen heilenden Fähigkeiten gilt sie in China als Delikatesse. Zu einer Suppe verarbeitet, soll die Schwimmblase eine Reihe von Leiden, wie etwa Arthritis und Schwangerschaftsbeschwerden, kurieren und dank des hohen Kollagen-Gehalts die Haut aufpolstern. Obwohl die medizinische Wirkung nie nachgewiesen wurde, lassen sich am Schwarzmarkt mit den begehrten Blasen horrende Summen verdienen. Der Fang des Totoabas ist seit 1957 verboten, doch mexikanische Drogenkartelle und die chinesische Mafia wildern unermüdlich und bedrohen mit ihren tödlichen Kiemennetzen das gesamte Meeresleben der Region.

Besonders gefährdet wird dabei der vom Aussterben bedrohte Vaquita, einer der kleinsten und mittlerweile seltensten
Wale der Welt, der sich in den Fischernetzen verhängt und qualvoll verendet. Im Dezember 2018 gab es nur noch etwa 15 Tiere. Anfang Juli dieses Jahres setzte das Welterbekomitee der Unesco die Heimat der Vaquitas auf die Liste des gefährdeten Naturerbes der Welt.

Sea of Shadows ist der Film gewordene Notruf eines Ökosystems. Er zeigt den verzweifelten und mutigen Kampf von Wissenschaftlern, Aktivisten, investigativen Journalisten und Undercover-Agenten um Gerechtigkeit und um die Erhaltung eines Lebensraumes mit all seinen Ressourcen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Dokumentarfilm, der von National Geographic stammt, wie ein groß angelegter Hollywood-Krimi daher kommt, aber genau das ist der Fall: Sea of Shadows ist ein spannendes Breitbild-Erlebnis, das die Machenschaften und Korruptionen rund um den illegalen Totoaba-Fang so gekonnt, bildgewandt und dynamisch einfängt, dass es teilweise richtiggehend inszeniert wirkt (Leonardo DiCaprio fungierte übrigens als einer der  Executive Producers).

Als Zuschauer ist man so hautnah am Geschehen, dass man Gänsehaut bekommt: Man begleitet die Umweltorganisation Sea Shepherd nachts bei ihren Einsätzen am Meer, steht in illegalen chinesische Lagern, liefert sich Verfolgungsjagden, sitzt mit den mexikanischen Behörden am Tisch und fragt sich ebenso wie der Journalist: Warum schauen alle weg? Warum passiert hier nichts? Warum werden ganze Arten ausgerottet und keiner tut etwas dagegen?

Der österreichische Regisseur Richard Ladkani hat mit Sea of Shadows die beste und eindrucksvollste Methode gefunden, um für Menschen spürbar und erlebbar zu machen, wie irre und beängstigend das, was hier seit Jahren (nicht nur) im Golf von Kalifornien vor sich geht, wirklich ist.