Sehnsucht in Sangerhausen

Filmstart

Sehnsucht in Sangerhausen

| Alexandra Seitz |
Systemkritik im Gewand einer neugierigen Erkundung prekärer Lebensumstände und (un)bedeutender Gegenden.

Was ist eigentlich aus der Blauen Blume der Romantik geworden? Wo ist sie hin, die diffuse Sehnsucht nach … ja, nach was eigentlich genau? Wie sieht es heute aus im Land, das einst als jenes der Dichter und Denker gepriesen wurde, und was treibt seine Leute um? Das sind einige der Fragen, die Julian Radlmeier in Sehnsucht in Sangerhausen weniger aufwirft als sanft an die Oberfläche blubbern lässt. Er legt ein paar Spuren, die den Film kulturhistorisch, literaturgeschichtlich und – überraschend – geologisch verkeilen: Lotte, die Magd, die im ersten Kapitel den prosaischen Nachttopf des bedeutenden Dichters der deutschen Frühromantik Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (1772–1801), allgemein bekannt als Novalis, ausleert. Zulima, die Musikerin im zweiten Kapitel, die den Namen einer Figur aus dessen berühmtem, unvollendet gebliebenem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ trägt. Der Blick auf den Kyffhäuser, mit dem ein ganzer Schuber früher germanischer Sagen und Legenden aufgeht, die auch Novalis schwärmerisch zu gestalten trachtete. Die beiden Nacktwanderer, die die verquere Aneignung der romantischen Naturmystik zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts repräsentieren. Die Abraumhalde Hohe Linde, ein Relikt des DDR-Bergbaus, das wie eine deplatzierte Pyramide in die schöne Gegend ragt. Der blaue Stein, achtlos abgelegt auf einem Mülleimer am Bahnhof – von wo die Züge fahren in die weite Welt.

Die Sehnsucht ist groß und vielgestaltig in der selbsterklärten Rosenstadt Sangerhausen, die im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt liegt und zwar keinen Weltruhm genießt, aber derart viel zu bieten hat, dass man sich wundert, warum eigentlich nicht. Hier begegnen einander im dritten Kapitel: Ursula, die Alleinerzieherin mit mehreren Jobs und kaum noch Träumen; Neda, aus dem Iran geflohene Low-Budget-Travel-Influencerin, die nicht so recht weiter weiß; und Sung-nam, der einst via Russland aus Korea kam und sorgfältig kuratierte Sightseeing-Fahrten anbietet, die alle vorhandenen Sehenswürdigkeiten sorgsam vermeiden. So öffnet sich im vierten Kapitel ein Raum, in dem die fernere Vergangenheit ebenso gegenwärtig sein darf wie die jüngste Geschichte und in dem sich jene prekären und marginalisierten Existenzen zusammenfinden, denen die Blaue Blume nicht mehr als ein elitärer Begriff sein kann. Denn das schwärmerische Sehnen muss man sich auch erst mal leisten können; und mit liebevollem Blick und sanftem Humor fordert Radlmeier eben dies für seine Protagonistinnen und Protagonisten ein.