Valeska Grisebach, Regisseurin des allseits akklamierten Films „Sehnsucht“, im Gespräch über das Chaos beim Filmemachen und die weite Landschaft widersprüchlicher Gefühle.
Valeska Grisebach ist in Berlin aufgewachsen und hat ebendort und in München Germanistik und Philosophie studiert. Nach Wien verschlug es sie eher zufällig: Eine Freundin schwärmte ihr von der Atmosphäre vor, und nachdem sie 1993 die Aufnahmeprüfung für die Filmakademie geschafft hatte, blieb sie fünf Jahre in der Stadt. Danach realisierte sie als Gaststudentin ihren Diplomfilm Mein Stern an der DFFB in Berlin. Schon in ihrem ersten Langfilm arbeitete sie mit jugendlichen Laiendarstellern, die Sensibilität und die seltene Kombination aus Wahrhaftigkeit und Mut zum Drama ihres Inszenierungsstils wurden allerorten gelobt. Heute wird sie wohl hauptsächlich wegen ihres Willens zur Authentizität und ihres Wohnsitzes der zweiten Generation der Berliner Schule (Christian Petzold, Angela Schanelec, Benjamin Heisenberg) zugerechnet. In ihrem neuen Werk Sehnsucht arbeitet sie wieder äußerst effizient mit diesem Spagat aus genau beobachteten Alltagsmomenten, einer antipsychologischen Figurenbeschreibung und einer überhöhten melodramatischen Geschichte.
Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser ungewöhnlichen Dreiecksgeschichte?
Valeska Grisebach: Ich war schon vor etlichen Jahren in einem kleinen Dorf in Frankreich auf Besuch bei Freunden, gegenüber wohnte in einem schmucken Haus ein verheirateter Maurer, der sich den Erzählungen der Dorfbewohner nach auf einer Dienstreise in eine andere Frau verliebt hatte. Als seine Frau ihn verließ, schoss er sich mit seiner Schrotflinte durchs Herz, überlebte aber. Das ist aber nur die Grundstruktur der Geschichte. Und ich merkte beim Schreiben der Story, wie konstruiert das Ganze klingt. Es ging in weiterer Folge sehr stark darum, was für eine Stimmung der ganze Film abstrahlen könnte. Ich versuchte, für ein so abstraktes Thema wie Liebe oder die Gleichzeitigkeit von Liebe, eine Form von Oberfläche zu finden. Der für mich schlüssigste Weg ist diese Kombination aus Atmosphäre und Handlung. Dass man nicht einfach so zack zack eine Geschichte erzählt, sondern dazwischen auch etwas Diffuses seinen Platz hat, eine Art Stimmung, die den Zuschauer daran erinnern kann, wie es war, als er das letzte Mal bei einem Kaffeekränzchen saß, diese Verbindungsstellen mit dem eigenen Leben.
Wie findet man die richtigen Darsteller für einen Film mit starker Erdung und großen Gefühlen?
Das Casting war sehr aufwändig, wir haben an die 1.000 Leute eingeladen und in der letzten Runde waren es immer noch 15, es ist aber für mich immer eine der schönsten Zeiten beim Filmemachen. Es hat etwas Abenteuerliches und Beglückendes, wenn man mit einer Gruppe von Leuten, denen man auf Grund der guten Arbeit an Mein Stern blind vertraut, einfach durch die Gegend zieht und in Einkaufszentren, auf Zeltfesten oder auf der Straße nach den richtigen Gesichtern und, noch mehr, nach Leuten mit der richtigen Ausstrahlung sucht. Das Ganze ist sehr stark ein Prozess des Kennenlernens, schlussendlich muss man auch schauen, ob man sich in der Fantasie, was den Film angeht, trifft, und ganz banale Fragen der Belastbarkeit, psychisch wie auch zeitlich, für sich und seine Schauspieler beantworten. Man hat zwar gewisse Vorstellungen von den Figuren, aber das sind dann auch so kurze schnelle Augenblicke, man sieht jemanden und hat da plötzlich so ein Gefühl, der oder die könnte passen. Das Schöne ist, dass man nicht nur Leute kennen lernt, sondern auch neue Orte sieht und Situationen erlebt, die dann auch noch mal wichtig für die Geschichte werden können.
Waren die Dialoge alle ausgeschrieben, wie viel Mitspracherecht hatten die Laiendarsteller beim Dreh?
Das Drehbuch sieht nicht so aus wie ein normales Drehbuch. Die Dialoge waren in manchen Szenen ausgeschrieben, andere Szenen funktionierten eher als Absichtserklärungen, worum es in dieser Szene ungefähr gehen sollte. Ich habe bisher immer eine gewisse Scheu gehabt vor dem sturen Auswendiglernen von Text, das kann sich aber natürlich noch ändern. Wenn ich selber einen Dialog auswendig lerne, verliere ich meinen gesunden Menschenverstand. Plötzlich fixiert sich alles so auf diese Sätze. Wobei es natürlich schon Sätze gibt, die besonders wichtig sind, die dürfen sich dann auch nicht mehr verändern. Dann haben die Schauspieler auch wieder einen Spielraum, wo sie freier sein können. Man muss sich immer fragen, funktioniert die Szene, ist sie geschmeidig.
Wie inszeniert man Ambivalenz und Auslassungen – wie zum Beispiel in der phänomenalen Tanzszene zu Robbie Williams’ Hit Feel –, und wie vermittelt man den Schauspielern, was fehlt?
Beim Schreiben hoffe ich, dass sich die Dinge großflächig miteinander verbinden. Der Unfall am Anfang der Geschichte, die großen Sätze über Romeo und Julia am Küchentisch, zum Beispiel „Ich würde alles für dich tun“, sollen wie ein schwingendes Pendel einen gewissen Ton in die Geschichte bringen. Und mit dieser Stimmung, wenn er dann selbstvergessen zu dieser Musik tanzt, ist auch für mich die Spannung entstanden, dass man beim Aufwachen am nächsten Morgen eben nicht genau weiß, wo er ist und was passiert ist. An den Leerstellen ist der Zuschauer dann auch unheimlich gefragt. Der halb improvisierte Tanz war ein totales Abenteuer, ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht alles besprechen kann, dass man bei manchen Dingen darauf vertrauen muss, dass die Schauspieler ein gutes Gefühl für die Geschichte und die Charaktere entwickelt haben. Das finde ich auch das Spannende am Filmemachen: dass man einen Plan hat, und dann ist man aber beim Drehen an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Gefühlslage und man muss schauen, was man in dem Moment mit den Menschen auf die Reihe kriegt. Dieser Anspruch, alles mit Hilfe eines Storyboards perfekt im Griff zu haben, irritiert mich eher. Und ich finde den Augenblick, da man es nicht im Griff hat, jetzt aber den Ball fangen muss, oft am spannendsten. Um das Lied haben wir übrigens ein Jahr lang hart gekämpft. Zu normalen Preisen wäre das nie im Leben gegangen. Das ist mit einem großen Dankeschön an diverse Leute verbunden.
Worin besteht diese Sehnsucht und warum gibt er nach?
Für mich geht es nicht nur um einen Mann zwischen zwei Frauen. Der Mann in der Geschichte ist bis jetzt so schlafwandlerisch durch sein Leben gegangen. Alles war am richtigen Platz und schön. Und plötzlich passieren so ein paar Sachen, fast wie wenn auf einmal das Licht angeht. Und er kommt drauf, er ist der Hauptdarsteller seines eigenen Lebens. Und vielleicht wird er sich dann über die Größe seiner Gefühle bewusst. Wenn man merkt, wie sehr man seine eigene Frau liebt, sieht man dann auch die anderen Frauen. Sehnsucht ist wie eine weite Landschaft, in der man versinken möchte und trotzdem ist man nur einer, der nur ein Leben leben kann. Und in diesem Blackout passiert dann mit dieser zweiten Frau etwas, was schon ganz viel mit Sehnsucht zu tun hat. Er will das dann ordentlich klären, was ist denn da passiert, aber plötzlich hat er ein Gegenüber. Da ist ein Gesicht, das ihn anschaut. Es ist irre, wenn man sich bewusst macht, dass mit verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Geschichten losgehen können.
Er sucht und findet aber nichts anderes bei der zweiten Frau.
Das war für mich ganz wichtig, dass beide Frauen als Projektionsflächen für Sehnsucht funktionieren, dass bei beiden etwas Reines und Großzügiges vorkommt. Mich hätte die Geschichte nicht so interessiert, wenn er bei der einen sucht, was er bei der anderen nicht findet. Ich mochte gerade dieses Widersprüchliche, dass man sehr glücklich mit jemandem sein kann und sich trotzdem in jemand anderen verliebt und dass auch beides so strahlen kann.
