Filmkritik

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

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Bobo-kommunistisches Manifest im Do-It-Yourself-Style

Wenn Kunst dazu da ist, unser Denken zu befreien, dann ist Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes der Versuch eines künstlerisch wertvollen Films. Wenn Kritik den Menschen dabei helfen soll, etwas mit dieser Freiheit des Denkens anzufangen, dann ist dieser Text der Versuch einer Anregung eben dazu. Leicht zu kritisieren ist der Film nicht. Der Titel klingt nach einer schonungslosen Abrechnung mit sich selbst. Ist es der junge deutsche Filmemacher und Jacques-Rancière-Kenner Julian Radlmaier, der nach Ein proletarisches Wintermärchen nun einen bürgerlichen Film vorlegt und sich selbst dafür geißelt? Nein, der Regisseur macht sich – wohl stellvertretend für alle im Prekariat lebenden Bohemiens – zur selbstironisch positionierten Titelfigur, die vom bürgerlichen Hund in Berlin, der angeblich für einen kommunistischen Film recherchiert, zum Apfelpflücker in Brandenburg mutiert. Eigentlich will er damit nur die aparte kanadische Kunststudentin Camille beeindrucken. Die gleicht zwar bald in seinen Erschöpfungsträumen der Heldin eines sowjetischen Stummfilms (wie er uns aus dem Off wissen lässt), verbrüdert sich jedoch lieber mit allerlei ziemlich theoretisch ausgebeuteten – und von befreundeten Filmemachern und Multitalenten verkörperten – Gestalten auf der Apfelplantage „Oklahoma“, als ihm näher zu kommen. Julian sieht sich verraten, verrät daher die in der Plantagenkommune aufkeimende Revolution und wird erneut zum – diesmal buchstäblichen – Hund. Alles klar?

Man kann Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes eine politische Komödie nennen, oder einen Film, dessen politische Haltung mittels einer absichtsvoll verqueren Erzähllogik, anarchischem Gestus und sozialrevolutionärem Vokabular in eine Groteske mündet. An deren Gipfel wandeln die personifizierten Fragestellungen des Films durch ein Utopia sanfter italienischer Weinberge, wohingegen der Filmemacher selbst sich ganz pragmatisch in den Filmkulturbetrieb einfügt. Radlmaiers bobo-kommunistisches Manifest, realisiert im DIY-Style und unterlegt mit hochkultureller Bontempi-Musik, ist ein schlagendes Beispiel für die derzeitige Hochblüte spaßigen Guerilla-Filmemachens. Jenseits von klassenkämpferischer Verbissenheit und ohne Scheu vor Konventionsbrüchen wird versucht, eine Art Meta-Kritik des Kapitalismus zu etablieren, siehe auch die Filme Daniel Hoesls. Johanna Orsini-Rosenberg, die in dessen Soldate Jeannette und Winwin aufgetreten ist, hat übrigens auch hier eine hübsche Nebenrolle als kapitalistische Ausbeuterin.