Sentimental Value Film

Filmstart

Sentimental Value

| Pamela Jahn |
Intimes Familienporträt über die Kunst des Lebens und das Wesen des Kinos

Es ist alles gerade ein bisschen viel: Nora (Renate Reinsve) lächelt verlegen. Der Sex mit ihrem verheirateten Schauspielkollegen war schön. Aber kuscheln, nein danke. Zu große Nähe tut der jungen Frau, die sich selbst als ziemlich „verkorkst“ einschätzt, nicht gut. Vor kurzem hat Nora ihre Mutter verloren, im Theater kämpft sie jeden Abend vor der Vorstellung mit massivem Lampenfieber. Für zusätzliche Verwirrung sorgt das unfreiwillige Wiedersehen mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård), der plötzlich Ansprüche auf das langjährige Familienhaus und die Beziehung zu seinen beiden Töchtern erhebt. 

Der einst gefeierte Regisseur will es noch einmal wissen, seit 15 Jahren hat er keinen Film mehr gedreht. Nun plant der Sohn einer norwegischen Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg ein Drehbuch über die eigene Mutter auf die Leinwand zu bringen – und wenn es nach ihm geht, soll Nora die Hauptrolle spielen. Doch sein angestrengter Versuch einer Versöhnung läuft ins Leere. Die überzeugte Theaterschauspielerin hat Gustav seine jahrelange Abwesenheit und die elterliche Ignoranz längst nicht verziehen. 

Daraufhin engagiert der Filmemacher die US-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning), was für Nora den Affront nur noch verschärft. Gleichzeitig scheint jeder Fehltritt Gustavs das erstarrte Verhältnis zu seinen Töchtern zumindest ein Stück weiter in Bewegung zu bringen. Je mehr er für die junge Amerikanerin vor den Augen von Nora und Agnes zu einem fürsorglichen Mentor wird, desto sensibler reagieren alle Beteiligten auf die daraus resultierenden familiären Stimmungsschwankungen. 

Joachim Trier fängt jede dieser Gefühlsregungen mit großem Eifer und einer präzisen Beobachtungsgabe ein. In sprunghaften Szenenwechseln und auf mehreren Zeitebenen agierend, gelingt es ihm, die Illusion echten Lebens zu vermitteln, mit all seinen Verletzungen, Enttäuschungen und Zärtlichkeiten, den großen und kleinen, leisen und lauten Momenten des menschlichen Zusammenseins. Dafür hat er nicht nur tolle Schauspielerinnen und Schauspieler zur Verfügung, die es verstehen, jede Einstellung intuitiv anzugehen. Einen wesentlichen Teil seiner emotionalen Dichte zieht der Film aus seinem Schauplatz: Gustav ist überzeugt, dass die Antworten, nach denen er sucht, in dem Haus verborgen liegen, in dem er aufwuchs und das seine Töchter nun von den Erinnerungen an ihre Mutter befreien sollen. Es ist ein magischer Ort voller geheimer Öffnungen und Wahrheiten, die sich letztlich jedoch nur denen offenbaren, die auch die Risse im Fundament richtig zu deuten verstehen.