Wenn das Grauen gestriger Glaubensvermittlung temporeich unter die Haut geht
Ein katholisches Mädcheninternat in den Achtzigern. Die junge Schwester, die namenlos bleibt, führt ein strenges Regiment und versucht voller Überzeugung, möglichst starken Glauben in den Mädchen unter ihrer Obhut zu entfachen. Entfachen ist dabei ein Stichwort, dient doch fallweise auch die abschreckende Aussicht der Hölle als Motivation, nicht am guten Glauben zu zweifeln. Eine Schülerin, Martha, ist außergewöhnlich bemüht, für Jesus und den Herrgott alles richtig zu machen und trägt einen Bußgürtel. Diese schmerzhafte Praxis, die sich etwa bei Mitgliedern des Opus Dei findet, hinterlässt Spuren. Ein paar der Mädchen fühlen sich indes vom Verbotenen angezogen, hier vom fünften Stock des Internatsgebäudes, der leer steht und von ihnen nicht betreten werden darf. Und sogar gegen eines der Zehn Gebote verstößt die Schwester selbst – mit fatalen Folgen. Denn ist die Atmosphäre anfangs eher gespenstisch, ereignet sich in den starren, unbarmherzigen Korridoren und Räumen, die aalglatt in bedrohlicher Symmetrie und Totalität in Szene gesetzt werden, mit Fortdauer existenzbedrohender, von treibenden Spannungsklängen befeuerter Psychohorror.
Mit dem fertigen Film Serviam – Ich will dienen geht eine lange Reise zu Ende, schon 2005 gewannen Ruth Mader und Martin Leidenfrost dafür den Carl-Meyer-Drehbuchpreis im Rahmen der Diagonale. Das Buch findet nun endlich seine Bilder: die Körperlichkeit von Schmerz, wuchtige und aufschlussreiche Frontalansichten des einzigen Gebäudes, ein wunderbar unerwartetes Schlüsselobjekt in Form eines leuchtenden Glühwürmchen-Stofftiers, kindlich-unheimliche kurze Animationssequenzen und allem voran eine groß aufspielende Maria Dragus, die das lange Warten lohnend machen. Auf der sprachlichen Ebene sticht die schnörkellose Kühle, die auch unter den Schülerinnen herrscht, hervor, die Hand in Hand mit dem Einsatz des beinah gegenteiligen Stilmittels des guten alten Jump-Scares und recht anweisender Musik vielleicht ein klein wenig übers Ziel hinausschießt. Während die Dialoge das Korsett erzkatholischer Strukturen aber gut befördern, würde der Film auch mit weniger gestalterischer Konvention als nervenaufreibender Thriller funktionieren. Überhaupt funktioniert Serviam auf vielen Ebenen, auch weil die Hauptfigur der unverrückbaren Schwester schlussendlich zutiefst menschlich gezeichnet wird. Kritisieren will Mader in ihrem Film, der äußerst – bis in den Titel – autobiografisch geprägt ist, nur das System und nicht den Glauben an sich, wie sie bereits öfter nahelegte. Dies jedenfalls kommt wahrscheinlich nicht bei allen so an.
