Eine Spitzenköchin-to-be auf ihren sie prägenden, kurzweiligen ersten Metern
Die Messerauswahl im Fachgeschäft ist etwas eingeschränkt, da sie Linkshänderin ist, ansonsten läuft es für die junge Köchin Agnes Karrasch äußerst rund: 2018 wurde sie mit dem österreichischen Nationalteam Jugend-Weltmeisterin, nach einer Lehre im renommierten Wiener Restaurant Steirereck begibt sie sich nun auf eine Reise durch Europas Gourmetküchen, um dort wertvolle Erfahrungen zu sammeln.
She Chef begleitet die zielstrebige Nachwuchsköchin auf einem herausfordernden Weg, der den Beginn einer vielversprechenden Karriere bedeutet – die diesbezügliche Einschätzung, die auch arrivierte Chefköche im Laufe des Films äußern, hat sich mittlerweile im echten Leben bewahrheitet: Agnes Karrasch ist in der Welt der Michelin-Hauben angekommen, und gekommen, um zu bleiben. Melanie Liebheits und Gereon Wetzels Dokumentation wirkt durchgehend so nah an diesem echten Leben, am realen Erleben, wie es ein Film nur kann. Obwohl sich die Gestaltung vereinzelt gefährlich nahe an die Ränder von Reality-TV verirrt, gelingt es ihnen, sowohl das physisch und psychisch (als Frau in Unterzahl noch einmal deutlicher) höchst anspruchsvolle Handwerk, dem sich Karrasch verschrieben hat, spürbar zu vermitteln, als auch das Außergewöhnliche und Faszinierende an experimentierfreudiger Haute Cuisine zu zelebrieren. Während im Vendôme (dem Restaurant des Grand Hotels Schloss Bensberg in Nordrhein-Westfalen), der ersten Praktikums-Station der Aspirantin, der Meisterkoch Joachim Wissler eine eher klassische Ausnahme-Küche – und ein durchaus klassisches Regiment – führt, stehen im von Außen beinahe unscheinbaren Disfrutar in Barcelona innovative Zubereitungstechniken im Vordergrund. Weil sich She Chef auch für das Zwischenmenschliche interessiert, wird nachvollziehbar, dass sich Karrasch gut mit dem Sous-Chef des Vendôme, Dennis Melzer, anfreundet, in Katalonien hingegen erschweren die etwas unterschätzte Sprachbarriere und der Ausbruch der Covid-Pandemie das emotionale Ankommen. Im exklusiven, (auch) weil so entlegenen, im Vergleich beinahe rustikalen Kochkunst-Tempel KOKS auf den Färöern findet die Protagonistin schließlich ein Gesamtpaket, das sie sich nicht hätte träumen lassen. Weil ihr Freund Melzer sie für ein neues Restaurant-Projekt in Berlin gewinnen will, steht somit eine schwierige Zukunfts-Entscheidung an, bei der das Filmpublikum ebenso zum Mitfiebern eingeladen ist, wie auch die zahlreichen Sequenzen der flinken Hände und das wie choreografierte Treiben in der Küche mitunter ziemlich fesselnd sind und Kochkunst als Aufführung begreifbar machen – auch, oder vielleicht besonders dann, wenn man eher wenig Ahnung von der Materie hat. Insgesamt ein Film, der zeigt, dass aus Beruf Berufung werden kann, gleichsam ein Film zum Staunen.
