Shootout relief

| Roman Scheiber |

Das Schachspiel geht weiter und mündet in eine bleigeladene Konfrontation der Helferfiguren auf offenem Feld – mit Vorteilen für Schwarz. „Breaking Bad“, S5E13 (To‘hajiilee), Spoiler Alert.

 

Herrlich, diese Finten. Die Kontrahenten haben sich eingebunkert und schicken ihre Adlaten, um einander wechselseitig aus der Reserve zu locken. Walt hat zu Ende der vorigen Episode die unberechenbaren Schergen um Todds Onkel Jack mobilisiert. Jesse, sein moralisch motivierter Gegner, hat immerhin das DEA-Duo Hank und Gomez zur Verfügung. Während Walt erfolglos versucht, über Jesses Ex-Love-Interest Andrea und deren Sohn Brock an den abgefallenen Ziehsohn heranzukommen (erfolglos, weil Jesses „Hello Kitty“-Phone aus Sauls Handy-Lade längst von Hank kontrolliert wird), haben Jesse und Konsorten die wesentlich pfiffigere Idee: Conehead Huell, Sauls Bodyguard, Angst einzujagen, sodass dieser ein paar essenzielle Infos über Walts Geldversteck ausplaudert. Das gelingt mit einem Fake-Foto, auf dem Jesse erschossen auf dem Boden zu sehen ist, Gehirnaustritt inklusive. Eine weitere clevere Foto-Volte später rast Walt – am Handy den Triumph vortäuschenden Jesse, der droht, das Geld zu verbrennen – bereits an jenen symbolischen Ort, an dem er die Beute verbuddelt hat. So führt er selbst Jesse und seinen Schwager an den episodentitelgebenden Ort in einem Navajo-Reservat, dessen Koordinaten er nach dem Vergraben der Plastikfässer als Lottozahlen abgespeichert hatte. Der Ort, an dem er sein Glück schon in der Pilotfolge der Serie ausgereizt hatte, als er zum ersten Mal mit Jesse im Camper Meth gekocht und als Überschussware die erste Leiche produziert hatte. Dass Walt überhaupt in diese Falle tappt, verdeutlicht, wie sehr er durch seine so angestrengten wie aussichtslosen Bemühungen, in ein normales Leben zurückzukehren, in entscheidenden Situationen vom mächtigen Heisenberg zum harmlosen Mr. White regrediert ist.

Die 40 Minuten bis zum bisherigen Action-Höhepunkt der gesamten Season dienen noch einmal dem Spannungsaufbau bis in die feinste Faser. Lydia ist unzufrieden mit Todd, weil sein Meth weder einen besonders hohen Reinheitsgrad noch das verkaufsargumentativ wichtige Heisenberg-Blau aufweist. Das bringt Todd freilich nicht davon ab, auf leicht neurotische Art erotisches Interesse an Lydia zu zeigen – wird vielleicht eine Art Mutterkomplex Marke Norman Bates sein Verhalten in den letzten drei Episoden bestimmen? Ein ums andere Mal nutzen die „Breaking Bad“-Autoren filmgeschichtliche Assoziationsräume, deren Türen zunächst verschlossen bleiben und Episoden später vielleicht überraschend aufgebrochen werden. Walt selbst kommt erst nach knapp 14 Minuten dieser Folge zum ersten Mal ins Bild, bei Verhandlungen mit Jack. Als Gegenleistung dafür, Jesse „nach Belize“ (© Saul Goodman), sprich: ins Jenseits zu schicken, soll Walt seinem Ex-Assistenten Todd noch einmal vorkochen, wie man schön blaues Meth macht. Wir erinnern uns: Ähnliches hatte auf elegantere Weise schon der später comic-haft aus der Serie verabschiedete Gus Fring mit Walt und Jesse vorgehabt. Ach ja, die Geister, die man rief …

Der Rest sind Nebengeräusche, bevor sich im Schlussdrittel der Episode ein Showdown in der Wüste abzeichnet (Buch: George Mastras, Regie: Michelle MacLaren). Bevor die Kavallerie in Form von Jacks Nazi-Bande zu Hilfe kommt, muss Walt sich von Hank in aller demütigenden Form Handschellen anlegen, den berühmten „Recht-auf-einen-Anwalt“-Satz vortragen und – nachdem Jesse ihn hasserfüllt angespuckt hat – in Hanks SUV einsperren lassen. In einer kurzen Einstellung wirft sich der Schatten auf Walts Stirn, als hätte der längst beige bis milchig gekleidete Mr. White noch einmal den Heisenberg-Stetson auf. Wenig später versinkt alles im grandios inszenierten Kugelhagel, bei dem die Hauptfiguren Walt und Jesse tatenlos zusehen müssen. Die Bombastik des Patronenhülsenausstoßes wird der angestrebten Spannungsentladung zunächst durchaus gerecht, nur um mit einer Unterbrechung mitten im ungleichen Feuergefecht einen der bislang fiesesten Cliffhanger der gesamten Serie zu markieren. Frivolen Gemütern könnte sich der Vergleich mit einem Coitus Interruptus aufdrängen.

Sollten die vermeintlich glorreichen Zwei, Hank und Gomez, aus diesem Westernduell noch einmal heil herauskommen, müsste es auf skripttechnisch ziemlich elaborierte Weise geschehen. Hanks Telefonat mit Marie nach Walts Festnahme hat jedenfalls Abschiedsgesprächscharakter, doch in einem fintenreichen Epos wie „Breaking Bad“ muss das natürlich nichts heißen. Tipp: Das nächste Kapitel wird die Vorblende der letzten Halbseason ein Stück weiterführen.