Ein unveröffentlichtes Skript von John Cassavetes ist jetzt im Wiener Akademietheater auf der Bühne zu erleben.
„Begin the Beguine“ ist nicht nur der Titel eines Cole-Porter-Evergreens, sondern auch einer bis dato unaufgeführten Allegorie über die Liebe und das Leben – und all die Missverständnisse, die damit einhergehen können. Sie trägt die Handschrift des „Godfather“ des Independent-Films, John Cassavetes. Er schrieb das Skript 1987, eineinhalb Jahre vor seinem Tod, seinen Freunden und „Lebensschauspielern“ Peter Falk und Ben Gazzara auf den Leib. Jan Lauwers, Mitbegründer der Genre-sprengenden belgischen Needcompany, erweckt es mehr als zwanzig Jahre später im Akademietheater würdig zum Leben. Wer Angst vor gelüfteten Unterhosen hat, sollte allerdings besser zu Hause bleiben.
Spiel mit Perspektiven
Im Mittelpunkt stehen zwei in der Sackgasse ihres Lebensabends gestrandete Männer: Gito (Falk Rockstroh), manisch-depressiv und mit Hang zur Poesie, kann die Gespenster seiner Vergangenheit nicht loslassen. Morris (Oliver Stokowski), kann’s nur mit Liebe. Er möchte geliebt werden, versteht sich. Jan Lauwers, „Artist in Residence“ des Burgtheaters, inszeniert Cassavetes’ Dreiakter mit zwei Performerinnen seiner Needcompany, die alle Damenrollen übernehmen: Inge Van Bruystegem und Sung-Im Her haben den hinteren Teil der Bühne bezogen und werden live gefilmt (Sophie Lux), die Film-Ausschnitte werden auf eine Leinwand projiziert. Close-ups, bewegte Handkamera, Unschärfen, plötzlich endende Sequenzen referieren auf Cassavetes’ Stilmerkmale. Auf der Bühne sind so verschiedene Blickwinkel eröffnet: zur Welt der beiden Männer und Frauen, zur Übersetzung ins Medium Film und zu den rein akustischen Darbietungen aus einem Bereich hinter einer Schiebewand, – dem Schlafzimmer.
Die alternden Lebemänner stecken gewaltig in ihrer höchst zwiespältigen Männerfreundschaft fest. Sogar das Schlafzimmer muss geteilt und abwechselnd genutzt werden. Der einzige Ankerpunkt zur Außenwelt und zu einem Leben mit erstrebenswerten Verheißungen ist den beiden Männern die Telefonnummer eines Agenten. Dieser vertritt Damen, die gegen Bares Männern wie Gito und Morris genau das geben sollen, wonach diese bedürftig sind. Morris träumt von Frauen, die ihm „wahre“ Gefühle und „bedingungslose Liebe“ spenden. Gito hingegen traut der Liebe nicht. Er möchte seine Phantome (Mutter, Vater, Exfrau) ungehindert um sich kreisen lassen. „Die Geister der Liebe sind Plastikblumen, wie sie dressierte Seehunde hochhalten“, so Gito abschätzig.
Verheißungen
Um der Vorhölle ihrer Männerfreundschaft zu entkommen, ordern sie Frauen vom Escort-Service. Aber auch mit diesen philosophieren sie zumeist ergötzlich über die Liebe und das Leben. Sie teilen ihre Depression wie ihre Manie gleichermaßen freigiebig mit dem Publikum, und die Marotten ihre Männerfreundschaft leben sie gnadenlos aus. Ihre Unterhaltungen, ob miteinander oder mit dem weiblichen Gegenüber, dienen nur einem – der Selbstbestätigung: „Ehrlich gesagt, mag ich keine Unterhaltungen, die irgendwo hinführen, wo ich nicht hinwill“, so Gito
Die Performerinnen der Needcompany schlüpfen in die Rollen aller auftretenden Besucherinnen, die die Freunde bei sich, im wahrsten Sinne des Wortes, „antanzen“ lassen. Sie bestellen nach Frische oder Reife, Gewicht und Ausstattung, ganz so, als wären sie in einem Feinkostladen zugange. Am Ende ihres Lebens wollen die vom Leben herb Gezeichneten endlich einmal Herren der Lage sein, was sich jedoch als nicht so einfach erweist. Denn die Frauen, welchen Alters auch immer, sind nicht die willenlosen Geschöpfe, von denen die Männer träumen, sondern haben das Heft fest in der Hand.
Großer Applaus für ein überzeugendes Ensemble! Tipp: Die Textfassung von John Cassavetes’ „Begin the Beguine“ ist im Programmheft abgedruckt.
