Filmkritik

Sieben Minuten nach Mitternacht / A Monster Calls

| Marietta Steinhart |
Mit Tränen ringen

In der folgenden Geschichte steckt eine Wahrheit, die so weh tut wie sie wahr ist. Es beginnt in England mit Conor O’Malley (Lewis MacDougall), einem 12-jährigen Jungen, dessen wiederkehrender Traum damit endet, dass seine Mutter aus seinem Halt in den Abgrund stürzt – verloren für immer. Jede seiner wachen Stunden ist nicht viel besser. Er wird von seinem Vater (Toby Kebbell) vernachlässigt, der mit seiner neuen Familie in den USA lebt. In der Schule wird er schikaniert, seine Großmutter (Sigourney Weaver) ist streng und kühl. Unterdessen kämpft er mit dem bevorstehenden Tod seiner an Krebs erkrankten Mutter (Felicity Jones). Wenn eines Nachts also eine wilde, baumartige Kreatur an Conors Schlafzimmerfenster auftaucht, ist der Junge zunächst nicht sonderlich beeindruckt. Er hat schon Schlimmeres gesehen. Die roten Augen des Monsters speien Feuer aus seinem furchigen Gesicht und eine knorrige Stimme (im Original geliehen von Liam Neeson) dröhnt aus seinem Schlund. Ein freundlicher Riese ist dies nicht. Der Baum wird in den darauf folgenden Nächten wieder kommen, sieben Minuten nach Mitternacht um genau zu sein, und dem Jungen drei Geschichten erzählen. Fabeln, die zeigen, dass die meisten Dinge im Leben nicht immer schwarz oder weiß, richtig oder falsch sind. Am Ende muss Conor eine eigene Geschichte erzählen. Im Gegenzug dazu wird das Monster ihm die wahre Bedeutung seines Alptraums erklären.

Zugegeben, Tränen wie Niagarafälle zu weinen, das ist kein zuverlässiges Qualitätskriterium für einen Film, aber A Monster Calls, nach einem Roman und Drehbuch von Patrick Ness, ist ein zutiefst schönes Märchen und eine beeindruckende Leistung des spanischen Regisseurs J.A. Bayona, der den Einfluss seines Mentors und ehemaligem Produzenten Guillermo del Toro nicht leugnen kann. Unterstützt wird seine Inszenierung durch das Gothic-Produktionsdesign von Eugenio Caballero gemeinsam mit einer Reihe von bezaubernden Animationen, die Aquarelle und Stop-Motion miteinander verschmelzen. Das Ensemble macht seine Sache gut, aber die Seele des Ganzen ist Lewis MacDougall, der den Film auf seinen zarten Schultern trägt. Er ist müde, verzweifelt, wütend, frustriert, alles zur gleichen Zeit – die ganze Zeit. Wenn man bis zum Finale noch nicht geweint hat, wird man spätestens dann wenn Conor seine zermürbende Wahrheit aus dem Bauch brüllt, mit Tränen ringen. Es ist sehr sentimental, aber wenn das ein Fehler ist, kann es in diesem Fall als willkommen betrachtet werden.