Freud und Leid
Sigmund Freud gehört zweifellos zu den einflussreichsten Figuren des 20. Jahrhunderts, wenngleich der Begründer der Psychoanalyse nicht unumstritten war bzw. ist: Feiern die einen seinen Vorstoß in Verdrängtes sowie die von ihm entwickelten bzw. angestoßenen Analyse- und Therapiemethoden, lehn(t)en ihn Vertreter von Marxismus und Feminismus aus diversen Gründen ab. Ein gängiger Vorwurf: Freud führe alles auf die Sexualität zurück. An Freuds Nachruhm hat aber auch die Kritik nichts geändert; jüngst durfte der leidenschaftliche Zigarrenraucher in einer Fernsehserie gar als Detektiv in Erscheinung treten, wobei das Sixpack, das man ihm dabei verpasste, höchstwahrscheinlich ebenso fiktiv war wie der Kriminalfall.
Die Auseinandersetzung des französischen Regisseurs David Teboul mit Freud ist jedenfalls eher im Bereich des Essayfilms angesiedelt: Archivmaterial aus dem Wien bzw. Österreich des frühen 20. Jahrhunderts wird in gemächlichem Rhythmus mit Textpassagen Freuds (gelesen von Johannes Silberschneider) und seiner Tochter Anna (Birgit Minichmayr) sowie von Weggefährten wie Marie Bonaparte (Catherine Deneuve) oder Carl Gustav Jung (Roland Koch) unterlegt. Manchmal entsteht dabei ein Dialog zwischen den einzelnen Textpassagen (Anna Freuds Texte erzählen im Rückblick von den Arbeitsmethoden ihres Vaters), gelegentlich eher freie Assoziationen. Freuds Werk und sein Privatleben gehen somit ineinander über, wobei die Chronologie im Wesentlichen gewahrt bleibt: Der Film beginnt mit Kindheitserinnerungen an die Leopoldstadt und schließt mit dem Exil in London. Vom Werk her gesehen markieren Psychoanalyse, Traumdeutung und Todestrieb thematische Eckpfeiler, dazu kommen Freuds jüdische Identität und das Verhältnis zu den Frauen in seinem Leben. Die Bilder korrespondieren oft direkt mit der Tonspur: Wenn Freud etwa über eine Patientin mit Sprachentwicklungsstörung und Halluzinationen reflektiert, sieht man einen zeitgenössischen Wiener Faschingsumzug mit teils verstörenden Masken; die als „Schornsteinfegen“ titulierte Therapie wird von einem Rauchfangkehrer, der seiner Arbeit mit Blick auf den Stephansdom nachgeht, illustriert. Spricht Freud angesichts des Todes seines Vaters über ein „entwurzeltes Gefühl“, sieht man, von Geigenmusik unterlegt, einen entwurzelten Baum am Jüdischen Friedhof. Während die Leistungen der Schauspieler also ungeteilte Zustimmung finden dürften, hängt die Beurteilung der Machart wohl vom jeweiligen cineastischen Über-Ich ab: Könnten die einen den Mix aus Archiv und Voice-over als konventionell empfinden, mögen andere – „Le Monde“ etwa lobte die „visuelle Eleganz“ – eine zur Traumdeutung passende Stimmung vorfinden.
