SIGNS-OF-WAR

Filmstart

Signs of War

| Jakob Dibold |
Die Macht der Bilder – eine journalistische Reise in die Anfänge der russischen Invasion

Es sei sein erster und letzter Krieg gewesen, sagt Pierre Crom. Der in Frankreich geborene und seit 1987 in den Niederlanden lebende Fotograf und Fotojournalist hatte nie etwas mit dem Herstellen von Kriegsbildern zu tun gehabt, als er sich nach jahrelanger Arbeit mit Fokus auf vor allem die niederländische Politiklandschaft 2014 dazu entschloss, die Krim zu bereisen. Wie es Schicksal oder Zufall wollten, begann quasi mit seiner Ankunft die Annexion der Insel durch Russland. Crom entschied sich, vor Ort zu bleiben und erlebte in den folgenden fast zwei Jahren hautnah mit, wie sich ein von der Weltöffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt noch unterschätzter Konflikt entwickelte, der acht Jahre später schließlich im überfallsartigen Angriff der russischen Armee auf die Ukraine mündete.

In Signs of War erzählt Pierre Crom diesen persönlichen Einblick teilweise minutiös nach, in fünf Kapiteln plus Epilog hört ihm Regisseur Rechinsky dafür ohne zu drängen zu. Wohl geschuldet der Profession und trotzdem beeindruckend fotografisch erweist sich Croms Gedächtnis, wenn er – mitunter mit leicht stockender Stimme, die ihm niemand verdenken kann – bis in kleinste Details Erlebnisse nacherzählt, auf die ihn sein vorangegangenes Berufsleben kaum vorbereitet hatte. Dazu zu sehen sind von Crom vor Ort gemachte Fotografien, aber auch Videos. Schon die Momentaufnahmen tragen die Stimmung des aufkeimenden und bald unbarmherzig wütenden Krieges in sich, das Videomaterial fügt dem Unmittelbarkeit hinzu, als hüpfe man zurück in das Abgebildetete, nicht wirklich Vergangene. Rechinsky und Crom erstellen eine Chronologie der Eskalation: Die militärische, zunächst unheimlich ruhige Einvernahme der Krim, das Show-Referendum, die ersten Gefechte im Donbass. Dann ein für Crom als Wahl-Niederländer noch einmal speziellerer, unfassbarer Meilenstein: Der Abschuss des Flugzeugs MH17, das viele niederländische Passagiere – darunter zahlreiche Kinder – beförderte. Und schließlich noch die erste offene Panzer-Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Crom präzisiert, und das quicklebendige Gespenst ultranationalistischer, bewaffneter Mobilisierung, wie es ungehindert seine Kreise zieht. Immer wieder gelingt es Crom dabei – stets möglichst wenig selbstbezogen – auch den psychologischen Ausnahmezustand des Mittendrin-Seins erahnen zu lassen, in dem sich Dokumentierende solcher Szenarien wiederfinden. Bevor der Epilog ins Jahr 2022 führt, schildert der ruhige Erzähler seine abrupte, um Haaresbreite gelungene Flucht im Dezember 2015, nachdem er beordert wurde, seine Presseakkreditierung abzugeben und die Zeichen auf Verhaftung standen. Nur kurz und knapp, denn, so macht Crom des Öfteren klar: Um ihn geht es hier nicht. Sein Verdienst ist indes nicht zu unterschätzen, denn das von ihm Festgehaltene führt in einer drastischen Klarheit vor Augen, wie brutal, menschenfeindlich und, ja, kriegerisch der Aggressor Russland schon seit Jahren operiert – Verdienst von Signs of War ist es schließlich, diese Erkenntnisse der aktuellen „Müdigkeit“ hinsichtlich der Berichterstattung und des Kriegsgeschehens, die sich nach einer gewissen Zeit unweigerlich breitmacht, entgegenzustellen.