„Sin Nombre“ zeichnet ein bedrückend authentisches Bild des von Brutalität geprägten Systems der berüchtigten Gang Mara Salvatrucha.
Dreizehn Sekunden können quälend lang sein: Brutal schlagen und treten die Bandenmitglieder auf den kleinen Jungen ein. Zerschunden, mit blutigem Gesicht rappelt sich der Zwölfjährige nach Ablauf der Tortur-Sekunden vom Boden auf – und grinst, trotz der Schmerzen: Er hat die Mutprobe bestanden. Doch um ein vollwertiges Mitglied der Mara Salvatrucha 13 zu werden, muss der Kleine noch einen Gefangenen erschießen, Mitglied einer verfeindeten Bande. Er zögert keine Sekunde – und gehört nun zur am meisten gefürchteten Jugendgang Mittelamerikas.
Man erkennt die Mareros an ihren Tätowierungen. Ein in die Haut gestochenes M oder MS 13 kennzeichnet sie als Mitglied von Mara Salvatrucha. Für jeden Getöteten tragen sie eine Träne. Manche sind im ganzen Gesicht tätowiert – ein Furcht einflößender Anblick. Gegründet wurde Mara Salvatrucha Anfang der Achtziger Jahre von salvadorianischen Bürgerkriegsflüchtlingen in Los Angeles, um sich gegen ortsansässige Chicano-Gruppen wie die Nuestra Familia oder die Mexican Mafia und die afroamerikanisch dominierten Gangs Crips und Bloods zu behaupten. Verhaftete Mara-Mitglieder wurden von den US-amerikanischen Behörden im Zug der Null Toleranz-Politik kurzerhand in ihr Heimatland abgeschoben, wo sie neue Ableger von Mara Salvatrucha bildeten, so genannte Clikas, die heute ganz Mittelamerika in Angst und Schrecken versetzen. Die Gesamtzahl der Mareros wird auf 100.000 geschätzt, ihre Hochburgen befinden sich in El Salvador, Guatemala und Honduras, aber auch in Spanien soll es bereits MS-13-Clikas geben.
Sin Nombre, das fulminante Spielfilmdebüt des 1977 geborenen und in der Nähe von San Francisco aufgewachsenen Regisseurs Cary Joji Fukunaga (Interview), beginnt mit der Darstellung des von Gewalt geprägten Alltags und der Rituale einer MS-13-Gang in der südmexikanischen Stadt Tapachula, nahe der Grenze zu Guatemala. Der 18-jährige Willy, genannt El Casper, rekrutiert den 12-jährigen Smiley als neues Bandenmitglied. Nach dessen bestandener Aufnahmeprüfung patrouillieren Smiley und sein Mentor Willy durch ihr Revier in der Stadt, um es gegen feindliche Übergriffe zu sichern. Dabei trifft sich Willy zu heimlichen Schäferstündchen mit seiner Freundin, vernachlässigt dabei jedoch seine Aufsichtspflicht. Als der brutale Bandenboss Lil’ Mago Willys Geliebte umbringt und beim Überfall auf einen Zug mit Honduranern Richtung Norden ein Mädchen vergewaltigen will, erschlägt Willy kurz entschlossen seinen Anführer. Damit ist er selber zum Tode verurteilt, alle MS-13-Mitglieder Mexikos machen nun Jagd auf ihn. Bei der Flucht auf dem Zugdach kommen sich Willy und das von ihm gerettete Mädchen näher; gemeinsam versuchen die beiden jungen Leute, sich zur Grenze nach Texas durchzuschlagen.
Ganz erstaunlich ist dabei die fatalistische Gefasstheit, mit der Willy seinem Schicksal entgegen sieht. Das Gang-Gesetz gebietet bedingungslose Loyalität der Gruppe und Kadavergehorsam dem Anführer gegenüber – Willy hat dagegen verstoßen und rechnet fest mit seiner Hinrichtung. Der Zusammenhalt solcher Gruppen basiert auf Angst und einem strengen System von Vorschriften und Ritualen, denen man sich unterwerfen muss. Beim Fußvolk regiert die Angst vor Isolation oder Bestrafung, bei den Führern die Furcht vor Autoritätsverlust. Die Angst aller hindert daran, Inhalte und Formen des Zusammenlebens in Frage zu stellen, der Ausstieg aus dem Kreislauf von Mord und Vergeltung ist schwer möglich. Viele Mareros kommen schon im Teenageralter um oder landen im Gefängnis. Willys Wagemut, in einem Konfliktfall die sozialpsychologischen Fesseln zu sprengen, die ihn innerlich an seine Bande binden, zeugen von einem hohen Maß an Zivilcourage und Charakterstärke.
Teils Liebesgeschichte, teils Gangster- und Roadmovie, macht Sin Nombre die zwanghafte Gruppendynamik mit Mitteln des Genrekinos in naturalistischer Weise und mit authentisch wirkenden Darstellern augenscheinlich. Regisseur Fukunaga bewies selber Wagemut, als er bei seinen jahrelangen Recherchen wiederholt in den Süden Mexikos reiste, wo er nicht nur Polizisten, Strafvollzugsbeamte und inhaftierte Mareros interviewte, sondern auch unter Lebensgefahr in die von rivalisierenden Banden umkämpften Stadtgebiete ging, um sich vor Ort ein Bild von der Lage und den (Über-)Lebensgewohnheiten der dort ansässigen unterprivilegierten Bevölkerung zu machen. In diesem Niemandsland aus Gesetzlosigkeit und Repression traf er sich mit jugendlichen Straßenkriegern, deren Dasein von Brutalität, Alkohol- und Rauschgiftmissbrauch geprägt ist. Er studierte ihren Slang, sah Killer und Opfer, Feiern und Begräbnisse, drogeninduzierte Euphorie, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Diese Erfahrungen verarbeitete er im Drehbuch für sein bemerkenswert professionell inszeniertes Erstlingswerk – ein emotional bewegendes und manchmal schockierendes Sozialdrama, das mit dem Regiepreis beim Sundance Filmfestival ausgezeichnet wurde.
