Slow Film

Filmstart

Slow

| Jakob Dibold |
… oder: Wie man lieben kann, verstehen Kinofeinsinnige in der Romanze zu ertasten.

 

Elena und Dovydas begegnen einander halb zufällig und lassen gleich ganz und gar nicht mehr voneinander. Er gebärdendolmetscht beim Tanzworkshop, den sie mit einer Gruppe junger gehörloser Menschen macht, rasch finden sie im jeweils Anderen viel Anziehendes, wie passend, dass Körper- und Sprachgefühl hier natürlich ineinander gehen. Dovydas muss den Funken Magie, der sich zwischen ihm und Elena schnell entzünden will, jedoch mit einer Wahrheit über ihn abrupt verlangsamen: Er ist ehrlich, zwingt sich dazu, etwas vorauszuschicken, was ihn von den zwanglosen intimen Bekanntschaften Elenas markant unterscheidet – er ist asexuell. Glücklicherweise ja gebunden durch gemeinsame Arbeit, wagen sich die beiden trotzdem auf einen Weg, der starke Zuneigung, bald schon Verliebtheit zum Vorschein bringt, ungeachtet der ungleichen Lust. Angenehm unbelehrend erfährt so Elena – wie wahrscheinlich auch ein Gros des Kinopublikums, das der Film sanft in seinen Bann zieht, ja fast mit einem Lächeln einlädt – ohne Anspruch auf universelle Gültigkeit, was Asexualität bedeuten kann: Bloß weil ihr Partner nicht die gleiche Erregung verspürt wie sie, heißt das nicht, dass er nichts will. Und bloß weil Dovydas’ Partnerin einen sexuell offenen Lebensstil gewöhnt ist, heißt das nicht, dass sie für ihn nicht anders leben möchte.

Doch dass, bloß weil zwei, die sich lieben, sich etwas vornehmen, es noch lange nicht nach Plan verlaufen muss, weiß Marija Kavtaradze in ihrer grazil geschriebenen Geschichte ebenso zu illustrieren. Die litauische Filmemacherin benötigt in ihrem zweiten langen Spielfilm als Regisseurin – bereits Summer Survivors (2018) strahlte vor Feinsinnigkeit – keine Einfälle riesiger Tragödien, um alles durchdringende Emotionen auf die Leinwand zu zaubern, inszenatorische Ruhe und Vertrauen in die Dialoge sowie die, die sie sprechen, genügen ihr dazu. Beim Sundance Film Festival 2023 wurde sie dafür als Best Director gewürdigt. Wundersam miteinander vertraut wirkend, sind Greta Grinevičiūtė, auch in der realen Welt zeitgenössische Tänzerin, und der vom Theater kommende Ke¸stutis Cice.nas mit ihrem physisch-filigranen Spiel die bestmöglichen Verbündeten für eine trefflich analog dahinrauschende Ode an das Ausleben großer Gefühle. Die von Nan Goldin inspirierte 16mm-Bildgestaltung von Kameramann Laurynas Bareiša schließlich bleibt alle 108 Minuten aber derart entzückend anzusehen, dass wohl niemand anzuregen gewagt hat, sie durch ein paar Kürzungen hier und da noch eine Spur mehr aufs Wesentliche zu reduzieren. So ist Slow keine welterschütternde, mindestens allerdings eine schöne runde Sache, zudem endend in einem eleganten erzählerischen Zirkelschluss.