Slumming – Eine komplexe Figur fußt auf vielen Realitäten

„Eine komplexe Figur fußt auf vielen Realitäten“

| Roman Scheiber |

Gemeinheiten als dramaturgische Notwendigkeit: Michael Glawogger über die Arbeit an seinem neuen Spielfilm „Slumming“

Michael Glawogger ist ein dokumentarischer Spielfilmemacher oder ein spielerischer Dokumentarist, je nach Projekt. Nachdem er in Asien auf Recherchen zu seinem nächsten Dokumentarfilm unterwegs war, erscheint Ende November sein auf der Berlinale vorgestellter Spielfilm Slumming. Es ist sein dritter, nach der witzigen Wiener Mietshaus-Milieustudie Ameisenstrasse (1995), und der Laienpornoproduzentenkomödie Nacktschnecken (2003). Beim Drehbuch half Barbara Albert mit, Paulus Manker gibt einen Sandler auf Tour de Force-Odyssee im benachbarten Tschechien, Pia Hierzeggger und Maria Bill sind mit von der Partie, titelgebend sind aber August Diehl und Michael Ostrowski, die als gelangweilte „Slummer“ durch jene Beisln touren, wo sich die Reichen und Schönen nur selten hinverirren, und dort zynische Spielchen treiben. „Wenn man wüsste, was aus dem wird, was man tut – würde man es dann noch tun?“ fragt der Regisseur auf der Webseite von Slumming. Wir trafen ihn im Gürtel-Café „Sultan“, nähe Westbahnhof, zum Gespräch.

Die Regierungsverhandlungen laufen. Wärst du Bundeskanzler, was würdest du eigentlich als Erstes machen?
Das ist eine Märchenfrage. Im Grunde müsste man fragen, was würdest du machen, wenn du König wärst. Der Bundeskanzler ist kein König. Selbst gewählte Politiker sind heute in ihren Möglichkeiten, Dinge fundamental zu ändern, relativ eingeschränkt. Der Kapitalismus ist sozusagen ein eigendynamischer Moloch, den zu kontrollieren die Politiker nicht mehr in der Lage sind. Wenn man sich den Wahlkampf angeschaut hat, ist es doch im Wesentlichen um nichts gegangen als lauter oder leiser bellen. Gewinndenken rult.

Ist Österreich in deinen Augen noch ein Sozialstaat?
Wenn die Betonung auf dem „noch“ liegt, und im Vergleich zu weiten Teilen der Welt: ja. Aber weil die Menschen immer älter werden, werden sie künftig wohl tendenziell immer ungesicherter werden. Wenn sich zum Beispiel nur mehr die Reichen teure Medizin und Medikamente leisten werden können.

Von ungesicherten Menschen erzählt unter anderem auch Slumming. Gibt es eine Grundidee zu diesem Film?
Es gibt viele Bausteine. Beobachtungen, Dinge, die man selbst erlebt hat, manchmal auch reine Konstrukte. Manchmal führt mich die Arbeit als Dokumentarfilmemacher zu Orten und Menschen, die ich so nicht hätte erfinden können. Die Jakarta-Episode am Schluss zum Beispiel: Da wusste ich nur, ich will die Figur des Sebastian genauso in die Fremde schicken, wie er die Figur des Kallmann in die Fremde geschickt hat. Mein Fotograf hat mich im Zuge der Dreharbeiten von Workingman’s Death in ein Vorstadtslum von Jakarta mitgenommen, und dort habe ich ungefähr das gleiche gemacht, was der Sebastian dort in Slumming macht. Ich fühlte mich fremd, aber auf eine seltsame Art glücklich, habe getanzt und den Frauen Geldscheine gegeben, ohne zu wissen, warum. Aber plötzlich habe ich gewusst, ich brauche nur mehr nach Hause zu fahren, und die Szene für den Film schreiben.

Die Figur des Sandlers Kallmann ist an eine reale Figur angelehnt. An welche?
Für Frankreich, Wir Kommen!!! habe ich fast eine Woche mit einem Menschen gedreht, der hieß Kallmann, der Ballmann. Zur Zeit der WM in Frankreich ist dieser Kallmann, der Ballmann durch Wiener Lokale gezogen und hat Fußbälle verkauft. Der ist natürlich ein völlig anderer, ein verschreckter Mensch, hat mich aber auf die Spur geführt zu dem Kallmann in Slumming, der eine Mischung aus dem anarchischen Dichter Hermann Schürer, aus Kallmann, dem Ballmann und mir selbst ist, und noch ein paar anderer Einflüsse. Eine komplexe Figur fußt auf vielen Realitäten.

In der Realität des Darstellens laufen diese Elemente in Paulus Manker zusammen. Wie ist die Zusammenarbeit mit diesem berüchtigten Herrn?
Ich sag einmal so: Vom rein Beruflichen her großartig. Paulus Manker ist ein fordernder, fleißiger und kämpferischer Schauspieler und nicht einer, der kommt und seinen Text abliefert. Mit ihm muss man sich auseinander setzen, matchen, streiten. Das kann man mögen oder nicht. Aber man macht sich’s oft bequem, deshalb gibt es zum Beispiel so wenige Filme mit dem Qualtinger. Und ich finde ganz ehrlich, es gibt auch zu wenige mit Paulus Manker. Ich halte ihn für einen großen Schauspieler des Landes.

Kallmann wird von Sebastian und Alex im Promillekoma entführt und auf dem Bahnhof von Znaim in Tschechien ausgesetzt. Wie gemein muss man sein, um auf so eine Idee zu kommen?
Da geht’s nicht um Gemeinheit. Die Idee ist im Grunde sehr prächtig für eine komplexe Geschichte und zeigt, wie nicht einfach die Welt ist. Dass aus einer bösen Tat etwas sehr Gutes werden kann, und dass die richtigen Entscheidungen oft aus den falschen Gründen getroffen werden. Um konkret auf deine provokante Frage einzugehen: Um Geschichten entwickeln zu können, muss man Konflikte entwickeln können. Und um Konflikte entwickeln zu können, musst du auch gemein sein können. Zumindest in Gedanken gemein sein können, glaube ich, sehr viele Menschen.

August Diehl, der den Sebastian spielt, kommt mir in seiner Rolle ein wenig unterfordert vor.
Das finde ich gar nicht. Gerade in seinem zurückhaltenden Spiel ist er perfekt für die Rolle. Er hat auch diese Vielschichtigkeit des Charakters. Dieser Sebastian ist eine Figur, von der man nicht weiß, ob man sie hassen oder bewundern soll. Man kann ihn für sehr intelligent oder fürchterlich halten, ein seltsamer Charakter. Der August bringt das total auf den Punkt. Er spricht als Deutscher in Österreich manchmal in deutschem Tonfall österreichische Worte. Er ist ein eigenartig intelligenter Grenzgänger.

Sebastian fotografiert zum Beispiel mit dem Handy Frauen unter dem Tisch zwischen den Beinen. Ist das ein Fetisch, der Nachahmer finden könnte?
Ich glaube, solche Sachen passieren sowieso sehr oft. Es gibt Handyfilmfestivals, im Internet finden sich Filmchen, wo jemand ein Pärchen im Park erwischt hat. Sebastian provoziert die Frauen mit einem nur halb heimlichen Mittel. Interessant ist hier wieder, wohin das dramaturgisch führt, ob die Frauen darauf einsteigen oder nicht. Die Lehrerin Pia zum Beispiel reagiert offensiv darauf und wirft Sebastian auf sein Verhalten zurück. Was pornografische Inhalte angeht: Der einzige Tag in der Geschichte des Internet, an dem Pornografie nicht Nummer eins war, war 9/11. Der einzige Tag! Jedes neue Medium, also auch Handyfotografie, wird zuallererst in Sachen Sex genutzt.

Wie sehr interessieren dich eigentlich Internet-Phänomene?
Ein hochinteressanter Themenkomplex, aber ich gehöre ja nicht zur Internet-Generation, bin kein Poster oder Chatter. Sich durch all diese Weblogs und so weiter durchzuwühlen, ist außerdem eine richtige Hacke. Wenn ich einmal einen Charakter habe, wo ich das brauche, werde ich mich da aber sicher tiefer rein begeben.

Inwieweit hat dir Barbara Albert beim Drehbuch von SLUMMING geholfen?
Die Barbara hat in einer Phase des Arbeitens eine neue Fassung für mich geschrieben. Sie hat mich sozusagen gerettet, als ich in der Geschichte zu sehr verstrickt war und festgesteckt bin. Die Liebesgeschichte zwischen Pia und Sebastian hat durch sie zum Beispiel gewonnen. Sie hat sozusagen für die Verstörung des Verstörers gesorgt, soweit ich mich erinnere.

Auch wenn sich bei dir die Formen verwischen: Reinen Spielfilm hast du länger keinen gemacht, jetzt in knapp drei Jahren gleich zwei. Wie kommt’s?
Bei Ameisenstrasse habe ich mich mit den Produktionsstrukturen eines normalen Films nicht sehr wohl gefühlt. Das ist auch der Film in meiner Filmografie, mit dem ich am unglücklichsten bin. Der sieht zwar über gewisse Strecken so aus, wie ich wollte, aber mir war der Apparat zu groß, um daraus einen homogenen ersten Film zu schaffen. Dann habe ich mich bewusst anderen Formen des Filmemachens zugewandt, wo ich mit kleineren Teams und mehr Zeit arbeiten konnte. Erst über Umwege, zum Beispiel das Theater im Bahnhof und Michael Ostrowski, habe ich wieder Freude gehabt, dahin zurückzukehren, oder auch einmal einen dummen Film wie Nacktschnecken zu machen. So habe ich mir das wieder angeeignet.

Und die nächsten Projekte?
Meine nächsten Filme werden zwei große klare Spielfilme und eine Doku, für die ich gerade in Asien recherchiere. Der eine Spielfilm wird Contact High heißen, dafür habe ich mit Michael Ostrowski das Drehbuch geschrieben, das wird eine Verwechslungskomödie. Und dann habe ich eine Romanverfilmung in Planung, eine hauptsächlich deutsche Produktion nach dem Roman Das Vaterspiel von Josef Haslinger.