Snow Cake

| Alexandra Seitz |

Ein Mann nimmt eine Tramperin mit, die dann bei einem Unfall ums Leben kommt. Daraufhin überbringt er ihrer autistischen Mutter die Todesnachricht und bleibt bis zur Beerdigung bei ihr.

Als der Engländer Alex (Alan Rickman) an einer Tankstelle in der verschneiten Weite Ontarios eine junge Tramperin mitnimmt, die dem verschlossenen Mann mit ihrer lebhaften, liebenswürdigen Art bald schon ein leises Lächeln entlockt, ahnt man noch nichts Böses. Stattdessen richtet man sich gleich einmal bequem ein in Erwartung eines herzerwärmenden Roadmovies. Mit dem jähen Schrecken des rasch folgenden Autounfalls, der das Mädchen tötet und den Mann traumatisiert zurücklässt, nimmt dieses Roadmovie dann aber ein dramatisch abruptes Ende. Und als der Mann, vom schlechten Gewissen gepeinigt, beschließt, der Mutter der Toten die schlimme Nachricht persönlich zu überbringen, wird man hellhörig. Schon tritt er den schweren Gang an, schon steht er vor der Tür, bereit, Buße zu tun. Doch die Frau, die ihm öffnet und sich gleich sehr sonderbar benimmt, scheint mit Trauer nichts im Sinn zu haben. Auch ein hysterischer Zusammenbruch bleibt aus. Linda (Sigourney Weaver) ist es vielmehr wichtig, dass der wildfremde Mann auf ihrer Schwelle nichts schmutzig macht und nichts durcheinander bringt. Denn Linda ist autistisch und daher nur sehr eingeschränkt zu sozialem Kontakt fähig. Das kommt nun wiederum Alex sehr entgegen, der mit Menschen so seine Erfahrungen gemacht zu haben scheint. Nun nähern sich die beiden natürlich einander an und im Umgang mit der eigenartigen Frau lernt der Mann, sich seiner eigenen traumatischen Vergangenheit zu stellen.

Das liest sich nicht nur klischeebeladen, das ist auch ebenso inszeniert, und Snow Cake bewegt sich mitunter nah an der Grenze zu jener schmerzhaften Sorte von konsensfähiger, verkitschter Rührseligkeit, die man am gehobenen amerikanischen Independent-Film inzwischen fürchten gelernt hat. Das wäre weiter nicht schlimm, würde man nicht Zeuge, wie sich zwei gute Schauspieler offenbar führungslos durchs schwache Drehbuch manövrieren und mit der Charakterisierung ihrer durchaus komplex und kompliziert angelegten Figuren in chargenhafter Skizzierung stecken bleiben. Während Rickman die ganze Zeit über unglaublich unterfordert wirkt und (subversiv?) britisches Understatement in nacktes Gelangweilt-Sein übergehen lässt, verirrt sich Weaver in hoffnungslos überzogen wirkender Gestik und Mimik, die die Grenze zur Lächerlichkeit mehrmals deutlich überschreitet.

Snow Cake ist weder zärtlich noch zartfühlend, Snow Cake ist die Behauptung von Zärtlichkeit oder Zartgefühl und damit letztlich Hochstapelei.