Mit „Snowden“ erzählt Oliver Stone die Geschichte des berühmtesten Whistleblowers
„I want to help my country to change the world.“ Mit diesem Satz versucht Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) beim Bewerbungsgespräch darzulegen, warum er sich für eine Laufbahn im Dienst der CIA interessiert. Er wird im Rahmen seiner Tätigkeit tatsächlich mithelfen, die Welt zu verändern, allerdings ganz anders als sich der junge Mann das vorgestellt, als er sich dazu entschieden hat, sich auf die Welt der Geheimdienste einzulassen. Er wird mithelfen, Entwicklungen in Gang zu setzen, die seinen Prinzipien so fundamental gegenüberstehen, dass er schließlich sich dem System widersetzt und sich zu einem drastischen Schritt entschließt. Es ist jedoch ein langwieriger Prozess, an dessen Ende Edward Snowden schließlich zum weltbekannten Whistleblower werden soll, der enthüllt, in welchem Umfang die Vereinigten Staaten von Amerika praktisch jedermann auf diesem Planeten überwachen.
Die Geschichte des Edward Snowden erscheint maßgeschneidert für eine filmische Aufbereitung, und nachdem Laura Poitras mit dem Oscar-prämierten Citizenfour (2014) die dokumentarische Seite abgehandelt hat, nimmt sich nun Oliver Stone des fiktionalen Zugangs an. Eine fast logische Wahl, denn Stone hat stets mit geradezu heiligem Zorn Politik und gesellschaftliche Zustände seiner US-amerikanischen Heimat mittels seiner filmischen Arbeit aufs Korn genommen, von Vietnam (Platoon, Born on the Fourth of July), über innenpolitische Ränkespiele (Nixon) bis hin zur Anprangerung einer ökonomischen Ideologie der zügellosen Gier (Wall Street) reicht seine schonungslose Kritik.
Vom Saulus zum Paulus
Oliver Stones Snowden setzt in jenem entscheidenden Moment ein, in dem Edward Snowden sich in einem Hotel in Hongkong mit der Filmemacherin Laura Poitras (Melissa Leo) und dem Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) trifft, um ihnen seine Informationen anzuvertrauen. In Rückblenden rollt Snowden auf, wie es zu jener Wandlung kommen konnte, die aus dem loyalen Geheimdienstmitarbeiter einen der größten Zweifler jener Praktiken machte, an denen er selbst jahrelang mitwirkte.
Geprägt von den Ereignissen um 9/11 fühlt sich Snowden verpflichtet mitzuhelfen, sein Land vor den sich auftuenden Gefahren zu schützen. Nachdem seine Aufnahme in die Army wegen einer Verletzung scheitert, eröffnet sich für den jungen Mann aufgrund seines außergewöhnlichen Informatik-Talents die Chance, seine Fähigkeiten in den Dienst der CIA zu stellen. Als dem Computerexperten bezüglich mancher Vorgehensweisen, die nur schwer mit den verfassungsmäßig verankerten Bürgerrechten schon früh gewisse Bedenken kommen, gibt ihm sein Ausbilder und Mentor Corbin O’Brian ((Rhys Ifans) die Generallinie vor: Im Kampf um die Freiheit dürfe man nicht wegen jeder einzelnen Entscheidung die Pferde scheu machen, sondern müsse zum Wohl des Landes das große Ganze im Auge behalten. Da sich Edward Snowden als überzeugter Patriot ansieht, kommt er sich anhand dieser Leitlinie gut im geheimdienstlichen Betrieb zurecht, für Bedenken grundsätzlicher Natur – die etwa bei Diskussionen mit seiner liberal eingestellten Freundin Lindsey (Shailene Woodley) manifest werden – bleibt da wenig Platz. Doch im Lauf der Zeit – Snowden arbeitet mittlerweile für die NSA, jene Geheimdienstorganisation, die die weltweite Überwachung elektronischer Kommunikation besorgt – fällt es ihm immer schwerer, die Zweifel einfach beiseite zu schieben. Zu umfassend ist die Kontrolle der Telekommunikation, von der, wie Snowden das anschaulich Poitras und Greenwald darlegt, jedermann auf diesem Planeten betroffen sein kann, der Smartphone oder Computer nützt. Und so reift langsam in ihm die Erkenntnis, dass die Freiheit nicht nur durch Terrorismus bedroht ist, sondern in einem noch größeren Ausmaß durch jene Aktivitäten der Geheimdienste, die vorgeben, die freie Welt zu beschützen. Also entschließt sich Edward Snowden dazu, gegen alle Regeln, denen er sich jahrelang unterworfen hat, zu verstoßen und öffentlich zu machen, wie jedermann von staatlicher Seite aus bespitzelt werden kann. Das Aufsehen, das diese Enthüllungen verursachten, war gewaltig, die Reaktionen, von Fassungslosigkeit bis zur blanken Empörung, dürften noch gut in Erinnerung sein.
Oliver Stone setzt die Geschichte Edward Snowdens zurückgenommen und über weite Strecken betont nüchtern in Szene. Die Wandlung Snowdens vom loyalen Geheimdienstmitarbeiter zum Whistleblower vollzieht sich ohne großes Drama, sie ist hier vielmehr das Ergebnis eines Erkenntnisprozesses, der aus vielen kleinen, unspektakulären Schritten besteht. An dessen Ende kommt Edward Snowden vielmehr analytisch als emotional, wie das nun eben seinem Naturell entspricht, zu dem Resultat, dass ein Informieren der Öffentlichkeit über das große Datensammeln vielmehr seinen Idealen entspricht als das weitere Geheimhalten, ungeachtet aller Risiken und Konsequenzen , die sich draus für ihn persönlich ergeben – und die sind bekanntermaßen deftig.
Snowden durchläuft dabei nicht wie etwa die Charaktere in Sidney Lumets Filmen einen schmerzhaften Prozess, in dessen Verlauf die Protagonisten sich schonungslos ihren Verfehlungen stellen und erst an ihrem psychischen Nullpunkt ankommen müssen, ehe die Läuterung vollzogen werden kann. Joseph Gordon-Levitt spielt Snowden auch entsprechend reduziert, ohne emotionale Achterbahnfahrten, doch dabei seinen Charakter präzise zwischen Nerd und abwägenden, rational agierenden Analytiker auszuloten. Die fast spröde Inszenierung mit der Snowden sich dem Protagonisten und seinem Vorgehen nähert, mag den realen Geschehnissen durchaus gerecht werden, sie bleibt angesichts des bisherigen Œuvres von Oliver Stone doch eine Überraschung. Denn bislang hat Stone in seinen Regiearbeiten dramaturgische und formale Zugänge gewählt, die seine inhaltlichen Positionierungen klar zu unterstreichen pflegten. Insbesondere anhand jener Filme, die sich mit zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten oder Ereignissen auseinandersetzen, wird deutlich, dass Oliver Stone eine prononcierte Haltung mit der ganzen Wucht die der Apparat des narrativen Kinos zu generieren versteht, zu etablieren wusste.
Ein kritischer Geist
In JFK (1991) geht Stone anhand der Ermittlungen des Staatsanwalts Jim Garrison (Kevin Costner) einer alternativen Theorie zum Attentat auf John F. Kennedy nach. Auf der Bildebene montiert Stone dabei einen furiosen Mix aus visuell unterschiedlichen Formaten und Archivmaterial, der die gefährliche und zugleich verführerische Sogwirkung verschwörungstheoretischer Überlegungen kongenial widerspiegelte und dabei zu einer Reflexion über den populärkulturellen Umgang mit solchen Theorien wird. Einer der umstrittensten Persönlichkeiten der US-amerikanischen Geschichte näherte sich Stone mit einem durchaus klassischen Zugang an. Nixon (1995) porträtiert den Präsidenten als Figur wie aus einem von Shakespeares Königsdramen: ein Mann mit Fähigkeiten, der jedoch auch auf dem Gipfel der Macht von seinen persönlichen Dämonen gequält wird, bis er sich schließlich, zerfressen von der Boshaftigkeit seines schlechten Charakters zu all jenen üblen Machinationen hinreißen lässt, die im Watergate-Skandal münden und zu Richard Nixons (Anthony Hopkins liefert dabei eine grandiose Probe seines Könnens ab, die noch lange im Gedächtnis bleibt) tiefen Fall führen. Ganz deutlich macht Oliver Stone seine kritische Einstellung gegenüber George W. Bush in W. (2008). Den hält Stone nämlich offensichtlich für einen reichlich unfähigen Menschen, der primär mit Hilfe seiner wohlhabenden Familie reüssiert, jedoch im Bestreben, der übermächtigen Figur seines Vaters Paroli zu bieten, vor nichts zurückschreckt. W. lässt kaum eines jener Klischees – von denen einige durchaus auch der Wahrheit entsprechen – aus, die bemüht wurden, um die intellektuellen Limitierungen des ehemaligen Präsidenten zu demonstrieren. Stones Zorn auf die Politik von George W. und seiner berüchtigten Weggefährten wie Dick Cheney und Donald Rumsfeld mag berechtigt sein, sein Eifer in dieser Causa hat W. jedoch nicht unbedingt gut getan. Allein die Anhäufung dieser klischeehaften Vorstellungen lässt George W. Bush und seine Entourage trotz eines namhaften Casts mit Josh Brolin, Richard Dreyfuss, Scott Glenn, Toby Jones, James Cromwell, Ellen Burstyn und Thandie Newton wie stereotype Figuren (in manchen Fällen auch nur wie Lookalikes) wirken. W. ist über weite Strecken auch nicht viel mehr als ein schablonenhaftes Biopic mit stark grotesken Zügen, ein süffisanter Kommentar der unglückseligen Präsidentschaft von Bush jr, dem jedoch die wuchtige Eindringlichkeit anderer Oliver-Stone-Regiearbeiten fehlt.
Oliver Stones Empörung über die Praktiken der NSA wird vermutlich nicht weniger groß gewesen sein, doch im Fall von Snowden ist der Regisseur sichtbar überlegter vorgegangen. Die bereits erwähnte Zurückhaltung dramaturgischer Natur ist der Geschichte des Protagonisten durchaus zuträglich, zudem schließt sich damit auch in gewisser Weise ein thematischer Kreis. Denn in der Figur des Edward Snowden, der durch eigene, bittere Erfahrungen seinen Patriotismus neu und völlig konträr definieren muss, mag man durchaus Parallelen zu Oliver Stones eigener Biographie erkennen. Stone meldete sich als junger Mann 1967 freiwillig zum Kriegseinsatz in Vietnam, um jedoch aufgrund seiner dortigen Erlebnisse zum scharfen Kritiker dieser Politik zu werden. Platoon versteht diese Kritik virtuos zu formulieren, anhand des von Charlie Sheen gespielten Protagonisten, eine Art Alter Ego von Oliver Stone, zeigt sich deutlich dessen Erkenntnis- und Wandlungsprozess. Ein Satz, den der CIA-Mitarbeiter Corbin O’Brian Edward Snowden mitgibt, bekommt, wenn auch auf andere Art, Gültigkeit: „You don’t have to agree with politicans to be a patriot.“
