Filmkritik

Snowpiercer

| Ralph Umard |
Visionäres Revolutionsdrama aus der nahen Zukunft, mit antikapitalistischer Tendenz

Babies schmecken am besten“, erinnert sich der traumatisierte Revolutionsführer Curtis (Chris Evans) an den Horror vor 17 Jahren, als die Hungersnot unter den in fensterlosen Waggons eingepferchten Menschen so extrem war, dass es zu Kannibalismus kam. Inzwischen ist für ausreichende Ernährung gesorgt, aber noch immer vegetieren die Armen in der dritten Zugklasse unterdrückt in elenden Verhältnissen, während die Reichen in der ersten Klasse luxuriös in Saus und Braus leben. Der „Snowpiercer“ ist ein 650 Meter langer Zug, der nonstop unterwegs rund um die Erde ist, die er jedes Jahr einmal umkreist. Bei den Fahrgästen handelt es sich um die letzten Überlebenden der Menschheit, nachdem eine Klimakatastrophe die Erde in eine Eiswüste verwandelt hat. Abgeschottet im Maschinenraum an der Spitze der futuristischen Eisenbahn residiert Wilford (Ed Harris), der von den Reichen vergötterte geniale Konstrukteur des Perpetuum Mobiles auf Schienen. Curtis ist entschlossen, die Herrschaft des Machiavellisten zu brechen, um den spirituellen Leiter der Armen, Gilliam (John Hurt), zum Zugführer zu machen. An der Spitze seiner Mitstreiter kämpft sich Curtis im erbitterten Gefecht mit Wilfords bewaffneten Schutztruppen vom Ende des Zuges Waggon für Waggon nach vorne durch bis zur Lok.

Anhand der Comic-Vorlage „Le Transperceneige“ von Jacques
Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette hat Südkoreas kommerziell erfolgreichster Regisseur Bong Joon-ho (The Host, Mother) ein einfallsreiches, systemkritisches Science-Fiction-Script über Klassenkampf, Technokratie, Drogensucht und die Dekadenz der Reichen geschrieben, und in den Barrandov Studios an äußerst phantasievoll ausgestatteten Filmsets mit Starbesetzung ungemein spannend in Szene gesetzt. Jedes neue Zugabteil, das die Revolutionäre erreichen, birgt verblüffende Überraschungen: Da gibt es in Schubladen eingesperrte Menschen, eine Schule zur Indoktrinierung der Oberschichtkinder, Gemüsegärten, eine Disco und Wellness-Bereiche. Tilda Swinton als Wilfords rechte Hand sorgt mit ihrer outrierten Spielweise für komische Momente.

„Schneid ihm die Zunge heraus“, rät der alte Gilliam Curtis am Anfang des Films. Gemeint ist Wilford, doch die Bedeutung der Worte wird erst bei dessen herrschaftsideologischem Diskurs mit Curtis gegen Ende dieser spektakulären Polit-Parabel offenbar.